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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.02.2019

Sanfter Tourismus in den Alpen Nach dem Rodeln zum alpinen Steinschaf

Von Susanne Lettenbauer

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Die Alpspitze am 31. Januar 2019 in Garmisch-Partenkirchen. Skier und Snowboarder machen auf der Bergstation Rast. Wintersport in Garmisch Partenkirchen *** The Alpspitze on 31 January 2019 in Garmisch Partenkirchen Skiers and snowboarders do winter sports at the mountain station Rast in Garmisch Partenkirchen. (imago stock&people)
Skifahrer und Snowboarder in Garmisch-Partenkirchen. Lässt sich die Natur in den Alpen schützen und trotzdem nützen? (imago stock&people)

Gerade im Winter werden die Alpen zur Eventarena. Bewohner klagen über zu viel Verkehr, die Bergwacht über mehr Einsätze. Deshalb wird auf sanften Tourismus gesetzt: Weniger Besucher sollen länger bleiben.

Wintersport in den Alpen, besser gesagt im Classic-Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen: blendend weißer Schnee, bestens präparierte Pisten, Hüttengaudi mit Weißbier - und mit Hüftschwung runter ins Tal. Die Lifte laufen von 8.30 bis 16.30 Uhr. Die Parkplätze im Tal sind voll belegt, gegen Mittag ist die Parksituation grenzwertig und Ellenbogen werden ausgefahren. Denn wer es bis hierher geschafft hat, hat immer häufiger eine harte Geduldsprobe hinter sich.

Stoßstange an Stoßstange warten Autos in Eschenlohe und Oberau kurz vor Garmisch-Partenkirchen auf den ersehnten Platz am Lift - nicht mehr nur an Wochenenden. Der Stau von München Richtung Alpen ist normal geworden, auch unter der Woche und außerhalb von Feier- und Ferientagen.

Eine Bürgerinitiative kämpfte jahrelang für eine Umgehungsstraße. Mit Erfolg: Alexander Dobrindt, damals noch Bundesverkehrsminister, jetzt Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, machte die Gelder locker: Für seinen Wahlkreis - vor den Wahlen. Dafür verehren sie ihn hier.

Kooperationen mit der Bahn und Flixbus

Philipp Holz steht an der Durchfahrtsstraße von Oberau. Nicht weit entfernt bohren sich die Tunnelbauer durch den neuen Umgehungstunnel Oberau, der 2021 eröffnet werden soll. Holz ist Tourismusmanager der Zugspitzregion und redet gegen den Verkehrslärm an:

"Als Tourismusmanager der Zugspitzregion freut es mich natürlich, dass die Gäste zu uns in die Region kommen, weil es für uns eine wahnsinnig wichtige wirtschaftliche Einnahmequelle ist. Wir sind uns der Verkehrsproblematik absolut bewusst. An guten Wochenenden haben wir diese Stauproblematik, aber dem versuchen wir schon entgegenzuwirken."

Jeder der zehn Millionen Tagesgäste pro Jahr sei herzlich willkommen in der Zugspitzregion – aber bitte nur per Bus oder Bahn, betont Holz. Mit der DB Regio vereinbarte man schon vor Jahren Kombitickets für Skifahrer und Wanderer, damit sie vom Münchner Hauptbahnhof direkt auf die Zugspitze und zurück kommen.

Mittlerweile gibt es auch eine Kooperation mit Flixbus. Dadurch bekommen Hotelgäste einen Gutschein, der sie die 90 Kilometer für 5 Euro von und nach München fährt. Vielleicht müsse für die Angebote tatsächlich mehr geworben werden, gibt der Tourismusmanager zu.

Kein Umgehungstunnel wegen seltener Schnecken

Denn die Menschen werden so schnell nicht vom Auto umsteigen, ist Hans Sedlmaier überzeugt. Er ist Mitglied der Bürgerinitiative "2 Tunnel für Garmisch-Partenkirchen". An seinem Bauernhaus von 1805 drängt sich an sonnigen Tagen der Ausweichverkehr vorbei, mitten durchs Wohngebiet.

