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Frühkritik | Beitrag vom 17.01.2020

Sarah Schulman: "Trüb" Psychologische Tiefenbohrungen

Von Thomas Wörtche

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Buchcover zu Sarah Schulman: "Trüb" (Ariadne)
In Sarah Schulmans "Trüb" geht es auch um eine dysfunktionale Familie und Schuldkomplexe. (Ariadne)

Sarah Schulman erzählt in ihrem New-York-Thriller "Trüb" von Alkoholikern, dysfunktionalen Familien und gesellschaftlicher Gewalt. Die Leser erfahren weniger von der Aufklärung ihres Falles als von der Suche der Ermittlerin Maggie Terry nach sich selbst.

"Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer", so beginnt verheißungsvoll "Trüb" von Sarah Schulman. In einem vor (Polizei-) Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, sozialem Gefälle, Gentrifizierung und abgewrackten Menschen eher dahinvegetierenden New York versucht Ex-Polizistin Maggie Terry wieder auf die Füße zu kommen. Die wegen Drogen und Alkohol abgestürzte Ermittlerin heuert bei einer Anwaltskanzlei als Privatermittlerin an.

Sie soll den Mord an einer Nachwuchsschauspielerin aufklären. Dabei steckt sie plötzlich in einem an Ross Macdonald erinnernden Familiendrama, das ihren eigenen Problemen mit ihrer Familie mehr als gleicht. Das gesamte Set Up erinnert zwingend an die Jahrhundertfigur Matt Scudder, der Hauptperson von Lawrence Blocks Romanen um einen Ex-Cop, der nach seinem Entzug als Privatermittler versucht, ein aufrechtes Leben zu führen. Sowohl Matt Scudders als auch Maggie Terrys eigenwillige Perspektiven auf die Veränderungen von New York City dienen dabei als Indikatoren für den gesellschaftlichen Wandel in den USA.

Die dysfunktionale Familie - ein uramerikanisches Thema

Bei Schulman wird dieser Wandel mit der Person Donald Trumps kurzgeschlossen, dessen Irresein die gesamtgesellschaftliche Verwirrung auf den Punkt bringt. Aber die Verheerungen, die auch in Maggie Terrys verwundeter Seele stattgefunden haben und die sie anscheinend orientierungslos umherirren lassen, haben tiefere Ursachen. Auch dass sie lesbisch ist, spielt keine besondere Rolle.

Ihr Problem ist ihre dysfunktionale Familie, die ihre Schuldkomplexe generiert. Ein ur-amerikanisches Thema, das Schulman am Beispiel der genauso problematischen "Polizeifamilie" von Terry (sie fühlt sich schuldig am Tod eines Kollegen, der wiederum die Schuld seines gewaltexzessiven Sohnes massiv verdrängt) und letztlich auch bei der Opfer-/Tätergeschichte des Mordfalls weiterschreibt.

Die "Aufklärungsarbeit", die im Roman eher wenig Platz einnimmt, ist zunächst einmal oft scheiternde Selbstfindung, Selbstzergliederung, fast im Sinne der literarisch-philosophischen Selbstentblößung und ihrer Tradition seit Montaigne.

Sarah Schulman setzt dabei auf virtuos montierten psychologischen Realismus und inszeniert eine quasi psychoanalytische Tiefenbohrung, schmerzhaft für alle Figuren. Schmerzhaft aber auch für die Leserinnen und Leser, die ausführlich und einlässlich in die Höllen des Personals gezogen werden, wobei zum Personal des Romans auch die Mitglieder von Maggie Terrys diversen AA-Gruppen gehören, die wiederum mit dem Aufklärungsstrang des Romans wenig bis nichts zu tun haben. Der merkwürdig anmutende deutsche Titel, "Trüb", erweist sich, so gesehen, als absolut stimmig.

Sarah Schulman: Trüb
Aus dem Amerikanischen von Else Laudan
Ariadne, Hamburg 2019
263 Seiten, 20 Euro

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