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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 10.06.2016

Schawuot-FestZwischen Mystik und Käsekuchen

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Ein Mitglied einer neunköpfigen Jury testet am in der Bäckerei Rösler in Berlin-Spandau beim "Vierten Berlin- Brandenburger Käsekuchen-Wettbewerb" frisch gebackenen Käsekuchen aus Schichtquark.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Zu Schawuot wird vor allem Milchiges gegessen: Käsekuchen und Milchspeiseeis haben an diesem Feiertag Hochsaison. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Für säkulare Juden steht Schawuot-Fest vor allem Käsekuchen- und Eiskrempartys. Doch das Wochenfest hat neben seiner kulinarischen auch landwirtschaftliche und mystische Bedeutungen.

In Form einer Steintafel brachte Moses die Zehn Gebote vom Berg Sinai herunter. Daraufhin schlossen die Hebräer den gegenseitigen Bund mit G'tt. Das war der Überlieferung nach vor knapp 3300 Jahren.

Doch neben der historisch-religiösen Auslegung, Chag ha-Thora, der Empfang und die Annahme der Heiligen Schrift, gibt es auch eine landwirtschaftliche Bedeutung des Feiertages Schawuot. Die Israeliten waren vorderasiatische Kleinbauern und viele Feiertage haben ihren Ursprung im Rhythmus des Agrarjahres. Vor sieben Wochen wurde mit Pessach der Auszug aus Ägypten und der Beginn der Roggenernte gefeiert. Im Spätsommer stehen zu Sukkot die Sommerfrüchte im Zentrum der Aufmerksamkeit und jetzt, zu Schawuot, ist es die Ernte des Weizens und der Erstlingsfrüchte.

Israel ist für Juden weltweit das gelobte, Heilige Land. Doch Obst aus Israel wird von orthodoxen Juden in der Diaspora auch zu Schawuot eher gemieden. Leonid Golzmann ist der Maschgiach, also der Koscherinspekteur, des Rabbiners Yitshak Ehrenberg.

Alle sieben Jahre sind israelische Früchte nicht koscher

"Alles was aus der Erde wächst, ist koscher. Und man muss einfach nur aufpassen, wenn es aus Israel kommt, weil da gibt es das Schmitta-Jahr und da achten wir halt darauf, dass die Produkte nicht aus Israel kommen."

Das Schmitta-Jahr ist quasi ein Schabbatjahr, eine Ruhezeit. Nach jüdischem Gesetz muss im siebten Jahr sämtliches Ackerland brach liegen, um als koscher zu gelten. Das gilt jedoch nicht für deutsche Äcker, da diese ja nicht in Israel liegen. Da man aber israelisches Obst in Deutschland dahingehend nicht überprüfen kann, lässt Leonid Golzmann israelische Früchte lieber links liegen.

"Also im Schmitta-Jahr sind die Früchte der Bäume nicht erlaubt. Aber das ist wiederum eine Sache, die der Rabbiner besser erklären kann."

"Als das jüdische Volk die Thora von G'tt bekommen hat, beziehungsweise einen Bund schloss, gibt es verschiedene Stufen von Heiligkeit: Die Thora ist heilig, und noch etwas ist sehr wichtig, das Land ist auch heilig. Und weil Erez Israel heilig ist, gibt es spezielle Gebote beziehungsweise Verbote, die nur mit dem Land verboten sind. Also mehrere Dinge, die in Israel verboten sind, sind es im Ausland nicht."

In der Antike brachte das Volk zu Schawuot Opfergaben zum Tempel in Jerusalem. Jalda Rebling, Sängerin und Kantorin, sitzt unter einem amerikanischen Traubenkirschenbaum am Rande eines kleinen Ackers und sieht in dem Tempelopfer eine andere Bedeutung:

"Früher sind die Menschen zum Tempel gegangen und haben ihren Korban gebracht – Opfer wird das übersetzt, fälschlicherweise. Korban kommt von 'lehakriv', nahekommen. Also ich habe eine gute Ernte gehabt und als Dank nähere ich mich der Quelle allen Lebens, nähere ich mich G'tt und bringe etwas. Ich bekomme etwas und gebe etwas."

Ökologische Speisevorschriften

Jalda Rebling bewirtschaftet mit ihrer kleinen Berliner Gemeinde Ohel Hachidusch das Stückchen Ackerland. Zusätzlich gibt es ein paar Hochbeete, einen wilden Apfelbaum und Tomaten. Da die Ackerfläche dieses Jahr brach liegt, gibt es nur wenig Erstlingsfrüchte zu Schawuot.

"Wir leben hier nicht in Israel, sondern unser Feld steht im westlichen Teil von Berlin, ganz im äußersten Westen, in Gatow, und was wir hier im Moment schon ernten können sind Kräuter. Wir werden natürlich auch die Kräuter dann, wenn wir Schawuot feiern in den nächsten Tagen, werden wir sie auf den Tisch legen, weil das unsere Ernte ist und damit natürlich auch die Ehrfurcht vor Allem, was mit diesen Festen zu tun hat. Also wie wichtig das für die Menschen war, wenn die Ernte gut war, zum Tempel zu gehen und die ersten Früchte darzubringen, um Danke zu sagen. Machen wir ja heute nicht mehr. Wir gehen in den Supermarkt und meckern, wenn im Mai die Äpfel nicht mehr so sind, wie du sie gerne haben möchtest, anstatt zu begreifen: Hallo, es ist Mai! Ja, da wird überhaupt nicht mehr darüber nachgedacht. Ökologie und Kaschrut hängen für uns zusammen und damit natürlich auch die Erfahrung selber die Hände in die Erde zu stecken."

