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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.11.2016

Sankt MartinEin Soldat Christi, der nur einmal zum Schwert griff

Uwe Metz im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Eine als Sankt Martin verkleidete Reiterin teilt vor der Kirche Sankt Columban in Friedrichshafen den Mantel mit dem Schwert, um dem Frierenden in seiner Not zu helfen. (dpa / picture alliance / Felix Kästle)
Eine als Sankt Martin verkleidete Reiterin teilt vor der Kirche Sankt Columban in Friedrichshafen den Mantel mit dem Schwert, um dem Frierenden in seiner Not zu helfen. (dpa / picture alliance / Felix Kästle)

Seit dem 4. Jahrhundert wird seiner barmherzigen Tat gedacht: Den halben Mantel gab Martin von Tours einem frierenden Bettler. Der Theologe und Schriftsteller Uwe Metz nennt Sankt Martin eine Inklusionsfigur für alle – deswegen ist er auch gegen Namen wie "Laternenfest".

Kirsten Dietrich: Mit der Architektur von Kirchen haben wir uns bis jetzt beschäftigt. Jetzt kommen wir zu dem, was man in Kirchen tut und auch davor, zu den religiösen Ritualen nämlich. Und die sind ähnlich wandelbar und manchmal ähnlich umstritten wie die Architektur der religiösen Räume.

Am kommenden Freitag wird ein solches Ritual gefeiert: der Martinstag, am 11. November. Der Martinstag verweist zurück auf den heiligen Martin und damit in die Anfänge des Christentums. Genauer ins 4. Jahrhundert, dann nämlich hat Martin gelebt. Seitdem wird seiner gedacht, mit immer wieder neuen Schwerpunkten – ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich Glauben und Rituale wandeln, auch wenn die Tradition, auf die man sich bezieht, die gleiche bleibt. Laterne laufen, Martinszug, Lichterfest – was am Martinstag geschieht, hat viele Namen.

Darüber habe ich vor der Sendung mit Uwe Metz geredet. Er ist evangelischer Theologe, Schriftsteller, er ist als Vater geübt im Laterne laufen, und er hat sich mit den Ritualen im Kirchenjahr befasst – alles also beste Voraussetzungen, um über St. Martin und die Laternen zu sprechen. Und mit einem ganz grundsätzlichen Eindruck: Kirchliche Rituale werden eher weniger in der Öffentlichkeit gefeiert – Sankt Martin aber scheint immer populärer zu werden.

Uwe Metz: Der Martinstag war ja schon immer ein sehr populärer Tag, weil er etwas war, was Eltern und Kinder verbunden hat, im Kindergarten oder in der Grundschule. Und interessant ist, dass es da gar keine Rolle spielt, was für einen religiösen Hintergrund die Eltern haben. Also es ist egal, ob die jetzt Muslime sind oder ob das evangelische, katholische oder nicht glaubende Eltern sind. Der Martinstag wurde einfach sehr gern oder wird sehr gern begangen. Also, er ist populär gewesen und wird in der Tat immer populärer.

Dietrich: Gucken wir doch mal, ob das vielleicht an dem Heiligen liegt, der da gefeiert wird. Wer war dieser heilige Martin?

Metz: Der Martin von Tours kam gar nicht aus Tours. Der war eigentlich Ungar, das heißt, er war Römer. Sein Vater war ein hoher Militär, und er war in der Region Panonien, das ist das heutige Ungarn, stationiert, dort wurde der Martin, auch der "Martinus", geboren, und er wurde dann auch Soldat, genau wie sein Vater, also er trat in dessen Fußstapfen. Und später als Soldat wurde der Martin dann eben stationiert, nach Westen, nach Gallien, und so kam er dann nach Tours, in diese Stadt im heutigen Frankreich.

Dietrich: Und wie wird aus einem römischen Soldaten ein christlicher Heiliger?

Metz: Der Martin war sehr früh Christ. Also, es war die Zeit des aufkommenden Christseins. Das Christentum hatte sich schon ziemlich etabliert, und der Martin hatte eine christliche Erziehung genossen und hatte sich bekehrt. Ich weiß gar nicht, ob er getauft worden war, ich glaube, er ist dann erst später in Tours getauft worden von Hilarius von Poitiers, das war der Bischof von Tours. Aber er war ein sehr entschiedener, sehr verbindlicher Christ. Und so nahm das Ganze seinen Anfang. Er war, wie gesagt, schon als Soldat Christ.

Sein Mantel wurde überall verehrt

Dietrich: Martin war dann ja lange, eigentlich sein ganzes Leben lang, Bischof von Tours. Er hat, so erzählt man, sehr mönchisch, sehr asketisch gelebt, und wurde sehr bald nach seinem Tod schon verehrt und als Heiliger betrachtet. Für was stand er? Warum wurde er so schnell verehrt?

