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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.04.2016

Schaubühne Berlin: "Erfindung der RAF..."Der gespielte Bestseller

Von Tobi Müller

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Der Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel liegt auf einer Küchenwaage, die etwa 1100 Gramm anzeigt. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)
Frank Witzels Roman wiegt 1100 Gramm, in der Schaubühne spielt nur ein kleiner Teil davon eine Rolle. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)

Der Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" gewann 2015 den Deutschen Buchpreis. Regisseur Armin Petras hat Frank Witzels Werk nun an der Berliner Schaubühne inszeniert. Doch mit der Vorlage kann das nicht mithalten.

Die Schaubühne, im alten Westen Berlins, ist ein Kaufhaus: Die Raumgestalterin Katrin Brack hat die breite Bühne mit Schaufensterpuppen bevölkert. Erwachsene und Kinder. Es sind freundliche Zombies, Wiedergänger einer Zeit Ende der 60er-Jahre, als die Bundesrepublik brannte. Zuerst zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main, die späteren Top-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren mit dabei. Dazu passt die Musik der jungen Punk-oder-so-Band Die Nerven aus Stuttgart. Nicht nur weil Gitarrist Max Rieger wie ein unverschämtes Model aussieht. Sondern weil der Lärm aus röhrenverstärkter Gitarre, Bass und Schlagzeug genau dafür gecastet wurde: Wut, Revolte, etwas Wahnsinn.

Die Freuden des Alkohols

Es geht um die alte Bundesrepublik in Frank Witzels Roman mit dem barocken Titel. Um ihre schwarze Phase, wie man im Gesprächsbüchlein "BRD Noir" nachlesen kann, in dem der klug pointierte Historiker Philipp Felsch mit dem uneitel belesenen Autor Frank Witzel über seinen Roman redet und über dieses Land. Ausschnitte daraus sind im Programmheft abgedruckt, ein paar Abschnitte haben es auch in die Stückfassung geschafft, die der Regisseur Armin Petras mit der Dramaturgin Maja Zade geschrieben hat. Da steckt einiges drin vom dicken Buch, aber wenig von dem, was es so außergewöhnlich macht. Der Roman ist immer wieder enorm diskursiv, verwebt Theorie, Theologie, Beichte und Therapie, auf dem Fotohintergrund von zitronengelben Autos, roten Plattenhüllen von Schlagermusik über die Freuden des Alkohols und blauen Zigarettenlogos auf orangenfarbenem Grund.

Im Theater bleibt oft vor allem der Fotohintergrund. Diskursiv ist nicht dialogisch, die Bühne ist kein Konvikt, wo der Erzähler 1969 landet, nachdem er zusamengebrochen war und in ein Sanatorium musste. Wir sehen die Playmobilfiguren, die Baader und Ensslin heißen, in der Live-Kamera, es gibt Listen aus Produktenamen zu hören und zu sehen, man trägt gestreifte Pijamas und, ganz wichtig: Nicki-Pullover. Es war mir oft eine Freude, den fünf Schauspielern zuzuschauen. Die spielen so frei, wechseln superschnell die Figuren, ohne ein Brimborium draus zu machen. Und Erwachsene, die Teenager spielen, sind ein wunderbares Ding, weil alles da ist, was Schauspiel aufregend machen kann: Zwei Körper (der junge und der alte), die Nähe zur Karikatur trotz Ernsthaftigkeit der Verkörperung. Die Distanz, die Nähe. Man darf so selbst ins Denken kommen. Ich mag es mündig im Theater.

Die Abgründe der BRD

Alle spielen den namenlosen Erzähler, andere Figuren bleiben konstanter. Jule Böwe perfektioniert den Teenager seit Jahren, eine Traumbesetzung für diesen Abend. Peter René Lüdicke ist mal Familienvater, mal würstchenspuckender Beichtvater, gleich wieder Teenager. Julischka Eichel spielt die Frau von der Caritas, auch sie ohne Namen, die im Hause des Teenagers den Haushalt anstelle der erkrankten Mutter regelt und einen unklaren sexuellen Status hat. Später deliriert der Autor/Erzähler sie als DDR-Spionin, die vom Freundestrio aus Wiesbaden mit zufällig gleichem Namen, RAF, entführt wird. Paul Grill gibt schneidige Lehrer, Polizisten, Schüler. Und Tilman Strauß hat einmal eine längere Strecke, in der er Zeit hat, zusammen mit der Band den manischen Aufstieg und das depressive Tal in Szene zu setzen. Wie gesagt: Macht immer wieder Laune.

Aber die zwei wohl wichtigsten Fragen des Romans werden gar nicht erst gestellt. Warum wählt der Erzähler den Wahnsinn? Der Roman macht mehrere Angebote, das zu beantworten. Welches sind die gesellschaftlichen Druckverhältnisse, die dazu führen? In der Schaubühne bleiben nur die familiären übrig. Und welcher Status hat dieser Wahnsinn, von dem es im Buch heißt, er sei nur gespielt, aber deswegen nicht minder qualvoll? Die Inszenierung stochert in sehr viel Zigarettenrauch und Trockeneis. Die Abgründe der BRD, für die man sich im Fernsehen und im Theater wieder interessiert, befinden sich wahrscheinlich in den Plüschfalten der Nicki-Pullis oder in den Playmobilkartons. 

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