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Länderreport | Beitrag vom 28.12.2018

Sanierung von Haus Reichstein in Gelsenkirchen Ein Gründerzeithaus auf dem Weg in die Zukunft

Von Simon Schomäcker

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Die Fassade von Haus Reichstein in Gelsenkirchen  (Pedro Malinowski)
Soll zu neuem Leben erweckt werden: Das Haus Reichstein in der Bochumer Straße in Gelsenkirchen (Pedro Malinowski)

Der Gründerzeitbau Haus Reichstein in Gelsenkirchen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Zwischenzeitlich zum Abriss freigegeben, wird es nun aufwändig saniert. Das Besondere: Die Öffentlichkeit kann an jedem Schritt teilhaben.

Die Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf: Autos, Motorräder und Straßenbahnen schieben sich vorbei an Altbauten, die die Folgen des Strukturwandels im Ruhrgebiet zeigen. Die Fassaden sind verwittert, manche gar verfallen. Einige historische Gebäude mussten bereits abgerissen werden. Aber es stechen auch Farbtupfer hervor: Die Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen hat damit begonnen, einige Gründerzeithäuser zu sanieren. Auch der ehemalige Gasthof "Haus Reichstein" soll bald dazugehören. Schließlich ist das vierstöckige Gebäude mit braunroter, reich verzierter Fassade Teil einer glücklichen Vergangenheit. Oberbürgermeister Frank Baranowski:

"Als Kohle und Stahl hier noch vor Ort waren, da wird das eine Straße gewesen sein, wo es geboomt hat. Wo die Menschen, wenn sie dann von der Zeche gekommen sind, ihren Lohn bekommen haben, in der Kneipe hängengeblieben sind. Und das ist eben das, was man wachküssen muss. Wir könnten es uns jetzt ganz leicht machen und sagen: Hauen wir alles weg, bauen alles neu. Aber das würde natürlich den Charakter völlig verändern."

"Haus Reichstein" wirkt verlassen - noch

Bauliche Geschichte soll möglichst erhalten bleiben, da waren sich Stadtverwaltung und Stadterneuerungsgesellschaft schnell einig. Außerdem soll die Bochumer Straße auch die Beschäftigten des angrenzenden, 1995 eröffneten Wissenschaftsparks anlocken. Helga Sander von der Stadterneuerungsgesellschaft:

"Die Menschen, die von dort zur Bochumer Straße kommen sollen, um hier Verbindungen herzustellen, die müssen ein Ziel haben. Die Bochumer Straße war zu dem Zeitpunkt verwahrlost und sie stellte kein Ziel dar. Von daher war für mich klar, die Zeile muss erhalten bleiben, die Blockrandbebauung geschlossen, um auch die Verlärmung der wunderschönen Innenhöfe zu verhindern."

Zu besagter Zeile gehört auch "Haus Reichstein". Das Gastronomie-Gebäude wirkt verlassen: Die Jalousien vor den großen Fenstern im Erdgeschoss sind heruntergelassen; auf der Tafel neben der Tür hat der Regen längst das letzte Angebot weggespült. Das Haus von 1902 war zum Abriss freigegeben. Doch das konnte verhindert werden, freut sich Helga Sander:

"Ich hatte gehört, dass das Städtebauministerium sehr interessiert daran ist, ein Modellhaus für die Sanierung von Gründerzeithäusern zu unterstützen. Und da war dann mein Gedanke relativ schnell bei dieser Immobilie. Denn sie hat so viele Problemlagen. Man kann das an keiner Immobilie so wunderbar aufarbeiten und für die Eigentümer vergleichbarer Immobilien nachvollziehbar machen, wie man damit auch möglicherweise kostengünstig umgeht. Und erfreulicherweise hat das Städtebauministerium dann auch zugestimmt."

Digitale 360-Grad-Tour für Interessierte

Architektin Monika Güldenberg erinnert sich an ihre erste Besichtigung von "Haus Reichstein":

"Wir hatten hier unten noch die roten Wände, wir hatten hier Holzvertäfelung, es stand ein alter Kamin, die alte Heizung, die Theke war noch eingebaut von der vorherigen Kneipe. Oben waren noch alle Tapeten und Böden verlegt. Wir mussten aber auch feststellen, dass die vorherigen Eigentümer das Gebäude nicht pfleglich behandelt haben – und der Leerstand tut dann sein Übriges."

