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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 16.03.2018

SchabbatvorbereitungenWorauf orthodoxe Juden achten müssen

Von Elin Hinrichsen

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 Jüdische Gemeinde zu Berlin, 09.12.2002 (picture-alliance / ZB / Hubert Link)
Alles muss rechtzeitig fertig werden: Zum heiligen Schabbat wird der traditionelle Tisch gedeckt. (picture-alliance / ZB / Hubert Link)

Der Schabbat ist der jüdische Ruhetag: ein Tag ohne Arbeit, ein Tag Pause. Richtig Pause zu machen ist aber gar nicht so einfach und erfordert aufwendige Vorbereitungen - wie ein Besuch bei der orthodoxen Familie Stroks in Köln zeigt.

Reporterin: "Es gibt Reichhaltiges zu Essen."

Frau: "Es gibt sehr viel zu essen, denn es ist ein besonderer Tag, eine besondere Mahlzeit, wir essen Fisch mit Salaten; Hühnersuppe ist traditionell zu essen, und Hühnchen oder Fleisch, was man hat und Dessert danach - und morgen wieder so ähnlich."

Schabbatvorbereitung bei Familie Stroks in Köln. Die Küche sieht aus wie eine explodierte Apotheke. Auf den Arbeitsflächen Töpfe, Tüten, Pfannen und Schüsseln. In der Spüle Kochlöffel, neben dem Herd Mixgeräte und Geschirrtücher - und überall halbfertige Speisen. Die Familie verteilt sich auf alle Arbeitsplätze. Sterni, 13 Jahre alt, sitzt rechts in der Küche an einem tresenartigen Tisch und müht sich mit der Nachspeise.

"Guck mal, schneid' hier, dann hast du vier Schichten."

Wasserkessel mit speziellem Schabbat-Schalter

Biskuitteig mit verschiedenen Cremes. An der Arbeitsfläche mitten im Raum füllt Vater Mendel Stroks gerade eine weitere Kanne gefiltertes Wasser in einen runden Wasserkocher. Der ist riesig: Sicher einen Meter zwanzig hoch und rund einen halben Meter im Durchmesser; Gastronomie-Ausmaße; aber ganz typisch für Schabbat-Verhältnisse, sagt der gebürtige Engländer. Er trägt Bart und einen schwarzen Hut. Den Wasserkocher hat er in Israel gekauft.

"Was ist das Problem? Ich darf den Kessel nicht einschalten oder ausschalten an Schabbat."

Eine uralte Regel, die ursprünglich für Feuer galt. Das Löschen und Anzünden von Herdfeuern ist im Judentum demnach schon seit dem zweiten Jahrhundert nach der allgemeinen Zeitrechnung verboten. Feuer brennen zu lassen aber ist erlaubt. So hat man es in der Neuzeit auf Strom übertragen. Und der Wasserkessel bei den Stroks hat einen speziellen Schabbat-Schalter hintendran: Dauerbetrieb.

"Ich lasse es 24 Stunden laufen und es bleibt warm und ich muss nichts machen, ich nehme nur die Wasser raus."

Die dritte Arbeitsfläche scheint die wichtigste zu sein. Hier steht die Mutter nun wieder, in ihrem langen Rock. Ljuba Stroks schaut in die Töpfe. Es zischt und brodelt auf allen vier Kochplatten, und es duftet in der ganzen Küche nach gebratenem Fleisch und Hühnersuppe.

"Wir dürfen nicht milchig und fleischig zusammen essen."

Nach den jüdischen Speisevorschriften kochen

Die Stroks kochen nach den jüdischen Speisevorschriften und eine wichtige Regel lautet, Fleisch und fleischhaltige Nahrungsmittel von milchhaltigen zu trennen.

"Und deshalb alles muss separat gekocht werden, vorbereitet werden und müssen wir auch alles doppelt haben. Das heißt, wir haben zwei Herde, zwei Spülbecken."

Und: alles muss rechtzeitig fertig werden und sauber und ordentlich sein. Juden sprechen auch von der "Königin Schabbat". Wenn sie zu Besuch ist, also ab Sonnenuntergang, ist alle Arbeit verboten. Also, in gerade mal zwei Stunden.

"Auch Stress manchmal ist schön. Man arbeitet den ganzen Freitag, aber dafür genießt man den Freitagabend, Schabbat. Die ganze Familie wartet schon auf diesen Tag. Es ist wirklich ein Ruhetag für die Seele, für den Körper."

Sterni und ihr Bruder Schmuel bereiten nebenan im Esszimmer alles vor. Das weiße Tischtuch liegt schon auf der langen Tafel; und darüber drei Lagen Plastikfolie. Schmutzabweiser. An Schabbat dürfen orthodoxe Juden zu den Mahlzeiten zwar ein neues Tischtuch auflegen, erzählt Sterni, aber das Tablett mit den Schabbat-Kerzen drauf, das dürfen sie nicht bewegen. Und das steht auf der Festtafel.

Sterni: "Die muss man sehen."

Schmuel: "Man macht so viele Kerzen wie Kinder in der Familie sind. Und zwei Kerzen müssen etwas größer sein; damit wir uns erinnern was Schabbat ist."

