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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.10.2017

Schauspiel-Eröffnung an der Berliner VolksbühneRaus aus der Flüchtlingsrolle

Von Tobi Müller

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Ein der Darstellerinnen der "Iphigenie" der Volksbühne, aufgeführt im Flughafen TempelhofIn dem Stück wird eine Casting-Situation dargestellt, bei der sich die Darstellerinnen um die Rolle der Iphigenie bewerben.  (Jörg Carstensen / dpa)
Ein der Darstellerinnen der "Iphigenie" der Volksbühne, aufgeführt im Flughafen Tempelhof (Jörg Carstensen / dpa)

In einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof haben der syrische Dramatiker Mohammad Al Attar und sein Regisseur Omar Abusaada "Iphigenie" mit zehn jungen syrischen Frauen erarbeitet. Es ist ein inszeniertes Casting für die Rolle der Iphigenie, einer Frau, die trotz oder mit diesem Opferstatus Handlungsmacht sucht.

Vor der ersten Schauspielpremiere seiner Intendanz steht Chris Dercon vor dem Hangar 5 des ehemaligen Stadtflughafens Tempelhof und spricht mit Besucher_innen. Für Berlin spricht, dass er dies ohne Personenschutz tun kann. Nach einem zweijährigen Shitstorm, nach handfesten Drohungen, nach Fäkalien vor dem Eingang der Volksbühne. Und nach einer einwöchigen Besetzung des Stammhauses am Luxemburg-Platz.

Es ist auch während der knapp zwei Stunden der Premiere nichts passiert, außer dass die Übertitel einmal ausfielen und die Vorstellung von "Iphigenie" unterbrochen werden musste. Wer an Euripides denkt oder an die Nachdichtungen von Goethe und Schiller, trifft es nicht, denn der Abend auf Arabisch hat Projektcharakter. Der Autor Mohammad Al Attar und der Regisseur Oma Abusaada haben mit zehn jungen syrischen Frauen nach Motiven im Mythos gesucht. Einige haben sie gefunden, andere veworfen. Der Abend ist ein inszeniertes Casting, die Schauspielerin Reham Alkassar filmt und befragt die neun Frauen, die im Schnitt Anfang 20 sind.  Die Kamera ist sehr nah an den Gesichtern dran, die man auf der Leinwand sieht, der riesige Hallraum des Hangars nimmt die Intimität des Bildes wieder zurück und wendet sie ins Geisterhafte. Und das Publikum sieht von der gebogenen Holztribüne von Francis Keré zu.

Casting-Dialoge, die Geschichten zutage fördern 

Die Befragung der Frauen und die Ästhetik des filmischen Close-up kennt man im deutschen Theaterbetrieb etwa von Rimini Protokoll oder auch von Milo Rau, doch in dieser Reihe von ruhigen Casting-Dialogen überlagern sich gleich mehrere Intensitäten: die Jugend, der Krieg, der Raum. Die weiße Spielfläche steht in einem Hangar, wo im Zweiten Weltkrieg auch Zwangsarbeiter deutsche Bomber zusammengebaut haben. Und bis vor kurzem war hier das größte Flüchtlingszentrum Berlins. Noch heute wohnen Geflüchtete in einem Hangar nebenan.

Eigentlich wollen die jungen Frauen von diesen Geschichten gerade wegkommen. Vielleicht ist es das, was sie mit dem Mythos der Iphigenie am stärksten verbindet: Wie entkomme ich dem Opferstatus, wie finde ich in dieser Situation etwas wie Handlungsmacht und Selbstbestimmung? Iphigenie deutet den Opferstatus um, zum Willen und zur Freiheit. Die syrischen Frauen - manche wirken noch wie Mädchen - suchen den Absprung von der Fluchtgeschichte. Doch wohin? Auf die Bühne, in die Kulturwirtschaft? Da, wo spielerische Neuerfindung zum Kerngeschäft gehört?

Erzählungen der Frauen sind oft lange, unerfüllte oder zerstörte Träume

Von diesem Sprung ins Offene kann man dennoch kaum erzählen, ohne wegzulassen, was man verlieren möchte: den Horror im Nacken, die Messer im Camp, die Zeugenschaft des Todes. Wer sich schon mal persönlich mit Ankommenden aus Syrien beschäftigt hat, weiß das: Syrien war bis vor Kurzem ein Land mit guten Ausbildungsstandards, mit einer Mittelschicht, mit Kunst und Kultur - kein Vergleich mit den schon viel länger zerstörten Strukturen etwa im Irak. So sieht man in "Iphigenie" auch langen Träumen zu, die Jugendliche und junge Erwachsene im Westen ganz ähnlich haben.

Es ist ein Sprung ins Offene, privat wie politisch. Zerstörung und Krieg im Rücken erzwingen diesen Sprung tragisch, die Schwelle zum Erwachsenenalter ist derweil auch komödiantisch zu meistern, vielleicht weil dieser Sprung etwas Allgemeines darstellt und keinen besonderen Riss wie jeder Krieg.

Ein wenig Kitsch, viel mehr Ernst und sehr viel Mut

Al Attar, Abusaada und die insgesamt zehn jungen Frauen wollen auf die Seite der "normalen" Enwicklungspsychologie kommen, auf die Seite der Komödie. Das gelingt ihnen immer wieder, direkt und meist trocken.

Mal blitzt Kitsch auf und 'mal wirken sie sehr ernst, aber auch wunderbar furchtlos, wenn sie die Dinge beim Namen nennen, etwa wenn der Hischab (das Kopftuch) einer Spielerin besprochen wird oder die Depression einer andern oder der Selbstmordversuch einer weiteren, oder - sehr lustig - das Vorsprechen bei deutschen Schauspielschulen. Das ist jeweils komplett frei von sozialtherapeutischen Versteherklischees, tendiert aber auch nie zum aktivistischen Drüberstehersound – beides sieht und hört man sonst regelmäßig auf reinen Sprechbühnen.

In einem deutschen Stadttheater hätte jemand der Truppe vermutlich mal gesagt, dass man der griechischen Tragödie nicht mit Individualpsychologie kommen muss. Wiederholt zu fragen, was denn die Iphigenie mit einem selbst zu tun habe, wo es denn da Ähnlichkeiten gebe, führt auch in der Wiederholung zu nichts, das die Bühne überschreitet. Aber vermutlich würde dieser Disziplinierungsversuch schnurstracks auch zu einem einförmigen Spiel führen. Im Hangar 5 auf Tempelfhof, wie man in Berlin sagt, findet derweil das Gegenteil statt: Wir sehen sehr jungen, sehr unterschiedlichen Frauen zu. Und sie lassen das Publikum angenehm im Ungewissen, welcher Schritt nun der größere sei: der 'raus aus dem Krieg oder jener 'rein in die Arena der Erwachsenen.

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