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Im Gespräch | Beitrag vom 12.08.2020

Schauspieler Moussa Sullaiman "Die Rolle muss einen Charakter haben"

Moderation: Tim Wiese

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Porträtfoto des Schauspielers Moussa Sullaiman (Julian Paul Umbach)
"Ich bin jetzt raus aus dem Kasten, immer den Gemüseverkäufer, den Terroristen, immer der Mann mit Bart zu spielen", sagt Schauspieler Moussa Sullaiman. (Julian Paul Umbach)

Er ist aus Syrien durch halb Europa nach Deutschland geflohen und hat lange darum gekämpft, sich als Schauspieler zu etablieren. Durch die Serie "4 Blocks" wurde Moussa Sullaiman bekannt. Und gönnt es sich, stereotype Rollen auszuschlagen.

Die Verfilmung seiner Lebensgeschichte kann Moussa Sullaiman sich gut vorstellen. Von Nordsyrien über die Ukraine, eine Odyssee durch Europa, seit 1994 in Deutschland, das klingt nach reichlich Stoff für eine spannende Dokumentation.

Moussa Sullaiman möchte aber in Richtung Comedy gehen: "Die Menschen brauchen mehr davon. Menschen, brauchen das Lachen." Ausgerechnet eine Komödie? "Ja", sagt Moussa Sullaiman. Denn wenn er heute auf seinen häufig steinigen Lebensweg zurückblickt, dann müsse er viel lachen.

"Über die Vergangenheit mit einem Lächeln sprechen"

"Das ist ein wenig orientalisch. Wenn man über die Vergangenheit spricht, egal wie bitter es gewesen ist, man tut es einfach mit einem Lächeln. Ich habe das schon gemerkt, die Deutschen können das nicht verstehen, warum man etwas Trauriges erzählt, aber man lacht dabei." Die Antwort wäre einfach, so der Schauspieler. "Weil das ist vorbei, es existiert nicht mehr."

Moussa Sullaiman entstammt einer kurdischen Familie, wurde 1969 im Norden Syriens geboren. Eine Karriere als Schauspieler, in seiner Heimat sprach fast alles dagegen. Keine Frage, Theaterspielen machte ihm Spaß. Beim kurdischen Neujahrsfest stand er als Jugendlicher auf der Bühne. Doch bei neun Geschwistern, der Vater arbeitete als Tischler, die Mutter verkaufte Milch auf dem Markt, spielten Film und Theater keine Rolle. Hinzu kamen die politischen Umstände. Hafiz al-Assad, der Vater von Baschar al-Assad, war seit den 1970er-Jahren an der Macht.

Angst als täglicher Begleiter

Als "Diktatur" beschreibt Moussa Sullaiman diese Zeit. Man habe nicht so richtig die kurdische Sprache sprechen dürfen, sagt er. Und: "Man durfte den Kindern keinen kurdischen Namen geben." Angst sei sein täglicher Begleiter gewesen. Anfang der 1990er-Jahre, Moussa Sullaiman studierte in Damaskus Sozialwissenschaften, kam es zu einer großen Verhaftungswelle, viele seiner Freunde landeten im Knast. "Wenn man die Angst immer mit sich trägt, irgendwann kann man das nicht mehr. Ich habe immer Angst gehabt, die kommen gleich, die nehmen mich mit. Auch als Unschuldiger konnte man hinter Gittern landen, jahrelang."

"Schlepper sind auch Menschen"

Moussa Sullaiman wollte nur noch weg. Seine Flucht nach Deutschland gelang mit Schleppern. "Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Schleppern. Die sind auch Menschen. Es ist kein schöner Beruf, es ist auch illegal. Aber meine Schlepper, die ich kennengelernt habe, die habe ich gut in Erinnerung."

Ein richtiges Ziel hatte er nicht. In Deutschland blieb Moussa Sullaiman auch deshalb, weil er erschöpft gewesen sei. "Ich konnte nicht mehr weiter. Geld war nicht mehr in der Tasche, Kraft auch nicht."

In Dessau schenkte ihm ein Mann plötzlich 50 Mark, bis heute kann er ihn nicht vergessen.

Auch nicht Frau Jansen, seine Nachbarin in Ostfriesland. Von den Menschen dort, dem "Moin", war Moussa Sullaiman sofort begeistert, hier wollte er bleiben. Und Frau Jansen "ist für mich die deutsche Mutter. Die Frau war wie eine Mutter".

Immer den Gemüseverkäufer und Terroristen gespielt  

Die Zeit im Norden hat den 51-Jährigen geprägt, gern bezeichnet sich Moussa Sullaiman heute als "syrischen Ostfriesen".

Auch in Deutschland kann vom Schauspieler Moussa Sullaiman lange keine Rede sein, er geht putzen, arbeitet als Tischler.

Ohne eine Agentur bewirbt er sich um erste Rollen, erhält kleine Aufträge. 2016 spielt Moussa Sullaiman im "Tatort" und in "4 Blocks" einen Clanchef. Die Serie bekam den "Grimme-Preis".

"Ich bin jetzt raus aus dem Kasten, immer den Gemüseverkäufer, den Terroristen, immer der Mann mit Bart zu spielen." Moussa Sullaiman würde diese Figuren auch wieder spielen. "Aber die Rolle muss einen Charakter haben."

(ful)

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