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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.10.2014

SchauerliteraturDraculas Erben

Die Londoner Ausstellung "Schrecken und Wunder"

Von Walter Bohnacker

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Ein Ausschnitt aus dem Film "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922  ist am 12.09.2013 in Langenfeld (Nordrhein-Westfalen) in der Ausstellung "Auf Draculas Spuren. Geister und Vampire in der Kunst- und Kulturgeschichte" zu sehen. (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)
Schreckliches Erbe: Ausschnitt aus dem Film "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922. (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)

"Dracula", "Frankenstein", "Das Schloss von Otranto": Das Dreigestirn der englischen Schauerliteratur hat tiefe Spuren hinterlassen. Wie und wo die Romane nachwirken, erfährt man jetzt in einer Ausstellung in der British Library London.

Dass Londons Museen auf ihren Internetseiten ihre Ausstellungen mit effektvollen Trailern anpreisen, gehört inzwischen zum guten Ton. Auf Special Effects setzt jetzt erstmals auch die British Library. Auf ihrer Homepage lädt die Bücherei per Horrorfilmchen zum Abstieg ins Schattenreich des Grauens und des Staunens. Die Ausstellungsräume der Bibliothek liegen im Tiefparterre, und das passt in diesem Fall ganz gut zum Thema. Wo sonst ließe das Gruseln sich so stimmungsvoll inszenieren, wenn nicht hier: in der Gruft der Bücherwelt.

Auf dem Programm stehen 250 Jahre Angst und Schrecken. So alt ist der nach Shakespeare zweiterfolgreichste Exportschlager der englischen Literaturgeschichte: die "Gothic novel", der Schauerroman. Als Prototyp der Gattung gilt "Das Schloss von Otranto" von Horace Walpole. Dazu der Kurator der Schau, Tim Pye:

"Die erste Ausgabe erschien 1764 unter Pseudonym mit dem Hinweis, es handele sich um einen mittelalterlichen Text. Erst in der zweiten Auflage bekannte Walpole sich zur Autorschaft. Im Untertitel tauchte hier auch zum ersten Mal der Begriff 'Gothic Story' auf. Bei dieser Bezeichnung ist es geblieben."

Versatzstücke der Schauerliteratur

Der Roman spielt im Italien der Kreuzzüge und schildert den Ruin einer Adelsfamilie. Die typischen Versatzstücke der Schauerliteratur sind hier fast alle schon vertreten: der historisch und räumlich entlegene Schauplatz; bröckelndes Gemäuer als Zeichen verfallender Macht; die auf Mitleid und Spannung angelegte Figurenkonstellation; und die labyrinthischen Innenräume als Metaphern für Strukturen des Unbewussten.

Ausgestellt sind die ersten beiden Ausgaben des Romans. Von hier geht es weiter zu späteren Klassikern des Genres: "Der Mönch" von M.G. Lewis, Mary Shelleys "Frankenstein", erschienen 1818; und Bram Stokers "Dracula" aus dem Jahr 1897.

"Der englische Schauerroman reagiert auf politische, soziale und kulturelle Entwicklungen. Walpole widersetzt sich dem Geist der Aufklärung, Ann Radcliffe bezieht Stellung gegen die Französische Revolution, Charles Dickens prangert das Elend der Armen in London an und Robert Louis Stevenson reflektiert in 'Doktor Jekyll und Mister Hyde' auf Darwins Evolutionstheorie."

Werkzeugkasten für die Jagd auf Vampire

Die Ausstellung leuchtet fast das gesamte Spektrum der Ästhetik des Unheimlichen aus. Von der Literatur spannt sich der Bogen über die Malerei und Musik bis hin zu Fotografie, Film und Mode der Goth-Subkultur. Hier die ersten Illustrationen von Dracula und Frankensteins Monster, daneben die Albtraumszenarien in den Nachtmahr-Gemälden von Johann Heinrich Füssli; dort ein Beispiel für "Gothic Couture": ein pechschwarzes Spitzenkleid des Modeschöpfers Alexander McQueen; Requisiten aus Stanley Kubricks Horrorklassiker "The Shining"; und Kuriositäten wie das hier:

"Ein hölzerner Werkzeugkasten aus dem 19. Jahrhundert für die Jagd auf Vampire. Die Box enthält: Pistole, Kruzifix, Klöpfer, Holzpflöcke und Violen für Weihwasser und Knoblauch. Wir wissen nicht, ob das Gerät je zum Einsatz kam, aber es beflügelt doch immerhin die Fantasie."

Stimulierend wirkt auch die Architektur der Ausstellung. Wehende schwarze Gardinen, gotische Kirchenfenster, finstere Gewölbe und Verließe: Dezent und ohne allzu große Effekthascherei untermalt man hier das Faszinosum des Makabren.

Walpole, Sohn des ersten britischen Premierministers, hatte seinen Landsitz westlich von London in "Strawberry Hill House". Das Herrenhaus ist ein im gotischen Stil nachgebautes Schloss. Hier entstand in nur acht Wochen der "Otranto"-Roman. Der Auslöser war – der Legende nach – Walpoles Fiebertraum von einem Geist in Ritterrüstung, der im Treppenhaus sein Unwesen trieb. Weltliteratur als Spuk dunkler Mächte – fragt sich nur Welche Macht war da im Spiel: die Politik, die Geschichte oder einfach nur romantische Melancholie?

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