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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.10.2015

Schäuble zur Deutschen Einheit"Ein Rausch von Freude"

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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in der hessischen Landesvertretung in Berlin (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
"Ein Wunder, dass alles so geklappt hat", sagt Wolfgang Schäuble zurückblickend (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

25 Jahre nach der Wiedervereinigung blickt Finanzminister Wolfgang Schäuble zurück. Er habe damals "ungefähr 26 Stunden am Tag gearbeitet", erinnert sich Schäuble an diese Zeit im Deutschlandradio Kultur. "Ein Wunder, dass alles so geklappt hat".

Wolfgang Schäuble hat die Zeit der deutschen Wiedervereinigung als Bundesinnenminister erlebt. Wie bewegt er und alle um ihn herum damals waren, daran erinnert er sich noch heute. "Es war die unglaublichste Zeit in unserer politischen Erinnerung, in unserem politischen Leben - das ist überhaut keine Frage", sagt Schäuble. Man habe fast nicht mehr zu glauben gewagt, dass man die Einheit noch erleben würde. Alles in allem sei es ein Wunder, "dass alles so geklappt hat".

Auch das Jahr zwischen Mauerfall und Einheit sei ein verrücktes Jahr gewesen, so der Minister. In den Wochen davor und danach habe er alle Hände voll zu tun gehabt, um die vielen Übersiedler unterzubringen. Man habe Turnhallen belegen müssen, eine Situation "fast wie heute". Gleichzeitig habe es auf der politischen Ebene täglich neue Entwicklungen gegeben. "Es war ungeheuer viel los. Wir haben gearbeitet ungefähr 26 Stunden am Tag. Aber es war alles in allem eben auch ein ständiger Rausch von Freude, weil wir ja an einem großen Werk gearbeitet haben."

"Die Einheit der Nation im Bewusstsein war immer gegeben."

Eine gesamtdeutsche Identität habe es trotz der Teilung immer gegeben, ist Schäuble überzeugt: "Die Menschen hatten immer Verbindungen." Es sei auch die Politik aller Bundesregierungen gewesen, trotz Diktatur, Teilung, Mauer und Stacheldraht ein Höchstmaß an Kontakt zu ermöglichen. "Die Einheit der Nation im Bewusstsein war immer gegeben." Natürlich habe man sich durch 40 Jahre Leben in unterschiedlichen Welten unterschiedlich entwickelt. In der jungen Generation sei dies aber inzwischen nicht mehr zu spüren.

Diese gemeinsame Realität im Fühlen und Denken existiere "übrigens auch im Herzen der Menschen, die in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg – oder auch in diesen Tagen – zu uns gekommen sind, also die Migranten der ersten, zweiten Generation. Wenn sie sich integrieren, werden sie – mit allen Unterschieden natürlich – Teile dieses einen deutschen Volkes."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Länger als er ist keiner im Bundestag – Wolfgang Schäuble sitzt seit 1972 dort. Er war parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Bundesminister für besondere Aufgaben, Chef des Kanzleramtes, und die Wiedervereinigung, die hat er als Bundesinnenminister erlebt. Seit 2009 kennen wir ihn als Bundesminister der Finanzen. Bevor ich mit Wolfgang Schäuble spreche, hier zum Abschluss unserer Serie "Auf dem Weg zur Einheit" noch mal ein akustischer Eindruck von damals, vom 3. Oktober 1990, und es beginnt Lothar de Maizière:

((Einspieler))

Richard Weizsäcker war das zum Schluss dieser Collage, Sie hörten außerdem Lothar de Maizière – und Wolfgang Schäuble. Und Wolfgang Schäuble, der damalige Bundesinnenminister, ist jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Wolfgang Schäuble: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Herr Schäuble, wenn Sie diese Töne von damals hören, wie geht es Ihnen da?

Schäuble: Na ja, man ist schon sehr bewegt. Das war schon die unglaublichste Zeit in unserer politischen Erinnerung und in unserem politischen Leben. Das ist überhaupt keine Frage. Solange (hat man) fast nicht mehr zu glauben gewagt, dass man es noch erleben würde, und dann alles in allem war es doch auch ein Wunder, dass alles so geklappt hat, und die Freude der Menschen, das kann man auch 25 Jahre danach... wenn man die Originaltöne hört, dann weiß man wieder, wie viele Tränen geflossen sind, aber man weiß auch, wie viele Tränen zuvor geflossen sind, als die Mauer gebaut wurde in diesen schrecklichen Jahren und Jahrzehnten.

"Ein verrücktes Jahr"

von Billerbeck: Viele Ostdeutsche – mir geht es als Ostberlinerin auch so – erinnern sich ja besonders gern an die Zeit bis zur Vereinigung, also an dieses verrückte Jahr der Anarchie. Wie erinnern Sie sich an die Zeit bis zum 3. Oktober?

Schäuble: Das war auch ein verrücktes Jahr, das war ja wie im Rausch. Ich meine, am Anfang, beim Fall der Mauer und den Wochen zuvor und danach, hatte ich als Innenminister alle Hände voll zu tun, um die vielen Übersiedler unterzubringen. Wir hatten ja Turnhallen belegen müssen. Es war eine Situation in manchem auch wieder fast wie heute, und weiß der Kuckuck, was alles zu machen war, und jeden Tag war eine neue Situation, jeden Tag hat es auch neue Entwicklungen gegeben.

Es war ein langes Ringen, wann die Wahl zur Volkskammer sein wird, wer kandidiert und, und, und. Und dann nach der Wahl zur Volkskammer, da ging es auch jeden Tag – erst musste der Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion verhandelt werden, denn die D-Mark musste so rasch wie möglich in der Noch-DDR eingeführt werden, sonst wären ja noch mehr Menschen in den Westen gegangen, und dann haben wir mit Hochdruck den Einigungsvertrag verhandelt.

Man muss sich vorstellen, dieses komplizierte Werk haben wir in weniger als acht Wochen in allen Details ausgehandelt zwischen allen Ministerien beider Länder, beider Staaten, zwischen allen Staatskanzleien der Bundesrepublik, den Länderbeauftragten der DDR. Wir mussten klären, wie wie die Bundestagswahl am 2. Dezember schon organisieren können. Also es war jeden Tag ungeheuer was los, wir haben gearbeitet, so ungefähr 26 Stunden am Tag, aber es war eben alles in allem auch ein ständiger Rausch von Freude, weil wir ja an einem großen Werk gearbeitet haben.

von Billerbeck: Hubert Védrine, Mitterands ehemaliger außenpolitischer Berater und späterer französischer Außenminister, der hat hier vor drei Wochen berichtet, dass Mitterand schon 1981 zu Helmut Schmidt gesagt habe, dass die Sowjetunion spätestens in 15 Jahren so geschwächt wäre, dass sie die Wiedervereinigung Deutschlands nicht verhindern könne, und Helmut Schmidt sagte damals, dass er Mitterand gerne glauben wolle, das wohl aber nicht mehr erleben werde. Etwas ähnliches, so habe ich gelesen, hat Ihnen auch der amerikanische US-Botschafter Vernon Walters bei seinem Antrittsbesuch im Frühjahr 1989 prophezeit.

Schäuble: Ja, der hat nun tatsächlich Ende April, Anfang Mai 89 gesagt, in meiner Amtszeit als Botschafter kommt die Wiedervereinigung, und dann habe ich ihn so angeschaut – er war, glaube ich, 72, 73 Jahre alt, er war eigentlich schon pensioniert gewesen, Präsident Bush, Bushs Vater, hatte ihn zurückberufen als Botschafter, auch mit der Begründung, in Deutschland wird in den nächsten Jahren das Zentrum der Weltpolitik sein –, und der hat ganz frei gesagt, in meiner Amtszeit kommt die Wiedervereinigung, ich habe ihn angeschaut und habe gesagt, wie lange haben Sie denn die Absicht, auf Posten zu sein. Da sagte er, drei Jahre, und dann habe ich gesagt, vor einiger Zeit hätte ich noch gesagt, ich weiß nicht, ob ich es erlebe.

