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Tonart | Beitrag vom 09.02.2015

Saxofonistin Charlotte Greve Männerdominierte Jazzszene zum Swingen bringen

Von Johannes Kaiser

Ein Saxofon (picture alliance / dpa / Foto: Stephanie Lecocq)
Charlotte Greve spielt wunderbar entspannt auf ihrem neuen Album. (picture alliance / dpa / Foto: Stephanie Lecocq)

Die 1988 geborene Saxofonistin Charlotte Greve gehört zu den Nachwuchsstars des deutschen Jazz. Ihr neues Album "Wood River" - entstanden mit neuem Quartett und Gitarrist Keisuke Matsuno - erscheint auf hochpreisigem Vinyl in kleiner Auflage von 500 Stück.

"Das heißt 'crickets'. Das ist Grillen gewidmet, von denen es eine Zeit lang hieß, es gab so ein Video im Internet, Grillen singen in Dreiklängen. Da gab es halt so einen kleinen Sound-Mitschnitt, wie man die Frequenzen der Grillen umwandelt auf Töne, die wir hören können. Und das waren halt so Gesänge, so Dur-Dreiklänge und total schön und später stellte sich raus, der stimmte natürlich nicht, aber das Stück war dann schon geschrieben. Ja, das ist ein ganz einfaches Stück, besteht aus zwei Akkorden, total helle, schöne Dur-Farben, die immer ein bisschen dunkler werden. Ja, das war jetzt voll das Emotionsstück einfach so."

Mit 17 hat die Saxofonistin Charlotte Greve ihr erstes Stück geschrieben und seitdem nie wieder aufgehört. Von den sieben Titeln ihres neuen Albums stammen denn auch sechs aus ihrer Feder. Sie hatte dabei nicht nur ihre Mitspieler und deren Musikinstrumente im Hinterkopf, sondern auch die jeweils individuelle Art und Weise des Spielens.

"Ich schreibe viel am Klavier. Also ich setz mich ans Klavier, drück Akkorde und sing dazu lange und finde so irgendwie Melodien. Manchmal gibt es erst eine Melodie und dann finde ich dazu Harmonien oder ich schreibe viele Melodien dazu und die ergeben dann so ein Gerüst von Linien. Manchmal schreib ich auch am Saxofon, aber eher selten und immer wenn ich das Gefühl habe, irgendwie ist es immer das Gleiche, was ich schreibe, ich wiederhole mich total, dann setze ich mich an den Tisch, hole einen Zettel und einen Stift und schreibe Noten oder ich setz mich an den Computer und hab so kleine Teile der Komposition und schiebe die durch die Gegend und übereinander und komm so irgendwie zu neuen Sachen."

Sich mit dem Saxofon Gehör verschaffen

Charlotte Greves Stücke sind nicht in Stein gemeißelt, sondern offen für Veränderungen, für Vorschläge ihrer Mitspieler – im Jazz eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Genau diese Eigenschaft, sich seine eigenen Noten auf ein Lied zu machen, hat die Saxofonistin zum Jazz gebracht.

Begonnen hat alles mit der Blockflöte. Danach kam auf der Musikschule die Querflöte. Da sie damals schon in einer Band mitspielte, ärgerte sie sich darüber, dass die Querflöte im Zusammenspiel mit den anderen Instrumenten kaum zu hören war. Das Saxofon war jedoch genügend laut, um sich im Kreis der anderen Gehör zu verschaffen.

"Nachdem ich eigentlich klassische Querflötistin werden wollte, aber immer unheimlich gestresst war bei dem kleinsten Vorspiel wirklich, wenn da nur drei so Muttis saßen, war ich schon völlig abgestresst, weil ich irgendeine Sonate spielen musste. Aber mit Jazz und Improvisieren hab ich das gar nicht. Da war ganz egal, wer da alles saß. Das war für mich irgendwie viel entspannter."

So entspannt klingt auch ihr Spiel auf dem neuen Album. Das liegt sicherlich daran, dass sich Charlotte Greve mit ihren Mitspielern, dem Schlagzeuger Tommy Crane, dem Bassisten Simon Jermyn und vor allem mit dem Berliner Gitarristen Keisuke Matsuno so gut versteht. Ihn hat sie während einer Session in New York kennengelernt.

"Ich war total davon überrascht, wie sich Keisukes Gitarrensound mit meinem Altsaxofonsound so – hui – zusammentüttelt. Und das hat total Spaß gemacht, weil man das Gefühl hatte, man verstärkt sich gegenseitig, obwohl wir natürlich unterschiedliche Sachen improvisiert haben, hat sich das wie so eine Kraft zusammengefügt."

Bei Bedarf wird nachgepresst

"Das hat ja total Spaß gemacht einfach, war für mich aber in dem Moment total überraschend, weil man das ja nicht weiß, wenn man mit einer Person eine ähnliche Soundvorstellung hat von einem langen Ton meinetwegen. Das ist halt eine der schönsten Sachen bei Musikmachen. Wenn es nur ein Ton ist und so – hui – zusammenkommt und eins wird irgendwie und das hat so Spaß gemacht, dass ich dachte, dass ist irgendwie eine gute Idee, da was draus zu machen."

Charlotte Greve und Keisuke Matsuno haben sich jedenfalls so gut verstanden, dass sie beschlossen, gemeinsam eine Band zu gründen. Nun ist eine Band ohne Auftritte eigentlich keine richtige Band. Um aber Engagements zu bekommen, braucht man ein Demo-Band oder besser noch ein ganzes Album. Eben das liegt nun mit "Wood River" vor, und zwar auf Wunsch des kleines Labels nur auf Vinyl. Wer die Platte erwirbt, kann sie aber auch aus dem Netz downloaden.

Vorerst gibt es allerdings nur 500 Stück zu kaufen. Bei Bedarf wird nachgepresst und vielleicht auch noch eine CD herausgebracht. Geld kann man damit kaum verdienen, zumal wenn man noch so relativ unbekannt ist wie Charlotte Greves neues Quartett, aber man bekommt Clubauftritte und das bringt bekanntlich allen Jazzmusikern heute ihr wenn auch oft bescheidenes Einkommen ein. Charlotte Greve ist ja noch jung und wenn sie musikalisch so weitermacht, wird man noch viel von ihr hören. Sie gehört jener Frauengeneration an, die die männlich dominierten Verhältnisse im Jazz so zum Swingen bringen werden, dass Jazzmusikerinnen bald ein selbstverständliches Bild in der Jazzszene sind.

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