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Lesart | Beitrag vom 20.03.2019

Saša Stanišić: "Herkunft"Die Erfindung des Lebens

Von Helmut Böttiger

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Cover "Herkunft" von Saša Stanišić, im Hintergrund die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad (Luchterhand Verlag / dpa)
Cover "Herkunft" von Saša Stanišić, im Hintergrund die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad (Luchterhand Verlag / dpa)

Biografie als Zufall: Saša Stanišić macht sich in seinem flirrenden autobiografischen Roman "Herkunft" auf die Suche nach den Spuren der eigenen Vergangenheit. Er zeigt dabei, wie fragil biografische Prägungen sind.

Bei Saša Stanišić ist es schon immer um das Erzählen an sich gegangen, also weniger um das, was alle "Storytelling" nennen. Er spielt dabei am liebsten mit seiner Herkunft vom Balkan, mit einer Tradition von Mündlichkeit, in der man einzelne Situationen ausschmückt, mit vielen Details anreichert und die Lust an der Vergegenwärtigung kultiviert.

Er kam als 14-Jähriger, als Flüchtling wegen der Jugoslawienkriege, 1992 nach Deutschland und lernte erst hier die Sprache, in der er nun schreibt. Dies ist eine existenzielle Erfahrung und gleichzeitig das Potenzial, aus dem er immer wieder schöpft.

Widersprüche als Gewinn

Mit Widersprüchen umzugehen, erwies sich bei ihm durch die meist eher glücklichen Umstände seines neuen Lebens in Heidelberg oft als gewinnbringend. In seinem neuen, autobiografisch fundierten, aber auch ins Fabulierende und Multiperspektivische vordringenden Buch "Herkunft" thematisiert er diese Bedingungen auf verschiedene Weise.

Es handelt sich weder um einen Roman noch um einen theoretischen Essay. Stanišić spielt mit Erinnerungen, aber manchmal hat er auch gerade, etwa im Juli 2018, eine Email verschickt, mit der ein vermeintlich verführerisches Eintauchen in die Vergangenheit gleich wieder relativiert wird.

Und es gibt etliche reflektierende Passagen über die Themen, die ihn definieren: Emigration, Mehrsprachigkeit, soziale Ausgrenzung und Aufstieg ins Bürgertum mittels Literatur und Erfindung.

Es gibt auf der einen Seite die früheren und heutigen Begegnungen mit seiner Großmutter in Bosnien, die allmählich dement wird, und auf der anderen Seite seinen schulischen und universitären Werdegang in Heidelberg mit dem ständigen Bewusstsein dessen, wie fragil und oft zufällig biografische Prägungen sind. Diese Erinnerungsspiegelungen ergeben ein merkwürdig flirrendes Bild.

Ausschweifendes Erzählen und Twitter-Stilistik

Auch hier ist wieder erkennbar, dass Stanišić ein Autor der offenen Enden ist, der verschiedenen Erzählansätze, die mittendrin in etwas Anderes übergehen und wieder neu ansetzen. Manchmal schleicht sich allerdings eine Art von Twitter-Stilistik ein, die die Tradition mündlich-ausschweifenden Erzählens in prekärer Kurzform weiterführen möchte.

Seine Fähigkeiten liegen darin, einzelne Momente hervorzuholen und sie fast märchenhaft aufscheinen zu lassen, und es gibt dabei glänzende sprachliche Verschiebungen und poetische Verrücktheiten. Die Fantasywelten eines in den Neunziger Jahren in Deutschland neu Sozialisierten und die Drachen-, Brunnen- und Bergmythen in Bosnien gehen oft unmerklich ineinander über.

Gegen Nationalismus immun

Auffällig ist sein klarer und unbestechlicher politischer Blick, der sicher etwas damit zu tun hat, wie sehr sich seine biografischen Prägungen von denen vieler seiner deutschstämmigen Generationsgenossen unterscheiden.

Gegen Nationalismus und gesellschaftspolitischen Zynismus ist Stanišić immun. Das zeigt sich schon an Kleinigkeiten, wenn er seine Muttersprache etwa als "Serbokroatisch" bezeichnet – eine Sprache, die mit Serbisch und Kroatisch im Grunde identisch ist, die es aber offiziell nirgends mehr gibt. In seiner Entwicklung ist Stanišić also zweifellos ein äußerst spannender Gegenwartsautor.

Saša Stanišić: "Herkunft"
Luchterhand Verlag, München 2019
355 Seiten, 22 Euro

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