Durchfahrtsverbote wie in Österreich gibt es noch nicht, die Belastung für die Anwohner aber steigt. Deshalb setzt sich die Bürgerinitiative für zwei Umgehungstunnel ein – einer unter dem Kramer gegenüber der Zugspitze und einer unter dem Wank bei Partenkirchen.

Ausgerechnet der Bund Naturschutz stoppte per Eileingabe den weit fortgeschrittenen Tunnel-Bau am Kramer, der den Verkehr und damit die Feinstaubbelastung aus der Stadt raushalten könnte, wettert der Garmischer Hans Sedelmaier. Nachdem die Klage vor Gericht abgewiesen wurde, muss das Projekt europaweit neu ausgeschrieben werden – und das dauert, so Sedelmaier:

"Das war ja der Witz: In dem noch verbleibenden Teil, da in dem Hang sind seltene Schnecken - Schnecken! Der ganze Tunnel ist 3.000 Meter schon gemacht, aber in dem Rest von 240 Metern sind die seltenen Schnecken, die findet man natürlich schon da, aber die geht doch auch woanders hin."

Abseits bekannter Wege

In der Zentrale des Deutschen Alpenvereins (DAV) sieht man den sogenannten "Overtourismus" mit Sorge. Um entgegenzusteuern, empfiehlt Deutschlands größter Alpinsportverband auf seiner Webseite regelmäßig eine unbekannte "Hütte des Monats" und eine wenig frequentierte "Tour der Woche".

Etliche der gut 322 DAV-Hütten liegen abseits der bekannten Wege. Dort würden sich die Wirte über mehr Kundschaft sehr freuen, sagt DAV-Sprecher Thomas Bucher. In Zukunft müsse es mehr um Entzerrung und Lenkung der Touristenströme gehen.

Zwei Wanderer vor einer Hütte im Berchtesgadener Land. (imago stock&people)Der DAV empfiehlt regelmäßig eine unbekannte „Hütte des Monats“, wo sich die Wirte über mehr Kundschaft freuen. (imago stock&people)

Hotspot-Unterkünfte wie das Rotwandhaus, die Karwendelhütte, die Memminger Hütte bei Oberstdorf oder auch die Höllentalangerhütte an der Zugspitze werden deshalb bewusst nicht mehr beworben. Die insgesamt 20.400 Übernachtungsmöglichkeiten müssten ausreichen, so die Strategie des DAV:

"Wir nehmen das schon ernst: Die Erschließung der Alpen ist für uns abgeschlossen. Das heißt, wir bauen keine neuen Hütten, wir bauen keine neuen Wege. Wir erweitern unsere Hütten auch nicht. Also es gibt keine zusätzlichen Schlafplätze. Das führt manchmal zu viel Verärgerung. Wenn man zum Beispiel auf dem E5 von Oberstdorf nach Meran schaut, wo irrsinnig viele Menschen unterwegs sind, und wo die Hüttensituationen manchmal wirklich brutal sind, weil die Leute dann auf dem Boden schlafen, auf den Tischen, unter den Tischen oder sonst irgendwo. Das ist aber eine Konsequenz daraus, dass wir sagen: Wir bauen nicht mehr."

Keine Urbanisierung der Alpen

Im Nachbarland Tirol sieht man das ganz anders. Dort werden Hütten erweitert, architektonisch aufgepeppt, für Kritiker "Raststätten am Berg". Bayern hingegen setzt immer mehr auf sanften Tourismus, und das auch zwangsweise. Ein Zubau an noch mehr Hotels und Hütten würde das Problem nur verlagern, so DAV-Sprecher Bucher:

"Dann bauen wir dreißig, vierzig Schlafplätze mehr, dann sind die voll, dann müssen wir nochmal dreißig, vierzig dazu bauen und so würde sich die Erschließung in den Alpen immer weiter nach vorn fressen, in die Natur hinein. Das wollen wir nicht. Aber immer wollen alle genau an einen Ort und das ist manchmal ein wenig verrückt."

