Schauspielerin Nicole Gospodarek

„Man ist immer am Limit“

05:31 Minuten
Die Schauspielerin Nicole Gospodarek steht in einem Puppentheater und hält eine Puppe vor sich. Sie lächelt dabei in die Kamera.
Kaum Geld zum Leben: Zwischenzeitlich hatte Nicole Gospodarek fünf Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. © Thilo Schmidt
Von Thilo Schmidt · 05.01.2022
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Schauspielerei wird oft mit Geld und Ruhm in Verbindung gebracht. Doch die meisten Schauspieler bewegen sich abseits des etablierten Betriebs, sind selbstständig oder haben befristete Engagements. Eine von ihnen ist Nicole Gospodarek.
Die Bühnentechniker bauen die Kulisse wieder ab. Ein Theatermitarbeiter ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Nicole Gospodarek steht im großen Theatersaal. Lange Jahre war sie selbstständig.
Sie macht Figurentheater; erzählte mit ihren Puppen herzergreifende Kindergeschichten:
„Welches Stück interessiert mich, welche Geschichte möchte ich erzählen, was möchte ich meinem Publikum sagen? Wen suche ich mir, der mich dabei unterstützt? Was für einen Puppenbauer suche ich mir, welchen Regisseur nehme ich mir? Wer komponiert für mich die Musik? Das war ein schöner, kreativer, spannender Prozess.“

Einbußen durch Lockdown

Aber oft auch anstrengend, nervenaufreibend, manchmal zermürbend.
„Dann bezahlt man die Produktion aus eigener Tasche. Ich bezahle meinen Regisseur, meine Puppenbauerin, den Musiker. Ich gehe in Vorleistung, habe viele Tausend Euro ausgegeben und weiß letztlich nicht, ob ich die mit dem Stück wieder einspielen werde.“
2020 wäre ein sehr gutes Jahr geworden. Nicole hätte Engagements bundesweit gehabt. Dann kam der Lockdown. Den hat sie nur durchgehalten, weil sie wusste, dass sie ab September 2020 Ensemblemitglied am Theater des Lachens in Frankfurt werden sollte, ein Kindertheater in einem Hinterhof unweit der Oder.

Urlaub an der Ostsee

Vor einigen Monaten ist ihr Vertrag bis September 2022 verlängert worden. Festgehalt – ein Privileg, das sie früher nicht kannte.
„Es kann sein, die Kitagruppe ist krank, die kommen nicht, das Theater ist zu oder dass es ausfällt. Oder es kommen eben nicht 50 Gäste, sondern nur zwei. Das bedeutet, ich habe keine Einnahmen. Man ist immer am Limit.“
 Das Geld, das sie als Selbstständige verdient hat, hat für sie und ihren Sohn kaum gereicht. Aber, sagt Nicole, sie habe es ihn nicht spüren lassen.
„Wir können uns keine riesigen Urlaube leisten, aber wir leisten uns Urlaub, und wenn es nur für drei Tage an der Ostsee ist. Wir müssen nicht auf die Malediven. Ich find das heute sowieso unangemessen.“

"Von der Hand in den Mund - wenn Arbeit kaum zum Leben reicht": Das ist das Thema der Deutschlandradio-Denkfabrik 2022. Das ganze Jahr über beschäftigen wir uns in Reportagen, Berichten, Diskussionen und Interviews mit der Lage der Arbeitswelt in Deutschland. Die einzelnen Beiträge sind unter Denkfabrik Deutschlandradio nachzuhören und nachzulesen.

Zwischendurch hatte sie bis zu fünf Nebenjobs gleichzeitig. In der Eisdiele, als Kindergärtnerin, in der Gastronomie.
„Ich kann mich erinnern, dass ich einmal beim Jobcenter war und heulend vor den Mitarbeitern saß und sagte: Bitte gebt mir doch Arbeit, was könnt ihr mir denn anbieten? Dann wurde mir gesagt, na ja, mit Ihrer Sprecherziehung, da könnten wir Ihnen ein Job im Callcenter anbieten. Also für Otto Drohanrufe tätigen, um Leuten zu sagen, sie möchten mal bitte ihre Rechnungen bezahlen.“

Geld ist nicht alles

Ich habe Nicole vor ein paar Jahren in einem Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz getroffen. Sie hat dort Weihnachtsgeschenke eingepackt.
„Ich weiß im Prinzip jetzt schon, Altersarmut ist mir vorherbestimmt. Da führt gar kein Weg daran vorbei. Es gibt keine Möglichkeit, sich abzusichern. Bei diesen geringen Gehältern kann man da keine Rücklagen bilden oder Puffer für die Rente anlegen. Das ist schier unmöglich.“
Trotzdem: Nicole kann nicht anders. Weil Geld nicht alles ist. Weil es raus muss, was sie auf der Seele hat, weil sie Schauspielerin ist und dafür brennt.
„Ja, wenn man von Berufung sprechen möchte, oder … wenn das Herz dafür schlägt. Sich neu zu erfinden, jeden Tag, das sehe ich als meine Aufgabe. Jedes neue Stück als neue Chance zu sehen. Darauf zu vertrauen: Irgendwie kommt man schon durch.“

Das Gefühl von Zusammenhalt

Und dann nimmt sie ihre Handpuppe und legt los.
„Das wäre jetzt so mein Wunsch gewesen, die Leute mit einem positiven Gefühl in die Weihnachtszeit zu schicken. Mit einem Gefühl der Verbindung, bitte lasst uns zusammenhalten, seid gut miteinander.“
Aber immerhin: Nicole wird weiterbezahlt. Ein kleines Stück Sicherheit. Befristet bis September.

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