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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.01.2014

Schauspielhaus WienDer Prozess des Erinnerns im Mittelpunkt

Wiener Theaterserie zum Ersten Weltkrieg hat begonnen

Von Bernhard Doppler

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Österreichisches Militär im Jahr 1914 bei Übungen der Grenze zu Serbien.
Österreichisches Militär im Jahr 1914 bei Übungen der Grenze zu Serbien.

Anne Habermehl hat für die erste Folge der "Theaterserie" meist Hundertjährige nach ihren Erinnerungen gefragt. Daraus entstanden ist ein Stück über das Erinnern, Verdrängen und Für-Sich-Behalten.

Im Schauspielhaus Wien hat sich das Format "Theaterserie" schon seit längerem erfolgreich etabliert. Woche für Woche hat da zu einem Thema zwei,drei Monate lang immer eine neue Folge Premiere, sei es, dass ein dicker Roman ("Die Strudelhofstiege" von Heimito von Doderer), oder das Werk Sigmund Freuds oder die "Zehn Gebote" in mehreren Teilen durchgegangen werden.

Die "Theaterserie" bindet das Publikum über einen längeren Zeitraum kontinuierlich an das Theater, und durch seine schnelle Produktionsweise (am Abend wird gespielt, unter Tags die nächste Folge geprobt) ist sie beweglich und für Experimente offen. Dazu kommt in Wien noch, dass mit der "Theaterserie" die nähere Umgebung des Wiener Schauspielhauses, der Gemeindebezirk Wien-Währing erforscht und erkundet wird.

Theater abseits der Bühne

2014 ist das Serienthema "Der Erste Weltkrieg", ausgehend von Stefan Zweigs Autobiografie "Die Welt von gestern". Am ersten Abend, "Glanz und Schatten Europas" wurden die Zuschauer vom Theater weg an einen geschichtlich bedeutsamen, aber eher unscheinbaren Ort als Spielstätte geführt, in den Saal Berthold im "Palais Strudelhof", heute ein Tagungsraum im "Hotel Strudelhof". Im Saal Berthold wurde im Juni 2014 das Ultimatum an Serbien unterzeichnet, das den Ersten Weltkrieg auslöste.

Zweigs "Die Welt von gestern" war ein Bestseller und wurde gerne als kulturhistorische Einführung in die Zeit der Jahrhundertwende genutzt, denn Zweig - an vielen Orten in Europa zu Hause - hatte zu den wichtigsten Künstlern seiner Zeit enge Kontakte. Für das Weltkriegs-Projekt des Schauspielhauses taugt das Werk nur bedingt, in der Theaterserie interessierte man sich- zumindest in der ersten Folge - nur um seine Haltung des Erinnerns und einige pathetische Sätze aus dem Buch.

Berührende Dramenskizze über ein alterndes Paar

Anne Habermehl hat für die erste Folge (und wohl auch die weiteren Folgen) uralte, meist hundertjährige Leute nach ihren Erinnerungen gefragt und dabei den Prozess des Erinnerns, Vergessens, Verdrängens und Für-Sich-Behaltens in den Vordergrund gestellt. Sicherlich: das alte Paar, das in der ersten Folge auf der Bühne steht - eindringlich gespielt von Margarethe Tiesel und Michael Gampert - sind Künstler oder an Politik interessierte Europäer wie Zweig und ihre Erinnerungen vermischen sich mit Zweigs Prosa.

Doch der erste Abend überzeugt vor allem als berührende eigenständige Dramenskizze über ein alterndes Paar, ein Drama Anne Habermehls in nuce also. Geschickt wird in ihm auch die oft fast paradoxe Interviewsituation zwischen den neugierigen jungen Fragenden und der hundertjährigen Interviewten ins Spiel gebracht. Unnötiger Luxus der Schluss: fünf Halbwüchsige, die in knappen Statements ihre Zukunftswünschen und ihren Fragen an die Vergangenheit bekannt geben.

Auf die weiteren Folgen aber, auch auf welchen Orten außerhalb des Theatergebäudes sie spielen werden, kann man gespannt sein. Neben Anne Habermehl werden als Autoren auch Ferdinand Schmalz und Philipp Weiss fungieren, und auch eine Choreografie ist als 3. Folge angekündigt.

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