Erst nachdem alle Räume des Hauses von Müll befreit waren, konnten die Vorarbeiten beginnen. Tapeten, Wandverkleidungen und Böden wurden entfernt – und dahinter verbarg sich manche Überraschung, betont Monika Güldenbergs Kollege Ulrich Piel:

"Man sieht in dieser Phase Wasserränder. Und wenn man dann da hinguckt, stellt man fest, dass es Schäden gibt, nicht nur an der Decke, nicht nur an der Tapete, sondern dass die Schäden möglicherweise weitergehen, zum Beispiel bis in den Bereich der Deckenbalken. Und erst wenn wir wissen, in welchem Zustand das ist, kann man im Grunde immer feinjustieren, um dann auch die Leistungen entsprechend ausschreiben zu können."

Alle ausgeschriebenen und vor allem ausgeführten Leistungen werden während der zwei Jahre dauernden Sanierung öffentlich dokumentiert. Der Kommunikationsexperte Matthias Krentzek hat dazu ein umfassendes Online-Konzept gestartet, basierend auf einer hauseigenen Webseite.

"Unter anderem kann man da eine komplette 360-Grad-Tour durch das ganze Haus bis in den Spitzboden machen. Und solche Maßnahmen wären halt auch während des Baus immer zu wiederholen, dass man sich verschiedene Zeitschichten auch anschauen kann. Es wird alle zwei bis drei Monate eine Videofolge geben, wo immer ein Protagonist stellvertretend über die Baufortschritte informiert."

Gründerzeitimmobilie mit viel Holzsubstanz 

In einem Bautagebuch können sich Fachleute und Interessierte außerdem über die verwendeten Arbeitstechniken in "Haus Reichstein" informieren. Schließlich soll das Projekt als Anregung für weitere Altbausanierungen dienen, erläutert Helga Sander.

"Vergleichbare Immobilien gibt es ja nicht nur in Gelsenkirchen. Die gibt es in Essen, die gibt es in Dortmund, die gibt es auch in Köln, die gibt es in vielen Städten. Also Gründerzeitimmobilien mit der vielen Holzsubstanz, wie wir sie hier auch vorfinden – und mit den wirklich speziellen Anforderungen auch."

Für Altbausanierungen ist es wichtig, die früheren Baumethoden zu kennen, die Substanz möglichst originalgetreu und trotzdem kostengünstig wieder herzurichten. Der Projektgruppe geht es deshalb auch darum, gerade Eigentümern die "Angst vor dem Altbau" zu nehmen, erklärt Monika Güldenberg an einem Beispiel:

"Es geistern dann Mären umher: Der Hausschwamm, das Gebäude ist auf immer kaputt. Woher soll denn jeder Eigentümer das jetzt wissen, wie es geht? Insofern kann man einfach an so einem Gebäude zeigen, ich hab das Problem, was kann ich machen, wie muss ich vorgehen? Und auch ein Hausschwamm ist heutzutage kein Gespenst."

Architektonische Schätze entdeckt

Denn mittlerweile gibt es effiziente Untersuchungsmethoden. Sie zeigen sehr zuverlässig, wie intensiv ein Hausschwamm-Befall ist – und ob der wirklich mit teuren Chemikalien bekämpft werden muss oder ob es vielleicht auch reicht, das Mauerwerk zum Beispiel gegen aufsteigende Bodenfeuchtigkeit abzudichten.

Das Sanierungsteam hat bei den ersten Arbeiten aber nicht nur Schäden festgestellt. Es kamen auch schon ein paar architektonische Schätze zum Vorschein. Zum Beispiel der alte Terazzoboden im Gastraum von "Haus Reichstein". Blank poliert lässt der Steinboden mit den Einschlüssen die ehemals prachtvolle Gastronomie erahnen. Das Material hat im Laufe der Jahrzehnte Risse bekommen. Das sei aber kein Grund, den Boden zu entfernen, sagt Monika Güldenberg:

"Der Boden ist nun mal hundert Jahre alt, tut der Nutzung eigentlich keinen Abbruch, wir zeigen die Risse. Wir wollen in dem restlichen Raum eben auch einen Estrich verlegen. Vom Bild her passt es dann wieder zusammen – und wird sozusagen ein historisch lesbarer Boden."

