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Studio 9 | Beitrag vom 07.03.2020

Sascha DisselkampKämpfer gegen das Clubsterben

Von Ina Hildebrandt

Porträt von Sascha Disselkamp: Er steht in schwarzer Kleidung vor einem dunklen Hintergrund, etwas abseits hängen drei Gitarren an der Wand. (privat)
Sascha Disselkamp: "Wir gehören nicht in die Kategorie Zuhälter, Drogenhändler und Spielhöllenbetreiber." (privat)

Sascha Disselkamp ist Inhaber eines beliebten Berliner Clubs. In der "Clubcommission" vertritt er als Lobbyist eine Szene, die ursprünglich mit Politik gar nichts zu tun haben wollte. Er wünscht sich, dass Clubs als Kulturstätten anerkannt werden.

Dass Politiker aus Senat und Bundestag öffentlich auf einer Bühne ihre Unterstützung für Clubs, ja deren Anerkennung als Kulturorte beteuern, hätte sich Sascha Disselkamp vor 20 Jahren nicht träumen lassen. Er ist einer der Gründer und Vorsitzenden der "Clubcommission". Der Verband der Berliner Clubbetreiber hatte zum Jahresauftakt in den Festsaal Kreuzberg geladen. Es wurde diskutiert und na klar: gefeiert.

"Wir wollten eigentlich nie so auf einem Seziertisch liegen und analysiert werden, weil wir ja auch die geheimen Orte waren, die bewusst auch jeden Support von außen auch abgelehnt haben sowie weitere Einflussnahmen. Aber letztendlich, wenn wir diesen Weg nicht gegangen wären, wären wir sang und klanglos verschwunden und es hätte nur eine kleine Gruppe von Trauernden gegeben."

Einst waren es geheime Orte

Sascha Disselkamp erzählt bei einem Treffen im Sage Restaurant, das er zusammen mit zwei Partnern betreibt: "Wir wollten eigentlich nie so auf einem Seziertisch liegen und analysiert werden, weil wir ja auch die geheimen Orte waren, die bewusst auch jeden Support von außen abgelehnt haben sowie weitere Einflussnahmen. Aber letztendlich, wenn wir diesen Weg nicht gegangen wären, wären wir sang- und klanglos verschwunden und es hätte nur eine kleine Gruppe von Trauernden gegeben."

Der 55-Jährige hat zahlreiche Orte verschwinden sehen. Aktuell ist sein Herzstück, der "Sage Club", bedroht. In dessen Räumen veranstaltet auch das "KitKat" seine berühmten Fetischpartys. Nun sind die Mietverträge ausgelaufen und die Medien verkündeten schon das baldige Aus dieser Institutionen des Berliner Nachtlebens.

Dies stimmt so nicht, sagt Disselkamp: "Trotzdem schön zu sehen, mit welcher Vehemenz die Öffentlichkeit darauf reagiert. Und das hat dann dazu geführt, dass es dann doch auf einmal wieder Gespräche gab über neue Mietverträge - und das ist auch der gegenwärtige Stand. Es wird immer noch gesprochen."

Die Musikanlage groß, die Behörde unwillig

Die Betreiber kämpfen auch nicht zum ersten Mal um das "Sage". 1997 war der Traum vom eigenen Club fast erfüllt. Es fehlte nur noch die Abnahme durch einen Mitarbeiter des Umweltamtes: "Und dann hat er die Musikanlage gesehen und die Lichtanlage und hat gesagt: Nee, sie haben ein echtes Problem. Hat sich umgedreht und ist gegangen."

Mit solch großen Anlagen sei das kein Club mehr, sondern eine Diskothek. Dafür wollte ihm das Amt keine Genehmigung geben. Geklappt hat es schließlich doch. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee für eine Lobby, in der die Akteure des Nachtlebens ihre Kräfte bündeln:

"Ansonsten braucht es die 'Clubcommission', um allen Leuten in den Ämtern und in der Politik zu erklären, dass wir halt nicht in der Kategorie Zuhälter, Drogenhändler, Spielhöllenbetreiber und Clubbetreiber sind, sondern dass wir lebenswerte Orte schaffen, die total wichtig sind."

Es war auch ein willkommener Anlass, ein "Wir-Gefühl" wieder aufleben zu lassen, ergänzt Disselkamp. Anfang der 80er verließ er seine Heimat Rheda-Wiedenbrück, schloss sich einer Gruppe Punks an und bezog ein besetztes Haus in Berlin-Schöneberg. Da war er 17 Jahre alt. Er arbeitete als Schauspieler, spielte in einer Band, stand nachts hinterm Tresen seines eigenen Ladens. Das wilde Leben statt einengender Bürgerlichkeit.

"Überall, wo man hinkam, ist man da irgendwie auf Gleichgesinnte getroffen, mit denen man sich sehr solidarisch gefühlt hat und dieses Gefühl: Zusammen schafft man etwas, zusammen kann man die Gesellschaft oder auch sein Leben verändern, das ist bis heute für mich noch eine prägende Erfahrung."

Immobilieninvestoren vom Wert eines Clubs überzeugen

Sich von anderen vorschreiben zu lassen, was er wie tun soll - das ist Disselkamps Sache nach wie vor nicht. Das Wir-Ihr-Denken von damals hat er jedoch abgelegt. Heute gehe es darum, gemeinsam mit Investoren Möglichkeiten zu finden, wie Räume erhalten oder neue zur Verfügung gestellt werden können. Dafür sei es eben auch notwendig, dass Clubs nicht mehr als Vergnügungs-, sondern als Kulturstätten anerkannt werden. Noch stehen sie im Baurecht auf einer Stufe mit Diskotheken, Spielcasinos oder Bordellen. Für den Clubbetreiber liegen dazwischen Welten:

"Natürlich ist es auch ein wirtschaftlicher Ort, aber es ist kein Kommerzort. Der Unterschied zu Diskotheken liegt für mich in der künstlerischen Darbietung. Und darüber hinaus haben diese Clubs halt auch ein gewisses Lebensgefühl. Und das ist halt auch eine Frage: Wie geht man miteinander um? Wie ist es zwischen Frauen und Männern dort? Wie ist es für die ganze queere Szene? Was für eine Toleranz lebt man da?"

Eine Anerkennung der Clubs als Kulturstätten würde es für Betreiber unter anderem leichter machen, Genehmigungen zu erhalten und ihnen den Status schützenswerter Orte verleihen. Gerade für junge Leute seien Freiräume wichtig. Diese hat sich Disselkamp bisher nie nehmen lassen - im besetzten Haus von damals wohnt er immer noch:

"Ich bin wirklich immer noch mit dem Herzen bei denen, die sagen: Wir besetzen hier oder wir nehmen uns hier, fordern das. Wir setzen da schon mal einen Fuß drauf und klammern uns daran fest. Das war damals auf jeden Fall die richtige Entscheidung, das zu tun, sonst wären wirklich ganze Quartiere abgerissen worden. Und deswegen denke ich, alle die, die jetzt Orte erhalten, da wird man irgendwann sagen: Gut, dass ihr das gemacht habt."

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