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Rang I | Beitrag vom 03.04.2021

Schauspieler Milan Peschel"Es fehlt der Punk oder die Albernheit"

Moderation: André Mumot

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In der Inszenierung wird das Gesicht von Milan Peschel mit empörtem Ausdruck an eine Gebäudefassade projiziert. (picture alliance / Eventpress Hoensch)
Milan Peschel auf der Bühne: Hier 2017 zu sehen in Jan Bosses Inszenierung vom "Hauptmann vom Köpenick" am Deutschen Theater in Berlin. (picture alliance / Eventpress Hoensch)

Auch Milan Peschels Dessauer Inszenierung von Schillers "Die Räuber" muss bis auf weiteres verschoben werden. Aber der Film- und Theaterstar zeigt Zuversicht: Es gebe "keinen Grund zu jammern." Ein Online-Stream komme für ihn nicht infrage.

Es ist inzwischen schon traurige Gewohnheit: Theater proben für Premieren, weil eine Öffnungsperspektive im Raum stand, die nun zurückgenommen werden musste. Die Hoffnung war, Anfang April wieder vor Publikum spielen zu können, aber die Ansteckungszahlen sprechen eine andere Sprache.

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Am Ostersonntag sollte am Anhaltischen Theater in Dessau eine spektakuläre neue Inszenierung von Schillers "Räubern" auf die Bühne kommen  – inszeniert von keinem geringeren als Milan Peschel, Star der Berliner Volksbühne und bekannt aus unzähligen Inszenierungen, auch aus Filmen von Andreas Dresen oder Til Schweiger.

"Kein Grund zu jammern"

Dass die Aufführung vor Publikum nun nicht stattfinden kann, überrascht Peschel nicht. Und die gute Laune lässt er sich auch nicht verderben. "Es kommt zwar erstmal nicht zur Premiere, aber irgendwann schon, und bis dahin kann ich Theater machen mit coolen Leuten, tollen Schauspielern, mit einem Wahnsinns-Text und mit guten Mitarbeitern. Das ist doch schon mal schön", sagt Peschel. "Also: Kein Grund zu jammern."

Für Schillers Räuber habe er sich entschieden, weil ihn der Stoff schon sein ganzes Leben begleite, eine Inszenierung von Frank Castorf etwa habe ihn vor vielen Jahren schwer beeindruckt. Zugleich bemerkt Peschel im alten Sturm-und-Drang-Stoff deutliche Bezüge zur Gegenwart:

"Ich sehe da wirklich Leute, die ihrer Lebenssituation, ihren Umständen überdrüssig sind. Und so etwas verspüre ich eben in Deutschland auch gerade. Aber man kann  nicht sagen, dass es uns schlecht geht, wenn man mal einen Schritt zurücktritt, das größere Bild anguckt und wie es Menschen in Syrien geht."

Demokratie und Kapitalismus in der Krise

Den Unmut vieler Menschen kann Peschel trotzdem verstehen: "Natürlich ist das auch berechtigt, wenn man sich die Korruptionsaffäre in der CDU anguckt. Ich glaube auch nicht, dass es nur eine Partei gibt, wo das so ist – diese ganze Krise, in der die Demokratie steckt, in der unser Miteinanderleben steckt, in der dieses kapitalistische System steckt, darin sehe ich überall diesen Überdruss."

Umso wichtiger sei es ihm, dass das Theater sich nicht auf einen reinen bildungsbürgerlich-hohen Ton zurückziehe: "Das Einfache, die Plattitüde, der Schmutz, der Dreck fehlen mit ganz oft im Theater. Ganz oft ist mir das zu speziell. Es fehlt so ein bisschen der Punk oder die Albernheit."

Skepsis gegenüber Online-Stream

All das soll es in Milan Peschels nun in eine unbestimmte Zukunft verschobene Räuber-Inszenierung geben. Ein Online-Stream kommt für ihn nicht infrage. "Für etwas, was gefilmt und mit einer Kamera aufgenommen wird, gibt es schon ein ganz tolles Medium – das ist der Film. Und das werden wir nicht besser hinkriegen", stellt Peschel fest.

"Für mich ist Theater ein Live-Erlebnis, das man gemeinsam mit anderen Leuten und den Schauspielern und Schauspielerinnen auf der Bühne hat, in einem Raum oder vielleicht auch draußen irgendwo. Aber dass das jeder zuhause auf seinem Fernseher oder Computer oder Handy guckt, daran glaube ich nicht – oder möchte nicht daran beteiligt sein."

(amu)

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