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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.08.2016

Saša StanišićDer Deutschlehrer war sein erster Lektor

Saša Stanišić und Werner Nikisch im Gespräch mit Joachim Scholl

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Saša Stanišić 2013 als Mannheimer Stadtschreiber (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
Saša Stanišić 2013 als Mannheimer Stadtschreiber (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

Ohne seinen Deutschlehrer wäre er nicht zum Schriftsteller geworden, erzählt Saša Stanišić. Seine ersten Gedichte habe sich Werner Nikisch angeschaut – Werke eines 15-jährigen Kriegsflüchtlings, der rasend schnell Deutsch gelernt hatte. "Ich war vollkommen baff", sagt der Lehrer.

Es gab eine Art Geburtshelfer für die Schriftstellerwerdung des heutigen Erfolgsautors Saša Stanišić: Werner Nikisch, damals Deutschlehrer an einem Heidelberger Gymnasium. Der Autor wurde 1978 in Bosnien und Herzegowina geboren und kam im Alter von 14 Jahren als Kriegsflüchtling gemeinsam mit seiner Familie nach Deutschland. Im Deutschlandradio Kultur erzählte Stanišić von dieser biographischen Zäsur:

"Werner Nikisch war damals einer meiner ersten Lehrer in Deutschland. Er war auch deswegen wichtig, weil er mir in der ersten Zeit der relativen Sprachlosigkeit – ich konnte ja kein Wort Deutsch – das Gefühl vermittelt hat, dass das eine Sprache ist, vor der man keine Angst zu haben braucht."

Prüfender Blick auf die ersten Gedichte

Beim Gespräch mit Stanišić im Deutschlandradio Kultur war auch der frühere Deutschlehrer Nikisch dabei und schilderte seine erste Begegnung mit dem "bosnischen Teenager" im November 1992. Er habe damals in der neunten Klasse regulär am Deutschunterricht teilgenommen, obwohl er erst im August an der Schule angefangen habe:

"Er konnte dem Unterricht da schon folgen, obwohl sein Deutsch natürlich lückenhaft war. Aber er lernte so rasend schnell, dass ich Anfang 1993 schon einen Kontakt zu ihm hatte: Weil er mich frage, ob er mir ein Gedicht zeigen könnte, das er geschrieben hat."

Dieses Gedicht habe ihn damals sehr beeindruckt, so erinnerte sich Nikisch. Die Texte von Stanišić hätten ihn sofort "gepackt":

"Ich war vollkommen baff, weil ich so etwas noch nie erlebt hatte. Ein Mensch, der knapp 15 Jahre alt ist, und sich ganz, ganz ernsthafte, tiefe Gedanken macht um seine Gefühle, die er gehabt hat bei der Flucht, bei dem Ankommen in einer neuen Umgebung. Und wie er darüber reflektiert hat – das war so erstaunlich, dass ich ihn ermuntert habe: Er soll unbedingt weiter schreiben. Er hat das sofort aufgegriffen und kam fast täglich zu mir. Ich ging mit großer Behutsamkeit vor und veränderte die Texte nur ganz, ganz wenig."

Unvergessliche Momente mit dem Lehrer  

Die Zuwendung seines Deutschlehrers habe ihn überhaupt erst in die Lage versetzt, literarische Texte auf Deutsch zu verfassen und zu veröffentlichen, resümierte Stanišić:

"Diese Momente in der Freizeit, in der Mittagspause des Lehrers, wo es nur um meine persönliche, kleinen Texte ging, die sind natürlich unvergesslich. Sie müssen sich das so vorstellen. Zu Hause ist ständig Chaos. Da war kaum Zeit und Ruhe, um solche Texte zu bearbeiten."

Humor und Tiefe - Nikisch über "Fallensteller"

Der Kontakt zu Werner Nikisch sei immer erhalten geblieben, sie seien jetzt auch befreundet, sagte Stanišić. Dessen neues Buch heißt "Fallensteller" - ein Band mit Erzählungen und eine Art Fortsetzung des 2014 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Erfolgsromans "Vor dem Fest".

Der frühere Deutschlehrer Nikisch gehörte natürlich zu den ersten Lesern des Werks. Sein Lieblingstext sei die titelgebende Erzählung "Der Fallensteller":

"Ich amüsiere mich also köstlich. Und das ist eigentlich fast das Größte an seiner Schreibkunst: Dass er mit einem unglaublichen Humor trotzdem eine Tiefe erzeugt, die mich bis heute umhaut. Sein Sprachschatz ist größer als der meinige. Ich freue mich unglaublich darüber."

Saša Stanišić: "Fallensteller"
Luchterhand Verlag, München 2016
288 Seiten, 19,99 Euro

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