Seit 05:05 Uhr Studio 9

Donnerstag, 21.11.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 03.07.2007

Schaukeln über Wien

Vor 110 Jahren drehte das Riesenrad im Prater seine ersten Runden

Von Jürgen Bräunlein

Das Riesenrad ist 110 Jahre alt. (AP Archiv)
Das Riesenrad ist 110 Jahre alt. (AP Archiv)

Man nannte das Bauwerk einen "drehbaren Eiffelturm", und das war durchaus als Kompliment gemeint: das Riesenrad auf dem Wiener Prater. Neben dem Stephansdom und Schloss Schönbrunn ist es das dritte inoffizielle Wahrzeichen der Donaumetropole und heute wie zur Inbetriebnahme eine Touristenattraktion. Jährlich drehen vier Millionen Menschen ihre Runden.

"In diesem monströsen Gefährt kommt man nirgendwo an als immer wieder am Ausgangspunkt, falls man es überhaupt wagt, sich einer der waggonartigen Kabinen anzuvertrauen."

Mit Unbehagen und Faszination zugleich blickte der nicht schwindelfreie Schriftsteller Günter Kunert auf das Wiener Riesenrad.

"Unsere Mägen fühlen sich unangenehm dem Erdenkreis entrückt. Und das einzige, was in dieser fatalen Lage zwischen Himmel und Hölle sichtbar wird, ist unser deutliches Missbehagen an dieser fatalen Lage, in die wir uns freiwillig unwissend begaben."

Mit seiner Abneigung steht Günter Kunert ziemlich alleine da. Als eine der Hauptattraktionen im Vergnügungspark des Wiener Praters, der weitläufigen Parkanlage im Gemeindebezirk Leopoldstadt, beglückt das Riesenrad bis heute Generationen von Schwindelfreien.

Am 3. Juli 1897 wurde das Wiener Riesenrad offiziell eingeweiht zu Ehren von Kaiser Franz Josef I., der ein Jahr später sein 50. Thronjubiläum feierte. Ehe die Jungfernfahrt losging, ertönte die englische Nationalhymne. Das waren die stolzen Habsburger den Briten schuldig. Denn das Wiener Riesenrad war ein Exportartikel. Der britische Marineleutnant und Ingenieur Walter Basset hatte das fast 66 Meter hohe Gerüst konstruiert. Der Durchmesser des drehbaren Rades betrug 61 Meter. Die Einzelteile wurden in London angefertigt und vor Ort zusammengebaut. Das fertige Stahlbauwerk wog schließlich 430 Tonnen und setzte 30 Kabinen in Bewegung.

Das "Riesen-Luft-Carrousell", wie das Riesenrad zunächst hieß, sollte den "Kaisergarten" schmücken. Dort konnte man umgeben von italienischen Bauten bereits auf künstlichen Kanälen Gondel fahren oder in die Oper gehen. Die Investition in ein Riesenrad amortisierte sich schnell. Es schenkte den Massen Zerstreuung und eine wunderbare Aussicht.

Das Riesenrad stand im Herzen der Habsburger Macht und war die Verbeugung Österreichs vor der Moderne. Die ganze Welt wetteiferte damals um den kühnsten technologischen Entwurf. Der 300 Meter hohe Eiffelturm, die Sensation der Weltausstellung von 1889, setzte die Maßstäbe. Nachdem 1893 in Chicago das erste Riesenrad der Welt eröffnet wurde, wollten die Europäer nicht nachstehen. Nicht nur in Wien, auch in London, Berlin und Paris wurden Riesenräder errichtet. Der Bauherr jedes Mal: Walter Basset. Doch am besten schien das Riesenrad zu den Wienern zu passen:

"Des is des Ries'nrad, was sich so langsam draht,
wia da Verwaltungsapparat, in unser'm Hundestaat."

Es gab auch brenzlige Situationen, so im Jahr 1898, als eine junge arbeitslose Artistin auf ihr Elend aufmerksam machen wollte und sich mit einem Seil an einen der Waggons hängte, während sich das Rad drehte. Die Sache ging glimpflich aus.

Von allen genannten Riesenrädern ist das in Wien das einzige, das heute noch steht - dank vieler Zufälle. Als der Erste Weltkrieg begann, untersagte die Regierung den Betrieb. Man befürchtete eine feindliche Ausspähung von oben. 1937 kam das Riesenrad unter Denkmalschutz, im April 1945 schoss die sowjetische Artillerie die Gondeln in Brand. Das Riesenrad überlebte als trauriges Skelett inmitten des zertrümmerten Vergnügungsparks.

Vor dieser Kulisse spielte dann auch die Schlüsselszene von Carol Reeds düsterem Filmklassiker "Der Dritte Mann". Anlässlich der Dreharbeiten und für die Wiedereröffnung 1947 wurde das Riesenrad instand gesetzt. Doch die Stahlkonstruktion vertrug jetzt nur noch die Hälfte der ursprünglich 30 Kabinen. Dafür erstrahlt das Wiener Riesenrad heute nach Sonnenuntergang in goldenem und silbernem Licht. Vier Millionen Menschen drehen dort jährlich ihre Runden. Zwei Luxuskabinen gibt es auch: Jubiläumswaggon und Kaiserwaggon. Es sind pompös ausgestattete Gondeln mit Vorhängen, Teppichboden und sogar einer Toilette: Schaukeln wie Gott in Wien.

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur