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Vollbild | Beitrag vom 24.03.2018

Schauspielerin Martina Gedeck über "Zwei Herren im Anzug"Ein Kaleidoskop von Glaube, Liebe, Hoffnung und Tod

Moderation: Susanne Burg

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Filmszene aus "Zwei Herren im Anzug": Josef Bierbichler als Gastwirt Pankraz mit Martina Gedeck als seine Frau Theres (© Gordon Muehle, X Verleih AG)
Filmszene aus "Zwei Herren im Anzug": Josef Bierbichler als Gastwirt Pankraz mit Martina Gedeck als seine Frau Theres (© Gordon Muehle, X Verleih AG)

Josef Bierbichler drehte "Zwei Herren im Anzug" nach Motiven seines Romans "Mittelreich". Martina Gedeck spielt im Film die verstorbene Frau eines Gastwirts und Bauern. Dafür konnte sie auf Erfahrungen aus ihrer Kindheit in Bayern zurückgreifen, erzählt die Schauspielerin.

Susanne Burg: Es ist eine Jahrhundertchronik, die Josef Bierbichler in seinem Roman "Mittelreich" verhandelt hat – eine Familiensaga, die im bäuerlich-katholischen Milieu Bayerns spielt und von den Verwerfungen innerhalb einer Familie erzählt, von der Verlogenheit, der Mitschuld an der Judenvernichtung.

Nach einem Hörbuch und einem Theaterstück ist jetzt nun aus dem Roman ein Film entstanden. "Zwei Herren im Anzug" heißt er. Josef Bierbichler hat Regie geführt und spielt auch die Hauptrolle, den Gastwirt und Bauern Pankraz. Der Film setzt im Jahr 1984 ein, als der Wirt und sein Sohn Semi gerade die Frau und Mutter Theres beerdigt haben. Sie sitzen zusammen und unterhalten sich, über den ersten Traktor, den Ersten und Zweiten Weltkrieg, Studentenunruhen, die Familie.

Die Mutter Theres ist tot, wird aber in Rückblenden erzählt. Gespielt wird sie von Martina Gedeck. Mit ihr habe ich mich getroffen und sie zunächst nach Josef Bierbichler gefragt. Die beiden haben das erste Mal zusammengearbeitet. Wie sie Bierbichlers Arbeit vor diesem Film wahrgenommen hat, wollte ich wissen.

"Ein Schauspieler, den ich immer sehr verehrt habe"

Martina Gedeck: Ich mochte ihn als Schauspieler unglaublich gerne, das ist eigentlich einer meiner Lieblingsschauspieler, und zwar von Anbeginn. Ich hab ihn zum ersten Mal in einem Film von Doris Dörrie gesehen, da war er noch ganz junger Schauspieler, dann später natürlich auf der Bühne, und ich war in der Zeit am Schauspielhaus Hamburg, als er dort spielte, als er die großen Rollen spielte.

Manchmal hab ich mich auf die Proben geschlichen und hab zugehört und zugeschaut, also ein Schauspieler, den ich immer sehr geschätzt und verehrt habe, einfach weil er aus Welten und Räumen schöpft, in die nicht jedermann immer gleich überhaupt kommt, und man ganz viel erfährt über das Leben, wenn man ihm zuschaut.

Burg: Der Film jetzt, "Zwei Herren im Anzug", basiert auf Motiven seines Romans "Mittelreich". Sie haben ja auch schon an einigen Romanverfilmungen mitgewirkt, also die bekannteren – Marlen Haushofers "Die Wand" und "Wir töten Stella". Lesen Sie die Romane eigentlich immer als Vorbereitung auf Ihre Arbeit?

Gedeck: Ja, natürlich. Das interessiert mich natürlich, und hier in dem Fall besonders, weil Josef Bierbichler ja auch Regie geführt hat, und es ist wirklich seine Geschichte, sein Roman, auch teilweise autobiografische Anmutungen zumindest dabei sind, auch wenn es keine Autobiografie ist, aber der Film hat sehr stark auch mit dem Roman zu tun.

Und die Figur zum Beispiel der Theres, die ich spiele – ich spiele im Film die Ehefrau von Josef Bierbichler. Das ist doch eine Frau, die im Roman sehr genau beschrieben wird und wo man ein ganz klares Bild bekommt. Und das hat mir eben auch für die Einstimmung auf die Arbeit gut geholfen und war mir sehr wichtig zu wissen.

Burg: Ihre Rolle gewinnt im Laufe des Films dann, finde ich, an Bedeutung. Sie sind so ein bisschen zwischen den Fronten gefangen, also vermitteln zwischen Sohn und Vater, zwischen den Schwestern und ihrem Mann. Wie würden Sie die Stellung von Theres im Clan beschreiben?

"Es gab eine wunderbare Entwicklung dieser Figur"

Gedeck: Ich gehöre eigentlich zentral zur Familienstruktur dazu, ich werde aber auch viel in Rückblenden erzählt, denn beim Beginn des Filmes, das ist das Begräbnis der Theres, die mittlerweile über 80 ist, und das war natürlich für mich auch das Interessante an der Figur oder überhaupt an der ganzen Geschichte, dass man also von sehr jungen Jahren beginnt. Ich hab dann ab Mitte 30 gespielt und dann bis in die 70er-Jahre hinein gespielt, und es gab eine wunderbare Entwicklung dieser Figur wie überhaupt aller Figuren.

Man erfährt sehr viel über die Beziehung der beiden Eheleute, auch ganz viel über die Beziehung der Mutter zum Sohn, alles, was unter den Teppich gekehrt wurde, alles, was nicht beim Namen genannt wurde. Natürlich entzündet sich dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn nun in dem Moment, da die Mutter nicht mehr da ist und die beiden Menschen, die beiden Männer sich sozusagen konfrontiert sehen miteinander, und alles, was eigentlich seit Jahren nicht zur Sprache kam, wird jetzt auf den Tisch gelegt.

Und auch angesichts des Todes fühlt man sich angehalten, miteinander Kontakt aufzunehmen, miteinander zu sprechen und sich anzuschauen.

Burg: Sie haben gesagt, alles das, was unter den Teppich gekehrt wurde, das scheint auch ein roter Faden zu sein, dass sehr viel nicht geredet wurde, wo dann auch noch die Vergangenheit mit herkommt, die Traumatisierung durch den Krieg. Wie positioniert sich da die Theres in diesem Schweigen, weil sie das ja dann auch selber irgendwann aufbricht, oder?

"Man hat nicht immer dauernd über seine Gefühle geredet"

Gedeck: Ich glaube, dass das eine ganz, sag ich mal, seelisch gesunde Frau war, die eben auch sehr viel verstanden hat, auch über ihren Mann, auch ohne dass sie sprechen musste oder die Dinge unbedingt ausgesprochen werden mussten zwischen den beiden. Ich glaube, sie hat da ganz viel auch über ihn so begriffen, wie das ja in der Welt oder in der Zeit auch Usus war. Man hat nicht immer dauernd über seine Gefühle geredet, schon gar nicht die Männer. Die Frau ist da eigentlich ein bisschen auch ein Halt, glaube ich, für beide.

Burg: Im Untertitel des Films heißt es auch "Ein Jahrhundert, eine Familie, drei Generationen, ein Stück bayerische Geschichte". Ist es für Sie wirklich auch ein Stück bayerische Geschichte?

Gedeck: Das hab ich jetzt nicht so empfunden, ich glaube, das könnte auch woanders spielen. Die Dinge, um die es geht, die können in jeder anderen Gegend auch stattfinden. Es ist halt, es gibt einen Dialekt, was ich persönlich sehr mag und was die Menschen, die mitspielen – das sind ja oft Laien –, auch sehr echt macht. Es ist nichts Aufgesetztes zu finden in diesem Film. So gesehen ist das natürlich eine bayerische Geschichte, aber sie könnte auch durchaus woanders spielen.