Das spiegelt sich auch im fröhlichen Lied um die Erstlingsfrüchte, dem Bikkurim, wieder.

"Der Korb ist auf den Schultern,
das Kränzchen auf dem Haar.
Wir gehen froh und munter,
wir bringen Früchte dar.
Von Judah, von Juda und von Schomron,
aus dem Emek, aus dem Emek und Galil.
Wir tanzen und wir singen,
um Erstlinge zu bringen.
Hach, hach, trommeln wir,
die Flöte spielt so schön.
Hach, hach, trommeln wir,
die Flöte spielt so schön."

Schawuot ist ein wichtiger Feiertag. Zuriel und Natali von der jüdischen Traditionsschule von Chabad in Berlin:

"Am Morgen gehen wir zur Synagoge erstmal. Da gibt es ein langes Gebet. Dann essen wir eine Mahlzeit. Dann machen wir einfach wie normal. Wie einfach halt ein Schabbat, die Eltern schlafen, wir machen irgendetwas leise. Eigentlich ganz normal wie immer." 

"Man darf nicht Gott fotografieren"

"Es gibt noch etwas. In der Synagoge wird die Megillat Ruth, also so eine Ruth-Rolle vorgelesen. Also es spricht von einer Frau, die Ruth hieß, die war früher unjüdisch. Dann hat sie sich konvertiert und das war die Urgroßmutter von König David."

Einen wichtigen Brauch gibt es aber doch: die lange Nacht des Lernens oder Tikkun Lejl Schawuot. Die Israeliten verschliefen damals quasi die Ankunft von Moses mit der Gesetzestafel. Und damit sich das nicht wiederholt, bleibt man heutzutage in der Nacht vor Schawuot wach und studiert traditionelle Text.

Doch was sind überhaupt die Zehn Gebote? Simon und Shimon gehen noch in den Kindergarten, und wissen gut Bescheid:

"Man darf nicht Gott fotografieren, kein Bild machen. Du bist dran!"
"Man darf nicht lügen."
"Man soll jeden Freitag Schabbat feiern. Du bist dran, da."
"Es gibt nur einen G'tt."
"Man soll nicht die Ehe brechen."
"Man soll nicht über andere schlecht reden."
"Man darf nicht klauen."
"Man darf nicht begehren. Das heißt – ich bin ein sehr schöner Vogel zum Beispiel und du bist nicht schön."
"Und man darf nicht töten."
"Immer den Eltern essen geben."
"Man soll immer die Eltern ehren. Man soll zu den Eltern immer ganz lieb sein."

Schawuot ist sozusagen der Grundstein der jüdischen Gesetzgebung. Jalda Rebling spricht noch einen weiteren wichtigen Punkt an: Zu Schawuot wird vor allem Milchiges gegessen. Käsekuchen, Blintzes und Milchspeiseeis haben an diesem Feiertag Hochsaison.

"Eine Geschichte, die ich sehr, sehr schön finde, ist, dass wir ja erst am 'Har Sinai' die Gesetze bekommen haben und vorher nicht wussten, dass man Milch und Fleisch trennen soll und dass wir deshalb nur Milchiges essen, also Quarkkuchen und Käse und da gibt es auch Quarkkuchen-Wettbewerbe und so weiter."

"Eigentlich freue ich mich immer auf das Eis. Meine Mutter erlaubt mir nicht immer Eis zu essen, sondern immer in Mengen und deshalb ist das der einzige Feiertag, wo ich dann sage: Okay, ich kann jetzt essen, was ich will, so viel ich will und, ja, das freut mich am meisten."

Auch das Jüdische Museum Berlin stellt sich auf den Festtag ein. Shlomit Tulgan hat sich darüber Gedanken gemacht und ein Programm organisiert. Sie ist zwar mit ihrem jüdischen Bubales-Puppentheater weit über die Grenzen Berlins bekannt, aber dieses Mal bleiben die Puppen in der Kiste. Zu Schawuot gibt es eine Führung durch die Ausstellung und danach werden Blumen aus Papier gebastelt. Denn mit Pflanzen und Blumen werden Häuser und Synagogen zu Schawuot geschmückt. Das Programm heißt dementsprechend auch "Die Blumen der Tora".

Zehn Gebote? Es gibt 613!

"Also wir wollen jetzt in der Führung keine Bibelstunde machen, sondern wir wollen einfach wirklich zum einen auf das Fest an sich, wie es gefeiert wird, wie es praktiziert wird, eingehen, aber auf der anderen Seite möchten wir schon auch auf die Bedeutung der Zehn Gebote eingehen und wir gucken uns Objekte an, die zeigen, was insgesamt die Thora im jüdischen Leben ausmacht. Also sprich: Es gibt ja nicht nur zehn Gebote, es gibt ja ganze 613 Gebote."

Schawuot, der Feiertag, der irgendwo in der Mitte des Jahres stattfindet, könnte von säkularen Juden fast vergessen werden, wäre da nicht die vielen Käsekuchen- und Eiskrempartys. Es gibt kein großes Aufsehen um die wichtigen Ereignisse, wie die Vergabe der Zehn Gebote und den Bund G'ttes mit den Israeliten. Dennoch eint der stille Feiertag die folkloristischen, landwirtschaftlichen und mystischen Bedeutungen, die so grundlegend für die Juden sind.

Mehr zum Thema

Das Pessach-Fest - Als die Israeliten ein Volk wurden
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 22.04.2016)

Schawuot-Fest - Lernen als geistiger Widerstand
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 22.05.2015)

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