Das würde ich heute nicht mehr sagen, weil so unheimlich viel in Bewegung geraten ist im Ostblock, in Polen, vor allem mit Solidarnosc und mit der ersten halbfreien Wahl, und die Bürgerbewegung in der DDR ist auch immer stärker geworden, das waren ja dann im Mai die Kommunalwahlen, wo dann auch der große Protest gegen die Wahlfälschung war. Aber ich habe gesagt, in drei Jahren, das scheint mir doch sehr kühn, also zehn Jahre würde ich es schon noch geben. Das war mit Abstand, wie er geschrieben hat, die optimistischste Antwort, aber dass es schon im Herbst passieren würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

"Die Einheit war eine Entscheidung der Menschen"

von Billerbeck: Was den Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes angeht, da beanspruchen Sie das historische Copyright. Vorher haben Sie sich nach historischen Vorbildern ja umgeschaut und da ist erst mal eingefallen, der Beitritt des Saarlandes, das war aber 1957. Im Rückblick, wenn Sie diesen eingeschlagenen Weg ansehen – war der alternativlos, um mal wieder dieses wunderbare Wort zu benutzen?

Schäuble: Ich soll es ja nicht mehr gebrauchen!

von Billerbeck: Einmal darf man noch!

Schäuble: Ich verzeih es Ihnen! Schauen Sie, es war die Entscheidung der Menschen, die Menschen in der DDR. Es gab ja auch beim Wahlkampf zum 18. März zur freigewählten Volkskammer durchaus unterschiedliche Positionen. Die klare Mehrheit hat sich für einen schnellen Beitritt auf der Grundlage des damaligen Artikel 23 ... der sah ja, in der Tat, vor im Grundgesetz, die Teile Deutschlands, die bei der Gründung des Grundgesetzes nicht dabei sein durften, können jederzeit beitreten. Deswegen war es eine Entscheidung der Menschen in der DDR, der Mehrheit. Nicht jeder einzelne war damit glücklich, das ist wahr, aber die große Mehrheit war dafür.

Es war ja auch so, wenn wir nicht die D-Mark schon zum 1. Juli eingeführt hätten – die Menschen haben ja gesagt, entweder die D-Mark kommt, wir wollen teilhaben an dem Niveau, das in Westdeutschland erreicht worden ist oder wir gehen in den Westen, jetzt, wo wir nicht mehr durch Mauer und Stacheldraht gehindert sind, und deswegen war es eine Entscheidung der Menschen in der DDR. Nach 40 Jahren wollten sie nicht mehr länger warten, und das kann ich auch heute noch gut nachvollziehen.

von Billerbeck: Wenn Sie darüber nachdenken, was damals war und was sich dadurch verändert hat, nach dem Einigungsvertrag – wie hat sich denn die, in Anführungsstrichen, "alte Bundesrepublik" dadurch verändert? Dass die ehemalige DDR sich verändert hat, das konnte man sich ja schnell vorstellen.

Schäuble: Die alte Bundesrepublik hat zunächst gedacht, es betrifft sie ja nur insoweit, als da noch welche dazukommen, –

von Billerbeck: Man hängt fünf Wagen ran und weiter geht's!

Schäuble: – worüber man sich gefreut hat. Dass es natürlich alles verändern wird, dass es Deutschland, übrigens auch die Weltpolitik – die Sowjetunion gibt es gar nicht mehr – verändern wird, und dass es die Veränderung durch die neuen Technologien, durch die Globalisierung beschleunigen wird, das hat man so richtig sich nicht vorgestellt.

