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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.09.2014

Schauspiel FrankfurtTotentanz des Kleinbürgertums

Andreas Kriegenburg inszeniert "Glaube Liebe Hoffnung"

Von Natascha Pflaumbaum

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Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen), aufgenommen am 09.12.2013. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Artifiziell und wirkungsvoll hat Andreas Kriegenburg in Frankfurt seine vierte Arbeit vorgelegt: Ödon von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung". Das Stück kreist um die junge Elisabeth, die Selbstmord begeht, nachdem sie mehrfach an der Gesellschaft gescheitert ist. Keine Arbeit, eine Anzeige vor Gericht und dann noch eine unglückliche Liebe - das ist zu viel für sie. Sie bringt sich um.

Andreas Kriegenburg findet in diesem Horvath-Kleinbürgerstück einen schönen Dreh, um zu zeigen, wie fantasievoll episches Theater heute sein kann. Kriegenburg nimmt vor allem den Untertitel des Stücks sehr ernst: ein kleiner Totentanz in fünf Bildern. Er schafft szenische Bilder und beginnt gleich mit einem bombastischen Bild. Elisabeth liegt zusammengekrümmt, embryogleich, als tote Elisabeth, vor Wasser triefend, auf einer riesigen raumfüllenden schrägen Ebene. Auf dieser schrägen Ebene sieht man wiederum genau dieses Bild noch einmal überlebensgroß: Wie sie da so liegt. Elisabeth. Tot. Ertrunken. Bild im Bild.

Kriegenburg arrangiert für Frankfurt fünf Bilder eines klassischen Totentanzes, schön zweideutig ausgestattet als Anspielung auf den Holocaust - ausgestattet mit Utensilien der Horvath-Zeit, der 30er-Jahre. Blechnäpfe und Blechflaschen, alte Schuhe, Transistorradios, Aktentaschen - das alles steht gehäuft auf Tischen neben der Riesen-Elisabeth-Ebene und wird im Verlauf zur kleinbürgerlichen Munition, mit der sich die Leute beschießen. In diesem unheilvollen Krempel kämpft Lisa Stiegler als Elisabeth um ihr Leben.

Es wird viel aus Bachs Kantate "Ich habe genug" gesungen

Kriegenburg erzählt diesen Elisabeth-Selbstmord also nicht als stringente Geschichte im Sinne von "Illusionstheater", sondern er baut fünf klingende, bewegte Bilder: Bilder aus Spiel, Sprache und Szene, aus Live-Musik mit Klavier, Geige und Truhenorgel, es wird viel aus Bachs Kantate "Ich habe genug" gesungen, immer wieder wehen Klavierpassagen aus Chopins Trauermarsch herüber. Diese Bilder wirken wie szenische Arrangements, manchmal fast wie Performances: künstlich, starr, die Figuren tun häufig nur so "als ob", als würden sie uns absichtlich etwas vorspielen. Sie sprechen nicht nur ihren dramatischen Text, sondern auch Regieanweisungen, sie zählen die Szenen laut auf wie Überschriften. Alles sehr artifiziell. Episches Theater à la Kriegenburg eben.

Der Effekt ist beeindruckend: Die gerät man in den Sog einer Szene, nie erliegt man der Empathie für eine Person, denn kaum ist man "drin" im Stück, ist man auch schon wieder draußen. So funktioniert Desillusionierung. Kriegenburg will uns eben nur nicht die traurige Elisabeth-Selbstmord-Geschichte erzählen, sondern es will uns am eigenen Leib spüren lassen, was Groteske ist, was Demaskierung, was Entlarvung bedeutet. Genau das "erlebt" man in den recht zügigen zwei Stunden dieser neuen Frankfurter Kriegenburg-Produktion am eigenen Leib - von Minute zu Minute. 

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