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Fazit | Beitrag vom 10.12.2019

Saudischer Künstler Abdulnasser GharemFreies Denken lehren

Von Anne Françoise Weber

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Die saudischen Künstler Abdulnasser Gharem und Shaweesh arbeiten gemeinsam an einem neuen Projekt. (picture alliance/Simon Kremer/dpa)
Der saudische Künstler Abdulnasser Gharem (l) und sein Assistent Shaweesh (M) im Studio - bei der Arbeit an einem neuen Projekt. (picture alliance/Simon Kremer/dpa)

Der saudische Künstler Abdulnasser Gharem hat in seinem Studio in Riad ein Kollektiv für junge Künstler geschaffen. Hier teilt er seine Erfahrungen und lehrt vor allem eins: Im Denken frei zu werden, selbst wenn nicht alles offen gesagt werden kann.

Besuch im Gharem Studio, dem kollektiven Kunstraum, den Abdulnasser Gharem zusammen mit seinem Bruder Ajlan seit 2013 in der saudischen Hauptstadt Riad betreibt. Elf junge Künstlerinnen und Künstler können in der kleinen Villa ihren Arbeiten nachgehen.

Und auch wenn sich die saudische Regierung neuerdings um Kunstförderung bemüht und erstmalig ein eigenes Kulturministerium aufbaut, sei so ein Raum immer noch nötig, sagt Abdulnassser Gharem:

"Wir füllen die Lücke, bis die Regierung so weit ist. Denn auch 2019 haben wir immer noch keinen Ort, an dem Künstler ihre Werke ausstellen können. Und außerdem gibt es immer noch Zensur und junge Künstler können ihre Arbeit nicht zeigen. Deswegen brauchen wir solche Orte, an denen die Menschen frei denken können."

Kritik kann tödlich sein

Freies Denken ist zentral für Abdulnasser Gharem und seine Kunst, aber keine Selbstverständlichkeit in Saudi-Arabien, wo besonders Kritik am Königshaus  tödlich sein kann, wie zuletzt der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul zeigte.

Mit seinem bei der Art Basel gezeigten Werk "The Safe" griff Abdulnasser Gharem diesen Mord auf, ohne jedoch den Namen des Opfers oder des vermuteten Auftragsgebers zu nennen. Er stellte nur die beklemmende Atmosphäre einer Isolationszelle nach.

Für Gharems Galeristin Brigitte Schenk, die das Werk zusammen mit der Galerie Nagel Draxler bei der Art Basel gezeigt hatte, liegt hier ein besonderer Reiz der Kunst des 46-Jährigen:

"Diese unglaublich intelligente Form – subversive Form, würde ich schon fast sagen – der Regimekritik, mit der er sich sehr weit aus dem Fenster lehnt. Also wir haben immer auch sehr viel Angst um ihn. Man muss schon sehr vorsichtig sein. Da hat er eben einen Weg gefunden, seine Kritik in seine Arbeiten in seine Stempelbilder einzuweben, Zitate in Spiegelschrift, die man tatsächlich nur mit dem Spiegel lesen kann. Und das fällt zum Teil glücklicherweise in seiner Heimat nicht so sehr ins Auge."

Abdulnasser Gharem weiß genau, wie gefährlich eine vom Mainstream abweichende Meinung in Saudi-Arabien sein kann. Deswegen hat er vor allem eine Botschaft für die jungen Künstler, die er in sein Studio aufgenommen hat: "Was ich den jungen Künstlern hier beibringe, ist der Unterschied zwischen freiem Denken und freier Meinungsäußerung. Wir brauchen sie als Freidenker. Wenn sie sich frei ausdrücken, dann gibt es Konsequenzen und viele Probleme. Wir haben hier viele talentierte Leute gesehen, die sich frei ausgedrückt haben – die sind jetzt im Gefängnis, diese Talente haben wir verloren."

Die Künstler helfen sich gegenseitig

Gharems Assistent mit dem Künstlernamen Shaweesh hat die Botschaft schon verinnerlicht. Er führt durch die Räume und erzählt, wie sich die Nachwuchskünstler gegenseitig mit Kenntnissen und Fertigkeiten weiterhelfen – vom Umgang mit Musik in Videos bis zum Retouchieren von Fotos am Computer.

In einem Regal liegen die Stempelbuchstaben, die Abdulnasser Gharem für viele seiner Arbeiten verwendet: Er erstellt daraus den Hintergrund, auf den er dann Motive druckt und malt.

Shaweesh spricht auch über die Drahtinstallation, die über dem Swimmingpool im Garten der Villa thront. Sie stammt von Abdulnassers Bruder Ajlan Gharem und heißt "Paradise has many gates":

"Ajlan weiß selbst nicht, ob er eine Moschee gebaut hat, die wie ein Käfig aussieht, oder einen Käfig, der wie eine Moschee aussieht. Aber das war sehr klug gemacht. Die Leute teilten sich in zwei Lager. Die einen sagten: Islam bedeutet Transparenz. Die anderen sagten: Nein, das ist ein Käfig. Ich denke, so sollte ein Künstler zu einer zerstrittenen Gesellschaft sprechen. Er sollte nicht schockieren, sondern seine Botschaft auf eine kluge, sanfte Weise vermitteln, so dass er weiterarbeiten kann."

Habermas in Saudi-Arabien

Genau das tut auch Abdulnasser Gharem, der sich ausgiebig mit Jürgen Habermas und dessen Theorie der Öffentlichkeit beschäftigt hat. 18 Jahre lang war Gharem in der saudischen Armee tätig und stieg dort bis zum Oberstleutnant auf –seine Kunst verheimlichte er, zumindest vor seinen Mitsoldaten.

Bis heute hält er an seiner Unabhängigkeit fest und steht der neuen Kunstförderung durch die saudische Regierung zurückhaltend gegenüber: "Eines der Probleme in Saudi-Arabien ist vielleicht neuerdings, dass sie die Künstler überstrapazieren und missbrauchen. Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Kunst ist, die Marke der Nation zu schaffen. Dann wird man zum PR-Unternehmen. Wenn jemand das tut, ist es in meinen Augen ein Desaster."

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