Aber die Frage bleibt, Bonn, Sitz vom Parlament und Regierung, war ja dann so ein Symbolpunkt für diesen Widerstand gegen die Veränderung, und man weiß ja, dass es hochumstritten war in der Bundesrepublik, man weiß, dass alle westdeutschen Ministerpräsidenten, alle zehn – also der Berliner natürlich nicht – dafür waren, dass Parlament und Regierung in Bonn bleiben sollten, und man weiß, dass es eine knappe, spannende Entscheidung war, die heute kein Mensch mehr infrage stellt. Natürlich war es die richtige Entscheidung, dass wir den Sitz vom Parlament und Regierung in die deutsche Hauptstadt, und das ist nun mal Berlin, verlegt haben.

"Die Menschen hatten immer Verbindungen"

von Billerbeck: Gibt es heute, wenn Sie 25 Jahre danach noch mal nachdenken, was daraus geworden ist, sowas wie eine gesamtdeutsche Identität oder finden Sie das gar nicht erstrebenswert?

Schäuble: Die gab es ja die ganze Zeit der Teilung, deswegen ist ja auch der Wunsch nach Einheit aufrechterhalten geblieben. Die Menschen hatten ja immer Verbindungen, das war auch die Politik aller Bundesregierungen, trotz Diktatur, trotz Teilung, Mauer und Stacheldraht, ein Höchstmaß an Verbindungen, an Besuchen, an Brief- und Telefonverbindungen zu ermöglichen. Die Menschen in der DDR haben Westfernsehen angesehen und haben nach Feierabend im Fernsehen immer halb im Westen gelebt, das war ihr Traum, ihre Sehnsucht, und deswegen war die Einheit der Nation im Bewusstsein immer gewesen.

Natürlich ist man durch 40 Jahre Leben in unterschiedlichen Welten ganz unterschiedlich entwickelt, und das hat man dann, als die Mauer nicht mehr getrennt hat, besser gespürt als zuvor, aber wenn Sie heute die junge Generation anschauen, die, die – was weiß ich – 40 Jahre alt sind, die also 15 Jahre alt waren, dann merken Sie es doch gar nicht mehr, ob einer ... Sie können erkennen, ob jemand aus dem Süden Deutschlands kommt oder aus dem Norden, schon an der Sprache. Bei mir hören Sie wahrscheinlich, dass ich kein Schleswig-Holsteiner bin –

von Billerbeck: Nee, dass Sie aus Freiburg kommen!

Schäuble: Ja genau, und ein bisschen schwäbischer Einschlag ist auch, und Sie werden wahrscheinlich weniger Unterschiede zwischen einem Sachsen und einem Schwaben finden, als zwischen einem Sachsen und einem Mecklenburger.

So unterschiedlich bleibt Deutschland auch, das war immer... aber natürlich sind wir auch alle in den unterschiedlichen Ländern, so wie es im Grundgesetz ja auch heißt, vereint. Wie es schon in der Weimarer Verfassung ... Bundespräsident Herzog hat schon immer daran erinnert, wir haben unterschiedliche Landsmannschaften, aber wir sind auch irgendwo ein Volk, und wenn etwa eine Fußballweltmeisterschaft oder sowas ist, dann merken Sie ja auch, dass das schon eine Realität im Fühlen und Denken der Menschen ist, übrigens auch in den Herzen der Menschen, die in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg oder auch in diesen Tagen und Wochen zu uns gekommen sind, also die Migranten der ersten, zweiten Generation – wenn Sie sich integrieren, werden sie mit allen Unterschieden natürlich Teile dieses einen deutschen Volkes.

von Billerbeck: Wolfgang Schäuble war das zum Abschluss unserer Serie, vor 25 Jahren "Auf dem Weg zur Einheit". Herr Schäuble, herzlichen Dank!

Schäuble: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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