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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.12.2016

"Schere Faust Papier" in HamburgMit den Pantoffeltierchen in die Urzeit und zurück

Von Michael Laages

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Michel Decar hat mit "Schere Faust Papier" in Hamburg ein unterhaltsames Apokalypse-Stück vorgelegt. (Deutschlandradio / René Fietzek)
Michel Decar hat mit "Schere Faust Papier" in Hamburg ein unterhaltsames Apokalypse-Stück vorgelegt. (Deutschlandradio / René Fietzek)

Michel Decars "Schere Faust Papier" am Thalia Theater Hamburg ist eine echte Vorweihnachtsüberraschung. Selten hat unser Kritiker die Apokalypse so unterhaltsam auf der Bühne gesehen. Die Inszenierung von Ersan Mondtag über fünf Überlebende eines Atomkrieges begeistert ihn.

Die im Duett schreibenden jungen Dramatiker Jakob Nolte und Michel Decar sind auch jeder für sich allein aktiv, der Augsburger Decar hat gerade einen neuen Text vorgelegt; rätselhafter Titel: "Schere Faust Papier." Ein Kinderspiel? "Schwupp-di-wupp" im Theater? Für den Text hat sich der (übrigens auch noch-nicht-ganz-30-Jährige) Ersan Mondtag begeistert, und der ist so etwas wie der Senkrechtstarter unter den Regie-Talenten - mit "Tyrannis", einem beinahe stummen Familienspiel fürs Staatstheater in Kassel, war er in diesem Jahr zum "Theatertreffen" nach Berlin eingeladen. "Schere Faust Papier" aber ist nun tatsächlich ein richtiges (und richtig gutes) Stück.

In einem Bunker sind da fünf Wesen zu Hause und dass es draußen wohl donnert und blitzt und alle möglichen Angriffswellen auf den Schutzraum hernieder prasseln, vom Schrapnell bis zur Atombombe, ist drinnen kaum zu spüren.

 "Diese Wände sind meterdick Da kann gar nichts passieren Da kann man schon viel versuchen Da kann man sein ganzes Arsenal testen; von mir aus - gerne! Wollen uns in die Steinzeit zurück bomben Das wäre ja noch schöner! Da können sie lange schmeissen Bitte, nur zu! Hej Leute, seid mal kurz still!"

Die letzten Überlebenden zurückgebombt in die Steinzeit

Irgendwo da draußen ist Krieg, und vielleicht ist die Welt, wie wir sie kennen, auch schon ein anderer Stern - als bunte kleine Kugel dreht sie sich jedenfalls links oberhalb von Paula Wellmanns Bühne. In jedem Fall haben die Fünf sich eingerichtet in ihrer Sicherheit. Wer sie sind? Die Kostüme von Josa Marx sind ein Ereignis für sich - fünf menschenartigen Pantoffeltierchen sehen und hören wir da zu, pelzige Front- und Rück-Seiten haben sie, übergroße Füße, überlange Greifhände mit je drei Fingern dran; sind das Milben, sind das Käfer? Jedenfalls sind das die letzten Überlebenden der Zivilisation. Und ja: "in die Steinzeit" zurück wurden sie gebombt. Denn während sie immer wieder "ein Kratzen" hören durch meterdicken Beton (neue Bomben eben), wandern sie singend durch die zerklüftete Rest-Welt, und diese Wanderung führt sie tatsächlich ganz weit zurück in der Geschichte, zum Beispiel in die Höhlen von Lascaux.

Wie in Stanley Kubricks legendärer Eröffnungssequenz für den Film-Klassiker "2001 - Odyssee im Weltraum", nur eben rückwärts, vom Atomzeitalter zurück in die Ur-Welt, stürzen sie an den Beginn der Menschheit; und erleben nun noch einmal deren Entwicklung: Urgesellschaft, Mittelalter, Revolutionen, den deutschen Faschismus und alle anderen Massaker der Menschheit; bis sie wieder im Bunker vom Beginn ankommen. Diesen Warteraum kurz vor dem Nichts haben sie wohl nie verlassen.

Ersan Mondtag inszeniert mit überschäumender Spielfantasie

Michel Decar hat ein im Kern wirklich sehr starkes Stück geschrieben. Und Ersan Mondtag, bislang stets mit extremer Abstraktion beschäftigt, inszeniert tatsächlich (mit überschäumender Spielfantasie und darum genau so grandios!) die Kern-Struktur dieses Textes. Der Berliner Multi-Instrumentalist Max Andrzejewski hilft ihm sehr dabei - das Sprechen über Marimbaphongeklöppel zu Beginn gibt der Aufführung ein hinreißend strenges Entrée; und auch danach bleibt die Stimm- und Sprachführung extrem musikalisch. Das Hamburger Ensemble geht ganz auf im Kollektiv; nur wer Marie Löcker, Oda Thormeyer und Cathérine Seyfert, Thomas Niehaus und Tilo Werner über die Jahre in Hamburg schon ein bisschen besser kennen gelernt hat, entdeckt in der Sprach-Musik des Stückes auch die Melodien der ganz privaten Menschen-Stimmen.

Selten war Apokalypse so komisch wie bei Decar, und noch nie hat der mit viel zu viel Hype umgebene Jung-Star Mondtag so unübersehbar eindrucksvoll "Regie geführt". Das war eine echte Vorweihnachtsüberraschung hinter dem Theaterkalender-Türchen in Hamburg.

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