Metz: Zum einen hat er dieses Mönchtum nördlich der Alpen etabliert. Es war damals noch eine sehr fremde Form des christlichen Glaubens, das kam eigentlich aus Ägypten, und der Martin war davon so beeindruckt, dass er das auch für sich beansprucht hat und das dann eben auch nördlich der Alpen, wenn man so will, eingeführt hat. Er hat dann eben dieses asketische Leben selbst geführt. Er hat eine Einsiedelei gegründet, er war dort, und dann später wurde daraus auch ein Kloster. Also das war das Eine, warum er so ein einflussreicher Mann geworden ist. Und das andere, weil er der fränkische Nationalheilige gewesen ist. Er spielte in diesem aufkommenden fränkischen Reich eine ganz entscheidende Rolle. Das ist zum Beispiel daran erkennbar: Dieser Mantel, lateinisch heißt das Capella, der wurde überall verehrt im fränkischen Reich. Und wir haben unser heutiges Wort Kapelle von dieser Verehrung her. Also da kann man mal sehen, was das für ein populärer Heiliger gewesen ist.

Dietrich: Der soldatische Aspekt, der spielt ja heute eigentlich nicht mehr so viel eine Rolle, sondern das Teilen des Mantels ist eher so als Akt der diakonischen Nächstenliebe betrachtet.

Metz: Er hat, so ist die Überlieferung zumindest, er hat nie zum Schwert gegriffen, außer eben, um diesen Mantel zu teilen. Und er hat sich dann auch in jungen Jahren – er war verpflichtet, viele Jahre und Jahrzehnte Soldat zu sein – er hat sich dann davon losgekauft, weil er sagte, ich bin jetzt nicht mehr ein Soldat des Kaisers, sondern ich bin jetzt ein Soldat Christi, und dem ist es verboten, das Schwert zu ergreifen und damit eben Menschen umzubringen. Und da ist dieses Soldatische noch spürbar, natürlich eben mit diesem pazifistischen Unterton, aber ansonsten ist er eben als Bischof bekannt.

Integrität und Güte

Dietrich: Und als einer, der Gutes getan hat. Wieso ist eigentlich genau dieses Helfen für Arme, für die, die wirklich gar nicht mehr weiterkönnen, mit diesem Martin verknüpft worden? Es gab ja andere, die viel größere, viel beeindruckendere Hilfeleistungen getan haben als diese eine, einmalige Tat.

Metz: Also es gibt auch noch andere Heilige. Jetzt zum Beispiel haben wir den heiligen Nikolaus, das war auch ein großer Wohltäter, und diese Tradition des Geschenkeweiterreichens ist auch verbunden mit dem heiligen Nikolaus. Aber der Martin, dass er eben ein so bedeutender Heiliger gewesen ist, ein solches Vorbild gewesen ist, hängt wohl damit zusammen, dass seine ganze Person sehr von Integrität, von Güte, von christlicher Güte, von Barmherzigkeit gekennzeichnet war. Und das hat sich sein ganzes Leben durchgezogen, und das hat ihn eben auch so – das bringt ihm auch so eine Bedeutung ein. Und natürlich eben einfach die Tatsache, dass er der populäre Heilige der damaligen Zeit gewesen ist.

Dietrich: Zum Martinstag gehören, nicht erst heute, sondern schon ganz lange, Sachen, die eigentlich gar nicht so richtig zu einem Heiligen passen, der ein Leben lang ein eher asketischer Mönch gewesen ist, also Weckmänner, Martinsgänse, gutes Essen, Schlemmerei – wie passt das denn zusammen?

Metz: Das hängt damit zusammen, dass der Sankt-Martins-Tag, also der Namenstag des Heiligen Martin, am selben Tag gefeiert wird, wenn die Ernte eingebracht gewesen ist. Also dann hörte man mit der Arbeit draußen auf, es begann die lichtlose Zeit, das heißt, man konnte draußen nicht mehr arbeiten, und das Ganze wurde dann eben mit einem großen Fest begangen, mit einem, wenn man so will, Erntefest begangen. Und daher kommt eben dieses Essen der Martinsgänse und all dieses Gebäck, was dort angeboten wird. Also das hat was mit der Natur zu tun und mit dem Lebenslauf der Menschen damals. Das stimmt einfach überein vom Datum.

Dietrich: Das heißt, die beiden Bräuche haben sich dann verbunden miteinander?

Metz: Es gibt fast kein Kirchenfest, das sich nicht mit irgendeinem Brauch verbunden hätte. Bei Weihnachten ist das ganz besonders augenfällig und bei Ostern. Aber die meisten Kirchenfeste sind verbunden mit einem anderen Brauch, der schon vorher da gewesen ist.

Das Licht der Welt

Dietrich: Eine Sache, die mit dem Martinstag auch verbunden ist, da fällt die Verbindung herzustellen besonders schwer, das sind nämlich die Laternen. Da taucht in der Geschichte gar nichts auf, da gibt es in der Jahreszeit eigentlich nicht unbedingt was – wie kommen die Laternen zum Martinstag?