Burg: Das, was bayerisch oder dann auch deutsch ist, ist natürlich die Geschichte, die mit reinschwingt, also die Geschichte während des Zweiten Weltkrieges und wie ein Dorf mit der Nazigeschichte umgeht. Wie würden Sie das beschreiben, wie dieses Dorf mit der Geschichte umgegangen ist?

"Da wird wie in einem Kaleidoskop alles aufgefächert"

Gedeck: Also für mich ist es wirklich stark eine Familiengeschichte. Da wird einfach wie in einem Kaleidoskop alles aufgefächert, was uns eigentlich auch interessiert, finde ich. Es gibt den Glauben, es gibt den Tod, es gibt den Aufbruch, das neue Leben, es gibt die Hoffnung, junge Leute, die sich finden, die sich verlieben, da bekommt man einen starken Eindruck. Und es gibt natürlich – und das ist eigentlich das Interessante in der Hauptfigur und das wird an den Sohn weitergegeben, er hat halt eine Schwäche, er ist ein schwacher Mann eigentlich, und das holt ihn immer mehr ein, alles das, was er im Krieg erlebt hat. Und damit wird er im Grunde nicht mehr fertig dann am Schluss.

Das ist eigentlich ganz spannend zu sehen, wie er, der ein sehr kraftvoller Mann ist – es spielt ja der Josef Bierbichler selbst – da doch unter der Last dieser Vergangenheit zusammenbricht und nicht mehr wirklich beziehungsfähig ist dann, wenn man so will, also sich wirklich raushält dann am Schluss aus allem und seinen sturen Kopf versucht durchzusetzen, und das funktioniert halt nicht mit dem Sohn. Und diese Art von Konflikten, die sieht man im Film. Das ist etwas, was mit unserer Geschichte zu tun hat, aber für mich bleibt das eine exemplarische Geschichte, es könnte auch woanders sein.

Die Schauspielerin Martina Gedeck posiert am 10.10.2016 in der Lichtburg in Essen für die Fotografen. (imago / Sven Simon)Für die Figur der Theres habe sie mit einem bayerischen Mädchen den Dialekt geübt, erzählt Martina Gedeck. (imago / Sven Simon)

Burg: Ja, das stimmt, es ist in erster Linie die Familiengeschichte. Man merkt so ein bisschen, wie es dann aus der Familie rauskommt, wenn es zum Beispiel ins Wirtshaus geht und da alle zusammenkommen und dann der verschollene Sohn auftaucht und komplett traumatisiert ist und seine Naziparolen dann loslässt.

Gedeck: Ja, genau, natürlich. Und das wird ja im Dorf oder in der dörflichen Gemeinschaft immer getragen eigentlich von allen. Insofern ist ja die dörfliche Gemeinschaft eigentlich eine bewahrende, eine Halt gebende. Das ist auch hier sichtbar.

Burg: Sie selbst sind im bayerischen Landshut auch aufgewachsen und dann mit zehn Jahren nach Westberlin gezogen. Haben Sie dennoch für den Film an irgendwelche eigenen familiären Erfahrungen anknüpfen können, was dieses ländliche Leben in Bayern angeht?

"Die ganze Infrastruktur ist mir vertraut gewesen"

Gedeck: Ja, sicher, das war ja meine Kindheit, und die hat in den 60er-Jahren, nämlich genau zu der Zeit, wo der Film spielt, stattgefunden. Das heißt, die ganze Infrastruktur des Films ist mir völlig vertraut gewesen, nur dass ich halt Kind war und nicht erwachsen. Aber wir waren ja immer auf dem Land, meine Großmutter lebte auf dem Land, ich war viel bei Bauern, diese ganze Einrichtung, die Ausstattung des Films, die Kleidung, die Art auch, wie die Menschen sind, das war mir durchaus sehr, sehr vertraut.

Und ich war auch gottesfroh darum, denn ich musste ja diese Frau auch verkörpern, das ist mir darum überhaupt nicht schwergefallen. Auch diese Art zu sprechen, in Andeutungen, oder diese Art der Auseinandersetzung, die stattfindet, auch die Frechheit, die die Menschen haben, die Direktheit, die sie haben, das ist etwas, was ich sehr genau erinnere, und dass man einfach die Menschen schon so sein hat lassen, wie sie waren.

Es war gerade in Bayern auf dem Land durchaus normal, dass jeder sein eigenes Individuum ist und dass man die auch ruhig so lassen kann.

Burg: Es liegen ja trotzdem 40 Jahre ungefähr oder noch ein bisschen mehr zwischen Ihrem Wegzug und dann dieser Rolle. Wie leicht konnten Sie das reaktivieren, auch zum Beispiel jetzt überhaupt das Bayerische an sich, das Sie ja sprechen müssen im Film?

"Ansonsten habe ich mich auf Sepp Bierbichler verlassen"

Gedeck: Ich hab mich dann schon noch mal stark mit dem Bayerisch beschäftigt. Wenn ich in Bayern bin, rede ich auch gefärbt, aber hier war ja ein richtiges starkes Bayerisch gefordert, und da hab ich mich mit meinen Eltern über die Texte gemacht.

Ich hab mich auch mit einem bayerischen Nachbarskind zusammengesetzt, mit einem Mädchen, die mir die Texte vorgesprochen hat, mit der ich geübt hab – also das hab ich schon gemacht. Und ansonsten hab ich mich auf Sepp Bierbichler verlassen, weil der als Regisseur ja genau weiß, was er will, und die Welt kennt, die er erzählt, und da bin ich ihm gefolgt.

Burg: Die Welt, die er kennt, die er erzählt, er erzählt die auch auf eine bestimmte Art und Weise. Es hat was Theatralisches im Sinne von, dass mit den Mitteln des Theaters gearbeitet wird, mit den Kameraeinstellungen. Inwieweit war Ihnen das klar, dass das so sein würde, wie weit war das vorher abgesprochen?

"Er wollte nicht so tun, als wäre man jetzt selber so alt"

Gedeck: Das wurde mir in den Vorgesprächen klar, weil ich gemerkt habe, dass er keinen Wert darauf legt auf einen naturalistischen Realismus jetzt zum Beispiel, was jetzt die Masken angeht oder auch jetzt die alte Theres zum Beispiel. Da wollte er fast so was wie eine Mumie haben, das sollte fast was Irreales bekommen, diese alte Frau.

Er wollte nicht so tun, als wäre man jetzt selber so alt zum Beispiel, und da gibt es ja andere Regisseure, die da einen unglaublichen Wert drauf legen, dass das möglichst naturgetreu aussieht und so. Und da hab ich gemerkt, da geht es ihm eher um ein Zeichen, was man setzt und das ein starkes, kraftvolles Zeichen sein soll und dass es vom Wesen der Sache erzählt. Und das Drumherum ist dann höchstens störend, das lässt man lieber weg.

Und das ist das, was von ihm herkam, wo er von Beginn weg gesagt hat, ob da jetzt eine Strähne so oder so … natürlich muss es genau sein, aber er ist jetzt kein Bastler und Fummler gewesen, der da jetzt an so überflüssigem Kleinkram rumtüftelt, sondern es geht um die Kraft des Zeichens, was man setzt.

Burg: Martina Gedeck, jetzt zu sehen in dem Film "Zwei Herren im Anzug" von und mit Josef Bierbichler. Vielen Dank für Ihren Besuch!

Gedeck: Ja, ich hab mich auch gefreut, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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