Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 20.09.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Im Gespräch | Beitrag vom 30.08.2018

Schauspielerin Dagmar ManzelDer Moment, in dem man anfängt zu fliegen

Moderation: Katrin Heise

Beitrag hören Podcast abonnieren
Dagmar Manzel schaut hinter einem Vorhang hervor. (dpa/Stephanie Pilick)
Schauspielerin Dagmar Manzel: "Ich brauche keinen roten Teppich" (dpa/Stephanie Pilick)

Sie hat so unterschiedliche Rollen wie Petra Kelly, Maria Stuart und eine fränkische "Tatort"-Kommissarin gespielt. In diesem Jahr feiert die Schauspielerin Dagmar Manzel ihren 60. Geburtstag. Eine schwere Krankheit habe sie Dankbarkeit gelehrt.

Sie müsse ihre Figuren nicht lieben, sagt Dagmar Manzel. Erst an den Bruchstellen und Konfliktherden wird es für die Schauspielerin interessant. Seit vier Jahrzehnten ist sie im Theater, in Filmen und auf der Musikbühne zu sehen. An interessanten Rollen mangelt es ihr bis heute nicht. Auch deshalb blickt sie ihrem 60. Geburtstag mit Gelassenheit entgegen.

Es kommt vor, dass Dagmar Manzel mit Erde unter den Fingernägeln auf der Bühne erscheint. Dann hat sie sich vor der Probe noch um die Tomaten im heimischen Garten gekümmert. "Das ist eine große Freude und Entspannung für mich. Es ist fast ein bisschen wie eine Meditation." Die Arbeit im Garten ist für sie genau der richtige Ausgleich für ihren vielfältigen, aber auch aufreibenden Beruf als Schauspielerin.

Rebellische Maria Stuart

Dabei verheimlicht sie als Schülerin zunächst ihre Bewerbung an der Schauspielschule. Sie sei davon ausgegangen, dass es sowieso nicht klappe. Doch damit lag sie falsch. Sie wird angenommen und spielt schon mit Anfang 20 in den großen Theatern der DDR. Nach dem Fall der Mauer steht sie auch auf bundesdeutschen Bühnen, immer wieder ist sie außerdem in Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Als rebellische Maria Stuart ist sie dem Theaterpublikum genauso unvergessen wie als verzweifelt liebende Ehefrau in "Coming out" oder als gebrochene Königin in "Hamlet".

"Das Theater wird nie tot sein", meint Dagmar Manzel. Trotz aller Fernseh- und Internetangebote. Theater sei und bleibe einzigartig: "Ein Raum, ein Abend, wo Menschen hinkommen, sich schön machen, sich hinsetzen, Geld dafür bezahlen, der Vorhang geht auf, und man verlebt zwei, drei, vier Stunden miteinander. Und das ist nicht wiederholbar, das ist einzigartig. Die Menschen werden immer wieder diesen Raum aufsuchen, wo sie gemeinsam ein Erlebnis haben."

"Ich bin wie ein Medium"

Sie hat die Rolle der Eva Klemperer und der Petra Kelly gespielt, der breiten Öffentlichkeit ist sie als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn aus dem fränkischen Tatort bekannt. Seit etwa fünfzehn Jahren singt sie außerdem in Musiktheaterstücken.

Die Schauspieler Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel sitzen in einer Pause bei Dreharbeiten des Franken-«Tatort» mit dem Titel «Das Recht sich zu sorgen» am 28.07.2015 bei Röthenbach an der Pegnitz (Bayern) im Heck eines Autos. Der neue «Tatort» soll im ersten Halbjahr 2016 ausgestrahlt werden. Foto: Daniel Karmann/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Daniel Karmann)Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel bei Dreharbeiten zu dem Franken-"Tatort" "Das Recht sich zu sorgen". (picture alliance/dpa/Daniel Karmann)

Um sich für ein Projekt zu entscheiden, müsse der jeweilige Text, der jeweilige Stoff erst einmal "durch mich durch. Ich bin da eher wie ein Medium: Ich nehme das auf, ich erfasse das und dann passiert etwas mit mir. Dann ist einfach dieses Grundbedürfnis da, es weiterzugeben." Dazu sei es auch nicht notwendig, die Figur zu lieben: "Gerade da, wo ein Widerspruch ist, wo eine Reibung besteht in der Figur, wo Konflikte aufgeworfen werden, von denen man sich als Zuschauer oder als Zuhörer erst einmal distanzieren möchte, da finde ich es immer spannend."

Das Glück auf der Bühne

Manchmal wird Dagmar Manzel in ihrer Arbeit auch durch Momente belohnt, in denen sie ganz in ihrer Figur aufgeht. "Die sind manchmal nur den Bruchteil einer Sekunde, manchmal ist es eine ganze Vorstellung, wo man dann anfängt zu fliegen, wie ich immer sage." Am Ende wisse sie manchmal gar nicht mehr, was sie die letzten zwei Stunden gemacht habe. "Das ist total schön. Den Zustand will man immer wieder haben, aber man kriegt ihn sehr selten."

Die Schauspielerin Dagmar Manzel (r) agiert während einer Probe für das Musical "Kiss me Kate" auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin.  (dpa/ picture-alliance/ Soeren Stache)Dagmar Manzel während einer Probe für das Musical "Kiss me Kate" in der Komischen Oper in Berlin. (dpa/ picture-alliance/ Soeren Stache)

Ihrem 60. Geburtstag am 1. September dieses Jahres blickt die Schauspielerin mit großer Gelassenheit entgegen. Nicht zuletzt eine schwere Krankheit vor zehn Jahren habe sie Dankbarkeit gelehrt. Heute genießt sie ihre Familie und die Arbeit umso mehr. Die Vielfalt ihrer Rollen, das Schauspiel, die Musik, ihre Lesungen – all das mache sie sehr glücklich. "Ich falle da nicht in so ein Loch. Ich brauche auch keine Werbung, ich brauche keinen roten Teppich. Weil ich einfach genug zu tun habe und Raum und Zeit für die Arbeit haben möchte, statt ständig zu reflektieren, was ich mache und wie toll. Das geht mir irgendwann dann auch auf den Sender."

Im Gespräch

Countertenor Jochen Kowalski"Das ist meine Stimme!"
Countertenor Jochen Kowalski (imago stock&people)

Er war der erste Countertenor der DDR. Der Metzgersohn Jochen Kowalski sang zuvor Tenor und quälte sich dabei, auch wenn es sich gut anhörte. Als nach einem bierseligen Abend seine Altstimme entdeckt wurde, war das wie eine Befreiung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur