Seit 01:05 Uhr Tonart
Freitag, 05.03.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2015

Schauspiel StuttgartHesse auf der Theaterbühne

Von Rainer Zerbst

Podcast abonnieren
Staatstheater Stuttgart (dpa / picture alliance / Wolfram Kastl)
Das Stück ist am Staatstheater Stuttgart zu sehen. (dpa / picture alliance / Wolfram Kastl)

In Stuttgart bringt Regisseur Frank Abt die Erzählung "Unterm Rad" von Hermann Hesse auf die Bühne. Die komödiantische Leistung der Schauspieler ist grandios, meint unser Kritiker Rainer Zerbst. Das eigentliche Thema aber bleibt auf der Strecke.

Es geht um unterschiedliche Lebensformen. Auf der einen Seite Hans Giebenrath, braver Sohn eines strengen, amusischen Vaters, der es durch Fleiß und Drill zum begehrten Stipendium am Seminar in Maulbronn schaffte. Auf der anderen der musische, zum Dichten begabte, unkonventionelle Hermann Heilner, der gleichfalls in Maulbronn sich auf den Lehr- oder Predigerberuf vorbereitet. Heilner wird von der Schulleitung abgewiesen, Giebenrath zerbricht an der Strenge der Ausbildung und an den Ansprüchen, die die Gesellschaft - und er selbst - an ihn stellt.

Schauspieler ohne klare Rollen

Frank Abt hat Hesses Erzählung drastisch gekürzt und darauf verzichtet, ein realistisches Bühnensetting zu erfinden. Er verzichtet sogar darauf, Schauspielern Rollen zu geben. Bei ihm können alle fünf Akteure mal den Vater spielen, mal den Sohn, mal im Chor die Lehrer. Alles ist austauschbar, und somit geht das Problem der Handlung alle an. Das ist ein raffinierter Schachzug. Und damit gar nicht erst die Ahnung eines Rollenspiels aufkommt, hat er alle Schauspieler in Clownskostüme gesteckt und den Boden der Bühne mit Wasser bedeckt.

Das Wasser steht symbolisch für den Tod des Helden, der im Fluss ertrinkt. Doch die Clownskostüme mindern den Ernst des Themas, geht es doch um Überforderung durch die Gesellschaft, um Burn-Out selbst schon bei Schülern. Abt gelingen eindringliche Szenen von poetischer Kraft, etwa wenn einer der Schüler weint und ein Kommilitone mit dem Finger entdeckt, dass die Tränen echt sind. Es ist zudem ein Abend grandioser komödiantischer Ausdruckskraft aller Schauspieler, doch das eigentliche Thema bleibt auf der Strecke.

Mehr zum Thema:

Terrorismus auf der Bühne - Leben mit der Angst
(Deutschlandfunk, Corso, 26.06.2015)

"Peer Gynt" am Schauspiel Stuttgart - Ambitiöser Firlefanz
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 21.06.2015)

"Peer Gynt" in Stuttgart - Und am Ende bist du tot
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 20.06.2015)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEinordnen, bitte!
Dr. Seuss' englischsprachige Kinderbücher auf einem Ständer in einem Buchladen. Einige der beliebten Kinderbücher sollen nicht mehr verlegt werden, da sie Menschen in verletzender und falscher Weise darstellen, sagte der Konzern, der das Erbe des Authors verwaltet.  (imago images/UPI Photo/John Angelillo)

In der Diskussion um die Bücher von Dr. Seuss verweist die "FAZ" darauf, dass der Autor "grassierende Rassenideologie" bekämpft und dabei "zeittypische Klischees" verwendet habe. Man solle daher sein Werk lieber erklären, als verschwinden lassen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur