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Kompressor | Beitrag vom 14.12.2017

"Saturday Night Fever" wird 40Disco als Lebensgefühl

Von Laf Überland

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Tony (John Travolta), an Wochentagen ein kleiner Angestellter, Samstags der Star der New Yorker Diskothek "2001 Odyssee", tanzt mit Stephanie (Karen Gorney). Der Film, für den die BeeGees den überwiegenden Teil der Musik geschrieben hatten, wurde zu einem Kult-Film der 70er Jahre.
Tony Manero (John Travolta) in "Saturday Night Fever" - in dem Kultfilm von 1977 spielte er mit Karen Gorney. Der Soundtrack stammte von den Bee Gees.

Heute vor 40 Jahren fand in Los Angeles die Premiere eines billig gedrehten Films statt, der zum Welthit wurde. In "Saturday Night Fever" tanzte John Travolta wie ein Gott. Damals wurde Tanzen wichtiger als eine politische Meinung und Disco zu einer Lebenseinstellung.

Tony Manero leidet. Er leidet wie ein Hund: Sein Vater macht ihn fertig, sein Job macht ihn fertig, und dass er Stephanie liebt, auch das macht ihn fertig. Er ist ein richtig gebeutelter junger Italo. Nur Samstagnacht, da blüht er auf, verwandelt sich in einen Pfau: Pefekt gestylt taucht er dann auf der Tanzfläche der Disco "2001" auf und tanzt, bis alle Bräute ihm zu Füßen liegen.

Mitte der Siebziger war Disco ein schwarzes, schwules Underground-Phänomen in New York, in das dann auch die jungen italo-amerikanischen Machos aus Brooklyn eingestiegen waren: Und "Saturday Night Fever" basierte auf einer erfundenen, aber dennoch realistischen Geschichte des Popjournalisten Nik Cohn im "New York Magazine", die behandelte ein archetypisches Jugendproblem: nämlich die unzufriedenen jungen Leute, die leiden, weil da doch noch mehr sein muss als dieses Leben, das sie führen – wie Tony Manero, der in Brooklyn bei seinen stumpfsinnigen Eltern lebt, als Farbenverkäufer arbeitet und in der Freizeit mit seiner Gang rumrüpelt und Miezen aufreißt und vor allem tanzt wie ein Gott!

Szene aus dem Film:
Tony Manero: "Ich scheiß auf die Zukunft!"
Sein Chef: "Nein, Tony, auf die Zukunft kann man nun mal leider nicht scheißen. Irgendwann scheißt die nämlich auf dich, Junge." 

epa03854940 US actor/cast member John Travolta poses for the photographers as he receives a tribute for his career at the premiere of 'Killing Season' during the 39th annual Deauville American Film Festival, in Deauville, France, 06 September 2013. The movie is presented in the Premieres section of the festival that runs from 30 August to 08 September. EPA/ETIENNE LAURENT (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)Beim American Film Festival 2013 in Deauville, Frankreich, wurde Travolta für seine Karriere mit einem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)

Schweiß, Rivalität und Narzissmus

Regisseur John Badham hatte seinen Hauptdarsteller John Travolta aus einer Fernsehserie geholt, ihn fünf Monate lang jede Nacht drei Stunden üben lassen, bis er tanzte wie ein Fred Astaire auf Speed - sogar Breakdance nahm er vorweg. Und das Tanzen war die wichtigste Botschaft des Films an die jugendlichen Zuschauer mit allem, was dazu gehörte: dem Schweiß, der Rivalität und dem Narzissmus - wenn Tony in einem seiner schicken Blumenmusterhemden vorm Spiegel steht und ewig lange seine Haare kämmt.

Szene aus dem Film:
Tony: "Du weißt doch, ich kämm da wie'n Blöder dran rumm, und du versaust alles. Er hat meine Frisur versaut!"
Vater: "Der Junge ist wahnsinnig geworden, ich geh spazieren ..."

Der Working-Class-Hero auf der Tanzfläche

Glamour gab es in "Saturday Night Fever" nicht zu sehen, Low-Budget gedreht, war der Film sogar düster, kaputt und gemein. Aber er hatte diese pausenlose, dröhnend laut gemischte Discomusik und den großmäuligen Machismo und das großartige Tanzen! Und das sagte einem: Du musst heute kein Rockstar mehr werden, um aus dem Dreck rauszukommen - du musst nur gut tanzen können!

Szene aus dem Film:
Tony: "Weißt du, wie oft mir einer im Leben gesagt hat, dass ich gut bin? Zwei Mal, ja, ob du's nun glaubst oder nicht, zwei Mal – einmal heute mit der Lohnerhöhung und dann wenn ich tanze, draußen in der Disco. Du hast jedenfalls so was noch nie gesagt, Armleuchter!"

Der Star aus Saturday Night Fever: John Travolta im Jahre 1978. (Bauer Media Group/BRAVO)Der Star aus Saturday Night Fever: John Travolta im Jahre 1978. (Bauer Media Group/BRAVO)Spätestens mit "Saturday Night Fever" wurde Disco zur Lebenseinstellung und wurde Tanzen wichtiger als eine politische Meinung. In der Popkultur schlug das Pendel des Zeitgeistes um. Und auch bei uns änderten sich die Ikonen an den Jugendzimmerwänden. Aus dem zauselbärtigen Revolutionär und dem wuschelköpfigen Gitarrengott wurde eine Latin-Lover-Figur in weißem Anzug. Der Film holte nämlich den Working-Class-Hero aus der verschwiemelten Pennäler-Theorie auf die Tanzfläche, weshalb die nach innen schauenden Späthippies Disco mega-prollig fanden: Aber die Discokids standen sogar wieder auf gebügelte Hemden, nur dass die oft ziemlich rochen, weil man aus manchen Kunststoffen den Schweißgeruch nicht mehr rausgewaschen kriegte. Aber wen störte das schon im Disco Inferno.

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