Roland Ampenberger kann davon ein Lied singen. Er spricht von der Urbanisierung der Alpen. Der Chef der Bergwacht Bayern wundert sich nicht mehr über die steigende Zahl an Bergunfällen, auch wenn er relativiert, dass es mit rund fünf bis sechs Millionen Bewohnern im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit auch mehr potentielle Tagesgäste gibt.

"Das Thema Outdoor-Sport ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren extrem aufgeladen worden, mit Lebensinszenierung und mit einer Idealisierung des selbstbestimmten aktiven Menschen."

2510848301_23.JPG (Bergwacht Bayern)Weil Outdoor-Sport immer populärer wird, muss die Bergwacht öfter ausrücken. Meistens rettet sie Wanderer oder Bergsteiger. (Bergwacht Bayern)

Zum Alpinskifahren, Schneeschuhgehen, Langlaufen, Rodeln, Paragliden, Winterwandern und Tourengehen ist jetzt noch verstärkt das Eisklettern hinzugekommen, auch für Kinder. Ampenberger schüttelt den Kopf. Unaufmerksamkeit, falsches Zeitmanagement, falsche Bekleidung und vor allem Selbstüberschätzung haben die Einsatz-Statistik 2018 nach oben schnellen lassen:

"Zahlenmäßig sind die Einsätze bei den klassischen Sportarten Wandern und Bergsteigen natürlich am höchsten. Wir hatten im letzten Sommer 430 Einsätze beim Bergsteigen, beim Wandern 1500 Einsätze und beim Klettern, was medial sehr stark ist, waren es 100 Einsätze."

Genau dagegen will das Berchtesgadener Land nun vorgehen und erschreckt damit die Tourismusbranche Bayerns. Tourismuschef Peter Nagel, vor einem Jahr von Garmisch-Partenkirchen gewechselt, will mit einer neuen Strategie die ökonomische und die ökologische Zukunft der Region sichern.

"Unser Ziel ist jemand, der eine gewisse Wertschöpfung bei uns generiert. Letzten Endes braucht der Tourismus nicht mehr Leute, aber es braucht mehr Übernachtungen, vielleicht durch die gleiche Anzahl von Leuten oder weniger. Es soll keine spezielle Neben- oder Hauptsaison mehr geben, damit es nicht überlaufen oder sehr ruhig ist."

Rodeln und Skitouren als Philosophie

"Mehr Klasse statt Masse" ist das Tourismuskonzept der neuen Berchtesgadener Vermarktungsdoppelspitze aus dem gebürtigen Partenkirchner Nagel und der aus Österreich stammenden Co-Chefin Brigitte Schlögel. Nagel wird es in wenigen Tagen Anfang März auf der vierten Euro-Asian Mountain Tourism Conference der Vereinten Nationen in Berchtesgaden vorstellen.

Zur Freude auch von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hatte sich die Region bei der Bewerbung gegen China und verschiedene europäische Alpendestinationen durchgesetzt. Hotelbesitzer Hans Michael Angerer findet die Vorschläge jetzt schon gut:

"Wunderbare Sache, das ist auch für uns sehr wichtig, dass wir Winter- wie Sommerhalbjahr eine relativ gleichmäßige Auslastung haben können, damit wir unsere Mitarbeiter zum angemessenen Lohnniveau ganzjährig beschäftigen können."

Fritz Rasp, Tourismusdirektor des benachbarten Ramsau, sieht es ähnlich. Sein Ort wurde als erster in Bayern als "Bergsteigerdorf" ausgezeichnet - das Prädikat vergibt der Deutsche Alpenverein an Orte, in denen das Dorfleben noch intakt ist und die im Winter Rodeln und Skitouren propagieren statt neuer Lifte und Schneekanonen.

"Ich glaube, in Ramsau ist bei der gesamten Bevölkerung dieses Verständnis dagewesen. Da brauchen wir uns nicht verbiegen, wir leben das. Das ist auch kein Marketing-Gag, sondern das ist eine Philosophie, also Gemeindeentwicklung in dem Sinne.

