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Lesart | Beitrag vom 02.10.2019

Sarah Ladipo Manyika: "Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt"Das Cabrio der alten Dame

Von Birgit Koß

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Auf dem Umschlag von Sarah Ladipo Manyikas Roman "Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt" ist unter dem Titel der stilisierte Umriss eines Porsche zu sehen. (Cover: Hanser Berlin/Collage: Deutschlandradio)
Wo sie ist, sprudeln die Geschichten: Sarah Ladipo Manyikas Roman steckt voller schillernder Charaktere. (Cover: Hanser Berlin/Collage: Deutschlandradio)

Ein Fallschirmsprung zum Geburtstag: Die nigerianische Autorin Sarah Ladipo Manyika bezaubert mit dem Porträt einer weltläufigen Lady, die bis ins hohe Alter voller Neugier auf das Leben ist.

"Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt" erzählt auf überaus humorvolle und sympathische Weise von einigen Tage aus dem Leben der 75-jährigen Morayo da Silva. Die lebenslustige, exzentrische Frau kleidet sich in grellbunten Farben mit afrikanischen Tüchern und fährt rasant ihren alten Porsche Buttercup.

Eine Dame von Welt

Zu jedem Geburtstag probiert sie etwas Neues aus. War es letztes Jahr ein Fallschirmsprung, liebäugelt sie diesmal mit einem Tattoo. Morayo, in Nigeria geboren, hat als Botschaftergattin auch in London, in China und Indien residiert. Nach ihrer Scheidung arbeitete sie als Literaturprofessorin in San Francisco. Ihre besten Freunde sind inzwischen ihre Bücher, und ihre Tage mäandern zwischen Erinnerungen an ihre bewegte Vergangenheit und kleinen Alltagsbegegnungen hin und her.

Da ist ein palästinensisches Geschwisterpaar – Amirah, die phantastische Torten bäckt, und ihr Bruder Dawud, der einen Blumenladen hat. Da ist eine junge Obdachlose, der chinesische Briefträger Li Wie oder die Yogalehrerin Sunshine, für deren Kinder Morayo eine Art Großmutter darstellt.

Die Schriftstellerin Sarah Ladipo Manyika, im schwarzen Top, die Haare hochgesteckt, lächelt in die Kamera. (James Manyika)Mit Nigeria im Sinn durch die Straßen von San Francisco: die Schriftstellerin Sarah Ladipo Manyika. (James Manyika)

Und dann gibt es die kleinen und die großen Einbrüche in den eher sorglosen Alltag. Das Kraftverkehrsamt verlangt eine Überprüfung von Morayos Sehkraft – eine Katastrophe bei ihren schlechten Augen. Und kurz vor ihrem Geburtstag stürzt sie mit ihren neuen, knallroten High Heels und findet sich zur Rehabilitation in einem Pflegeheim wieder. Auch hier trifft Morayo liebenswerte Außenseiter. Sei es Reggie aus Guyana, der seine demente Frau Pearl täglich im Heim besucht, oder die liebevolle Schwester Bella aus Nicaragua, deren Leben auch schon bessere Tage gesehen hat.

Erzählen aus vielen Perspektiven

Immer wieder wechselt die nigerianische Autorin Sarah Lapido Manyika die Perspektive und die Zeiten. Neben Morayo treten auch alle anderen Figuren als Ich-Erzähler auf. So lernt man Morayo auch aus der Perspektive anderer Protagonisten kennen. Der Roman spielt in San Francisco einerseits und in Nigeria andererseits. Unter anderem wird ein Massaker durch Boko Haram in Jos, Morayos Geburtsstadt, beschrieben.

Eine ganz wichtige Rolle spielen für sie außerdem Frauen in der Literatur. Moraya schreibt kurzerhand so manches Romanende um, "so dass es mit einigen der weiblichen Figuren, die in der Originalversion scheitern mussten, in meiner Vision ein gutes Ende nahm. Mrs Manstey starb nicht bei einem Brand, Ophelia verlor nicht den Verstand. Dasselbe gilt für Jane Eyre und Antonette Cosway."

Auch der Romantitel "Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt" hat eine literarische Wurzel. Die Zeile stammt aus dem Gedicht "Donkey On" von Mary Ruefle. Aus der Geschichte der lebenslustigen, leicht skurrilen Morayo spricht große Intensität und Wärme.

Sarah Ladipo Manyika: "Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt"
Hanser Berlin, 2019
160 Seiten, 17 Euro

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