Jüdisches Schabbat-Brot (imago / imagebroker)Am Freitag wird bei Stroks das Schabbatbrot gebacken. (imago / imagebroker)

Den Tisch mit großem Aufwand decken

Also schneiden sie Löcher in die Plastikfolie: genau in der Größe des Tabletts mit den Kerzen. Dann können sie die Folie Schicht für Schicht später abnehmen, wenn jemand versehentlich mit Wein oder Suppe kleckern sollte. Ganz schöner Aufwand! Aber, Sterni mag Schabbat:

"Das ist sehr schön, alle sitzen zusammen an dem Tisch, reden, essen, das ist so gemeinsam so alles, das ist so Ruhe, das ist so sehr schön, Pause von allem."

Pause. Aber erst dann, wenn alles fertig ist. So hat es Gott auch gemacht, sagt die biblische Schöpfungsgeschichte: Erst hat er die Erde geschaffen und dann Pause gemacht. An Schabbat gibt es ein besonderes Brot; Challa heißt das oder, im Plural: Challot. In der Küche hat Ljuba einen großen Klumpen Hefeteig vor sich liegen.Den hat sie aus zwei Kilo Mehl selbst zubereitet. Teig abschneiden, zu Zöpfen drehen und miteinander verflechten, sechssträngig: Ihre Hände arbeiten, als hätte sie ihr Leben lang schon Challot gebacken:

"Oh, ich komme aus Israel und dort man kauft die Challot eigentlich. Es gibt jede Platz, jede Bäckerei, die backen das. Deshalb, es war nur ab und zu, dass meine Mutter hat gebacken, das war ein ganz besonderes Ereignis. Aber als wir kamen nach Köln, da gibt nicht so viele koschere Bäckereien und deshalb habe ich eigentlich angefangen hier zu backen."

Das war vor mehr als 20 Jahren, als Mendel Stroks in Köln zum Rabbiner berufen wurde.

"Seitdem backe ich jeden Schabbat Challot und die schmecken sehr gut und die Kinder möchten nicht aus der Bäckerei kaufen."

Die Kinder. Gerade sind die drei jüngsten aus der Schule gekommen. Alles Jungs, alle mit Kippa auf dem Kopf, der religiösen jüdischen Kopfbedeckung, und alle schon im weißen Hemd, also in Schabbat-Kleidung.

Kleinere Kinder:
"Ich bin Gavriel. Ich bin neun Jahre alt, gehe in die vierte Klasse."
"Ich heiße Gvadia und ich bin sechs Jahre."
"Ich bin Avremel."
Reporterin: "Avremel?"
"Ja."
"Wir haben so besondere Namen, weil - zum Beispiel, der erste Jude auf der ganzen Welt hieß Abraham und sehr viele besondere Menschen bei den Juden hatten so besondere Namen, darum heißen wir so."

Auch die Kleinen helfen mit

Jetzt helfen die Kleinen Sterni und Schmuel dabei, den Tisch zu decken. Die Stroks haben insgesamt elf Kinder, die Ältesten studieren schon, in Israel und Barcelona. Aber wer irgendwie kann, kommt freitags nach Hause. 45 Minuten noch bis zum Anzünden der Kerzen und damit zum Beginn des Schabbat.

"Gvadia! Avremel! Wer kann das Telefon wegnehmen?"

Ljuba Stroks lässt sich auf den Sessel in der Küchenecke sinken. Sie ist seit heute Früh am Wirbeln. Von jetzt an delegiert sie.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tasten sich über den Balkon durchs Küchenfenster. Mendel Stroks nutzt dieses Licht, um grünen Salat zu inspizieren, Blatt für Blatt. Insekten gehören nicht auf den Teller. Gelten nicht als koscher.

Keine Würmer, keine Arbeit, kein Kochen, keine Lichtschalter; bei den Stroks sind die sogar mit Klebeband fixiert, damit kein Unglück geschieht ... keine Klingeln drücken, keine WhatsApp schreiben – alles verboten. Aber auch Juden sind nur Menschen. Was passiert, wenn doch mal was schief geht?

"Wenn aus Versehen, ist aus Versehen und dann, Gott verzeiht uns.‟

Die goldgelben Schabbatbrote sind fertig

Ljuba steht schon wieder am Backofen. Die Schabbatbrote sind schön aufgegangen und goldgelb geworden. Über die Strafe, sagt sie, macht sie sich keine Gedanken:

"Jedes Gebot das wir machen, verbindet uns mit Gott. Jede Sache, jedes Gebot ist wie ein kleines Strick in dem Seil und wenn wir machen viele Sachen, dann ist das Seil groß und stark. Unsere Verbindung zu Gott ist gut und fest. Wenn wir Sachen falsch machen, ist jedes Mal einer von diesen Fäden in dem Seil kaputt. Und das ist nicht gut für uns. Ich mache mein Bestes alles zu tun, was ist richtig ist.‟

Sterni kommt in die Küche, in Faltenrock und weißer Bluse, die Haare noch nass vom Waschen. Ljuba holt die duftenden Challot aus dem Backofen und schaltet ihn aus. Jetzt hat sie noch 15 Minuten für sich zum Umziehen. Pünktlich zu Sonnenuntergang wird sie mit Sterni zusammen die Kerzen entzünden.

Dann beginnt für die Frauen Schabbat: Pause, 24 Stunden lang. Klar, ihr Mann, der Rabbi, wird vielleicht zum Essen wieder Gäste aus der Synagoge mit nach Hause bringen. Auch das gehört zum Schabbat bei Familie Stroks: Geselligkeit. In aller Ruhe. Es ist alles vorbereitet.

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