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Fazit | Beitrag vom 09.10.2020

Saša Stanišićs "Herkunft" als TheaterstückVersinkende Erinnerungen

Von Stefan Keim

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v.l.n.r. Daniel Rothaug, Henry Morales, Ronja Oppelt. (Theater Oberhausen/Katrin Ribbe)
Für Saša Stanišićs Buch "Herkunft" sind mehrere Bühnenadaptionen geplant. Das Theater Oberhausen macht den Anfang. (Theater Oberhausen/Katrin Ribbe)

Mit dem stark autobiografisch gefärbten Roman "Herkunft" gewann Saša Stanišić 2019 den Deutschen Buchpreis. Ein Buch über die Zufälligkeit von Heimat. Das Stück wirke vor allem in seinen ruhigen Momenten umso intensiver, sagt unser Kritiker.

Dieses Buch schreit nicht nach einer Theaterfassung. Saša Stanišić hat in seinem Roman "Herkunft" keine Ordnung geschaffen. Viele Ebenen schwimmen ineinander, und es ist gar nicht immer klar, dass der Autor ausschließlich Fakten präsentiert.

Eben das fasziniert an dem Roman, der im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis bekam, das Assoziative und Offene, eine Familiengeschichte zwischen dem ehemaligen Jugoslawien und heutigen Bosnien sowie Deutschland von den 90er-Jahren bis heute.

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Der Regisseur Sascha Hawemann hat nun am Theater Oberhausen versucht, die vielen Perspektiven und Gedanken Saša Stanišićs in einen zweidreiviertel Stunden langen, pausenlosen Theaterabend zusammenzufassen. Manchmal wirkt die Inszenierung sogar zusammengepresst, wenn das Ensemble die Texte rasant herunter rattert und mit allerlei Slapstick und Kommentaren verbindet.

Da verschwindet die Schönheit der Sprache. Wenn die Aufführung zur Ruhe kommt, wirkt sie umso intensiver. Vor allem die von Anna Polke und Lise Wolle gemeinsam verkörperte Großmutter bekommt da scharfe Konturen. Eine alte, lebenslustige Frau, die gegen die Demenz kämpft. Mit dem Verschwinden ihrer Erinnerungen, löst sich auch ein Teil der "Herkunft" ihres Enkels auf.

Eindimensionale Livemusik 

Henry Morales, Ronja Oppelt, und Daniel Rothaug verkörpern zu dritt Saša Stanišić in verschiedenen Phasen seines Lebens. Wolf Gutjahrs Bühne ist eine assoziative Spielfläche mit rollenden Buchstaben und vier Badezimmern, die sich rein und rausschieben lassen.

Fast ständig wird der Abend von Livemusik unterfüttert, mit Anklängen an Balkanpop und klassische Romantik. Sie bleibt fast immer ein affirmativer Soundtrack, der Gefühle verstärken soll, aber eindimensional bleibt und oft wie zähe Soße an den Texten klebt.

Großartige und mittelmäßige Szenen

"Herkunft" in Oberhausen zeigt die Gefahren und Chancen von Romanbearbeitungen. In ihren starken Momenten gibt die Inszenierung Stanišićs Texten körperliche Intensität, in ihren schwachen vergeudet sie die Sätze an wilden Aktionismus. Das Oberhausener Ensemble hat sich eine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sascha Hawemann gewünscht. Man merkt, warum.

Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler bekommt mindestens eine Glanzszene, das Ensemble ist gefordert und wirft sich mit Begeisterung ins Spiel. Nur leider hat niemand mal mit Distanz draufgeschaut, um die großartigen Szenen von den mittelmäßigen zu trennen.

"Herkunft"
nach Saša Stanišić
Regie: Sascha Hawermann
Theater Oberhausen

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