Alpines Steinschaf statt neuseeländisches Lamm

Sanfter Tourismus - das haben sich die Bergsteigerdörfer vorgenommen. Und es funktioniert. Zum Beispiel in Ramsau. Tourismus funktioniert auch ohne immer neue Wellnesshotels, ist man dort überzeugt. Stattdessen gibt es seit neuestem eigens im Königssee gezogene Störe für die Hotelküchen, dazu eine Rückbesinnung auf die Zucht von alten Tierrassen wie dem alpinen Steinschaf statt neuseeländischem Lammfleisch. Was gleichzeitig Lieferverkehr mindert und den Bauern im Dorf eine Perspektive gibt.

Weniger Tagesgäste, dafür mehr Kongresse und Tagungen, so lautet das Ziel in Berchtesgaden. Der Tourismuschef will auch auf aggressives Marketing verzichten.

"Also wir fahren auf bestimmte Märkte nicht mehr, wir werden den asiatischen und den arabischen Markt außen vor lassen, weil da sowieso viele Menschen zu uns kommen. Die sind alle herzlich willkommen, aber das werden wir nicht noch aktiv forcieren."

Ortsansicht mit blumengeschmückten bayrischen Häusern, Fußgängerzone und Souvenirläden. (imago stock&people)Beliebt bei Tagesgästen: Schönau am Königssee im Berchtesgadener Land. (imago stock&people)

Kritik an der neuen Strategie gibt es unter anderem von Ladenbesitzern am Königssee, denn die leben vor allem von Tagesgästen.

"Das ist der falsche Weg. Meine Meinung ist, dass jeder Gast das Recht hat, den Königssee anzuschauen und der Tagestourist lässt oft viel Geld hier, der ist nur einmal da. Die Konstellation, die wir jetzt haben, ist der optimale Weg."

"Also der Kongressteilnehmer hat ja sein Tagungsprogramm, in der Regel tagsüber, da haben wir offen. Abends, wenn der Zeit hat, ist hier geschlossen, deswegen wird der für uns nicht viel bringen. Wir brauchen einfach die Tagesgäste, das ist auch die Masse."

Mit Straßenschuhen in die Felswand

Gemeinsam mit dem Bergführer und Kulturphilosoph Jens Badura geht Ramsaus Tourismusdirektor Rasp oft in die Berge. Schneeschuhgehen, Langlaufen und Winterwandern wird hier großgeschrieben. Bergführer Badura habe das Denken im Ort verändert, meint Rasp. Es wird philosophiert, über eine nachhaltige Zukunft nachgedacht. Wie können die Alpen geschützt und trotzdem genützt werden?

Die Alpen als Rummelplatz, als Eventarena, dieses Image will Berchtesgadens Tourismuschef ändern. Mit Straßenschuhen in die Felswand, auf den Watzmann ohne Regenkleidung, bei der Wanderung nicht rechtzeitig umkehren und dann in der Dämmerung wie selbstverständlich die Bergwacht rufen, das muss der Vergangenheit angehören:

"Wenn Bergsteigen in Richtung Spitzensport geht, ist sehr gefährlich, sehr anspruchsvoll, die Leute sollten sich vorher informieren, zum Beispiel auf unserer Homepage. Da gibt es einen speziellen Service für Wanderer und Bergsteiger, von einer Bergsteigerschule, die mit uns zusammenarbeitet, damit sich der Wanderer informieren kann. Vom Rucksackpacken bis ‚Wie verhalte ich mich in welcher Situation?‘."

Die Zukunft des Bergtourismus – darum geht es auf der hochrangigen Konferenz Anfang März in Berchtesgaden. Die Tourismusorganisation der Vereinten Nationen UNWTO will mit rund 300 Konferenzteilnehmern aus 160 Mitgliedsländern sowie 500 der ihr angeschlossenen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen über Chancen und Herausforderungen eines nachhaltigen Alpentourismus diskutieren, so die Ankündigung. Neue touristische Angebotssegmente, Innovationen und technologischer Wandel sowie Geschäftsmodelle stehen auf dem Programm.

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