Architekten, Bauherrin und Oberbürgermeister am freigelegten Terrazzo-Boden. V.l.n.r.: Gordon Galert, Ulrich Piel, Monika Güldenberg, Helga Sander, Frank Baranowski (gkfoto, Stadt Gelsenkirchen)Architekten, Bauherrin und Oberbürgermeister am freigelegten Terrazzo-Boden. V.l.n.r.: Gordon Galert, Ulrich Piel, Monika Güldenberg, Helga Sander, Frank Baranowski (gkfoto, Stadt Gelsenkirchen)

Eugen Reichstein ist der Enkel des Erbauers von Haus Reichstein. Der 69-jährige erinnert sich beim Anblick des Bodens sofort an das rege Treiben in der Gastwirtschaft.

"Als wir dann im trinkfähigen Alter waren, waren wir hier gerne zu Gast. Vor allem an den Wochenenden. Es gab Zeiten, da konnten Sie keinen Platz mehr bekommen an der Theke. Hier standen die Leute in Zweierreihen. Und ich kann mich noch erinnern, wo ich noch etwas jünger war, gab es den Streifenpolizisten noch. Der war gerne zu Besuch hier: 'Alles in Ordnung? Alles in Ruhe hier?' - 'Ja, kein Problem'. Eine rauchen, ein Schnäpschen, 'Schönen Abend noch und Tschüß!'"

Solche Anekdoten möchte das Projektteam gerne von weiteren Leuten sammeln. Sie können dafür zum Beispiel ein Kontaktformular auf der Haus-Webseite ausfüllen. Zwischendurch wird es auch im Gebäude selbst möglich sein, bei Führungen über alte Zeiten zu sprechen, in die Zukunft zu blicken – und die Bautätigkeit nachzuvollziehen. Außerdem müssen wegen der öffentlichen Förderung die Arbeitsvorgänge zehn Jahre lang einsehbar bleiben. Dafür ist ein besonderes Belegungskonzept von "Haus Reichstein" geplant, erläutert Helga Sander.

Ein Treffpunkt fürs Viertel soll entstehen

"In den drei Obergeschossen sollen Wohnungen ja auch entstehen. Und wir können das auch so konzipieren, dass immer ein Raum gesondert - wie ein Ausstellungsraum - dann zu einem bestimmten Thema auch besichtigt werden kann. Das Erdgeschoss hier unten stellen wir uns vor als Ausstellungscafé und als Raum, in dem dann auch Vorträge und Ähnliches zu dem Thema gehalten werden können."

Das Erdgeschoss soll auch auf Dauer für die Gastronomie bleiben. So könnte hier wieder ein Treffpunkt fürs Viertel entstehen, hofft das Projektteam. Die oberen Stockwerke sollen Wohnraum vor allem für junge Leute bieten. "Haus Reichstein" ist nicht das erste Sanierungsprojekt in Gelsenkirchen-Ückendorf, aber das bisher umfangreichste. Ein Ansporn für weitere spannende Aktionen wird es daher ganz bestimmt sein, meint Oberbürgermeister Frank Baranowski.

"Ich bin ziemlich optimistisch, dass es uns gelingt, dieses Bild vom strukturellen Niedergang zu verändern, zu sagen: Hier passiert was. Das ist nicht alles perfekt, so wie dieses Haus auch nicht perfekt ist. Aber es bietet Raum für Perspektiven, es bietet Raum für Experimente. Und das sieht man ja jetzt hier bei dieser Immobilie. Das wird spannend!"

Zum Beispiel haben sich schon mehrere junge Künstlerinnen und Künstler sowie Medienschaffende im Viertel niedergelassen. Wer weiß, vielleicht kommen bald noch mehr von ihnen, bringen neues Leben in die Gründerzeithäuser - und tanzen eines Tages ausgelassen auf dem alten Terazzoboden von "Haus Reichstein".

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