Metz: Die Laternen haben auch mit diesem Brauch zu tun. Die lichtlose Zeit beginnt ja jetzt im November. Wenn die Tage dunkel werden, dann muss man Lichter anzünden. Und wenn man eben dieses Heiligenfest, diese Prozession begangen hat, dann hat man eben auch Lichter angezündet. Das ist der eine Grund. Es ist einfach notwendig gewesen, Lichter anzuzünden, um diese Prozession begleiten zu können. Aber der andere Grund, und das ist eigentlich der wesentlichere, ist, dass sich dieses Licht, das Kerzenlicht, das Laternenlicht, das verband sich oder verbindet sich mit der christlichen Lichtsymbolik. Christus selbst sagt von sich, ich bin das Licht der Welt, er sagt über die Christen, also seine Nachfolger, dass sie das Licht der Welt sind. Und das passte einfach oder das passt einfach vom Konzept so gut, dass das eben dort zum Einsatz kommt, dieses Element.

Dietrich: Was denken Sie, wie viel von diesen religiösen Hintergründen ist noch lebendig, wenn heute Menschen sich zum Martinszug treffen?

Metz: Das ist eine gute Frage. Wenn ich ehrlich bin, ich würde sagen, es wird sehr wenig bekannt sein. Das meiste hat was mit Gefühl zu tun, mit Sentiment. Das ist ja auch nichts Negatives, aber jetzt wirkliche Kenntnis – ich glaube nicht, dass da noch sehr viel vorauszusetzen ist; da ist man einfach gern dabei.

Dietrich: Trotzdem ist ja auch hier im eher säkularen und traditionell protestantischen Berlin, von dem aus ich rede, bei den Martinszügen auch immer das Pferd mit dabei, oder es gibt ein kleines Anspiel. Das heißt, diese religiösen Wurzeln scheinen doch auch wichtig zu sein, zumindest für die, die es veranstalten.

Metz: Die religiösen Wurzeln sind wichtig, ja. Man kann das – es ist wie ein Krippenspiel. Da wird ja auch die Geschichte der Geburt Jesu wiedererzählt, immer wieder erzählt und so auch wachgehalten. Und so ist es eben auch bei dem Martinsumzug. Da wird eben auch die Geschichte von dem Sankt Martin erzählt, aber natürlich nicht in aller Tiefe und Breite. Aber eben diese eine Episode, die wird eben erzählt und lebendig gehalten, eben durch ein Schauspiel, durch diese Prozession, durch diese Laternenwanderung. Das ist einfach was fürs Auge, was fürs Gemüt. Das ist eigentlich ein sehr schönes Spiel, dem man da beiwohnen kann.

Ein Barmherziger für alle

Dietrich: Der Martinstag wird ja ab und an mal aktiv versucht umzubenennen, also dass der Martinszug nicht mehr Martinszug heißt, sondern Laternenfest oder Lichterzug oder so, um das Fest dann inklusiver zu machen. Populistische Brauchtumspfleger sehen dann gleich den Untergang des Abendlandes vor der Tür. Was meinen Sie – taugt der Heilige Martin als Inklusionsfigur für alle?

Metz: Also der Heilige Martin taugt als Inklusionsfigur für alle, weil er eben diese christlichen Werte der Güte, der Barmherzigkeit repräsentiert. Ich denke, man muss das dann auch nicht irgendwie umbenennen oder in einen anderen Kontext stellen als den, der schon da ist. Das klappt auch trotzdem. Insofern glaube ich, den Martinstag, den kann man schon so lassen, wie er ist. Es gibt meines Erachtens keine Notwendigkeit, den jetzt umzubenennen in Laternen- oder Lichterfest. Durch diesen Heiligen Martin wird genug verständlich.

Dietrich: Familienfest mit gefühligen Elementen, das als Event gefeiert wird, also man tut auch was zusammen. Und inhaltlich eine sehr schöne, aber sehr niedrigschwellige Geschichte – ist das so die Formel für Rituale, mit denen man Menschen heute erreicht?

Metz: Das war die Formel für Rituale schon immer, dieses Plakative. Etwas, was gar nicht dem Verstand zuerst dargeboten werden muss, sondern dem Gefühl, dem Niederschwelligen. Das unterscheidet sich eigentlich nicht von dem Damaligen. Und wenn man sich eben anschaut, wie jetzt zum Beispiel Kinder dieses Fest wahrnehmen – die sehen ja nicht die Botschaft oder die Geschichte im Vordergrund, sondern alles, was da an Umrahmung noch geschieht. Und das gefällt ihnen. Insofern, es ist damals wie heute im Grunde genommen dasselbe. Rituale funktionieren nicht über den Verstand, sondern die haben ganz viele Eingangspforten.

Dietrich: Wie sich der Martinstag verändert hat und was das mit dem Heiligen aus dem vierten Jahrhundert zu tun hat – ich sprach mit dem Theologen und Autor Uwe Metz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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