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Die Reportage | Beitrag vom 05.04.2020

San QuentinMein Freund im Todestrakt

Von Arndt Peltner

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Blick in den Todestrakt durch Gitterstäbe im Vordergrund. Im Gang sind Insassen zu sehen. (picture alliance/AP/Eric Risberg)
Der Todestrakt im US-Gefängnis San Quentin. (picture alliance/AP/Eric Risberg)

Pritsche, Toilette, Fernseher: Seit 40 Jahren lebt der zum Tode verurteilte Reno im berüchtigten Gefängnis San Quentin in einer 4 Quadratmeter großen Zelle. Inzwischen ist er 75. Sein "kleines Stück Freiheit" ist Reporter Arndt Peltner, der ihn regelmäßig besucht.

Ein Brief liegt in meinem Briefkasten, handgeschrieben. Es ist Herbst 1994, ich bin damals 26 Jahre alt und komme gerade von der Arbeit nach Hause. Ich nehme den Brief aus dem Kasten, gehe in den vierten Stock, setze mich an den Küchentisch und öffne ihn.

"Hallo Arndt, vielen Dank für Deinen Brief, über den ich mich gefreut habe."

Der Brief kommt aus dem Todestrakt von San Quentin, dem ältesten Staatsgefängnis Kaliforniens. Geschrieben hat ihn Reno, Häftlingsnummer D-63100, ein Todeskandidat, verurteilt wegen dreifachen Mordes.

"Ich bin seit 1980 hier in San Quentin. Kein guter Ort, aber ich versuche das beste aus der Situation zu machen."

Reno und ich, wir kennen uns noch nicht. Ich hatte ihm einige Wochen zuvor aus Nürnberg geschrieben. Ich war junger Journalist, hatte ein Praktikum in San Francisco gemacht und dort auch eine Organisation besucht, die sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt. Sie hat mir den Kontakt zu Reno vermittelt.

"Ich muss Lance von Death Penalty Focus schreiben und ihm danken, dass er Dir meine Adresse gegeben hat."

Ich habe auf eine Antwort gehofft, aber nicht wirklich daran geglaubt. Nun halte ich ein Blatt Papier in der Hand, das aus einer Todeszelle in San Quentin stammt, geschrieben und abgeschickt von einem zum Tode Verurteilten – Reno. 

Das erste Treffen 

Warum ich Reno damals überhaupt schreibe, hat mehrere Gründe. Das Thema "Todesstrafe" interessiert mich, San Quentin kenne ich nur aus der Ferne, ich habe das Gefängnis bei meinem Aufenthalt nur von außen gesehen. Doch spätestens seit dem Konzert von Johnny Cash 1969 ist San Quentin legendär, ein sagenumwobener Ort, an dem menschliche Grausamkeit und der Kampf der Gefangenen um Würde aufeinander treffen.
Dass Reno drei Minderjährige erschossen haben soll, wusste ich damals noch nicht.

"Was Du über Nürnberg schreibst, klingt interessant!"

Reno aus San Quentin und ich, der junge Journalist aus Nürnberg, schreiben uns zwei Jahre lang Briefe. Reno ist neugierig und stellt viele Fragen. So nimmt er an meinem für ihn so fremden Leben teil.

"Könntest Du mir ein paar Bilder von der Burg und dem alten Teil der Stadt schicken?"

Im August 1996 ziehe ich um nach San Francisco, nicht wegen Reno, sondern der Arbeit wegen. Aber er freut sich, denn nun kann ich ihn besuchen. Er schickt mir ein Besuchsformular zu, und an einem Samstagmorgen fahre ich dann über die Golden Gate Bridge um die Bay herum nach San Quentin, stelle mein Auto auf dem Parkplatz ab.

Besuche sind da noch vergleichsweise einfach. Ich stelle mich in die Reihe und warte. Außer mir sind fast nur Frauen da: High Heels, knielange Röcke, etwas aufgedonnert, gerade noch zulässig für den Gefängnisbetrieb. Blue Jeans und grüne Hosen sind nicht erlaubt, das sind die Farben der Häftlinge oder der Wärter. Nur Ein-Dollar-Noten darf ich mit hinein nehmen, Frauen dürfen keinerlei Drähte im BH haben.

Ich bekomme einen Leuchtstempel auf den Unterarm gedrückt, danach geht es durch einen Metalldetektor, dann mehrere hundert Meter entlang der Bay zum eigentlichen Gefängnisgebäude und zum Besucherraum des Eastblocks. Dort ist die Death Row, der Todestrakt, untergebracht. Direkt neben dem Besucherraum der Eingang zur Hinrichtungskammer. 

Popcorn, Burger, Coca-Cola

Als Besucher darf ich keine Aufnahmen machen. Überhaupt ist es in San Quentin nur bedingt möglich, journalistisch zu arbeiten. Du wirst kontrolliert, begleitet, überwacht. Zugang zum Todestrakt gibt es nur mit Zustimmung aus dem Justizministerium, und die gibt es nicht oft, schon gar nicht für Reporter aus dem Ausland.

Der Besucherraum erinnert an den Warteraum einer Busstation: die Wände kahl, grelles Neonlicht, blaue Plastikstühle. Einige Automaten mit Getränken, Mikrowellenessen, Popcorn und Chips. 1996 können Besucher und Häftling sich noch frei in diesem Raum bewegen. Ich setze mich auf einen Stuhl und warte auf Reno. Gefangene in Blau spazieren mit ihren Besuchern im Kreis um mich herum.  

Grobkörnige Polaroidaufnahme des Insassen Reno in Gefägniskleidung und des Journalisten Arndt Peltner in legerer Alltagskleidung vor den hellen Gitterstäben eines Gefängnissicherheitstrakts. (Foto: privat)Der Todeskandidat Reno (li.) und der Journalist Arndt Peltner, als sie sich vor gut 20 Jahren kennenlernten. (Foto: privat)

Ich erkenne den "Nightstalker", Richard Ramirez, der Mitte der 1980er-Jahre zahlreiche Frauen vergewaltigt und ermordet hatte. Sein Gesicht kenne ich aus der Zeitung. Jetzt dreht er lächelnd mit einer Frau im Arm seine Runde. Ein paar Meter von mir entfernt sitzt Tookie Williams, einer der Gründer der Crips Straßengang. Noch ein Schwerverbrecher.
Und dann wird Reno aus dem hinteren Bereich des Gefängnisses in den Raum geführt – ich habe kein Bild von ihm, aber ich erkenne ihn sofort. Er trägt Bart, Brille und hat diesen suchenden Blick. Auch das Alter stimmt.
Eine kurze Umarmung, ein Hallo, dann gehen wir zu den Automaten. Reno will Coca Cola und Popcorn. Ich frage ihn nach seiner Lebenswelt – die Antwort habe ich später bei einem Telefonat aufgezeichnet. Das ist erlaubt, wird aber überwacht.

"Wie soll ich das beschreiben, es ist eine 1,50 Meter mal 2,70 Meter grosse Zelle. Es gibt einen Bettrahmen aus Stahl, den ich als Tisch benutze, eine dünne Matratze auf dem Boden, auf der ich schlafe. Eine Toilette, ein Waschbecken. Ich habe meinen Fernseher hier, alles, was ich besitze, ist hier. Es gibt nicht viel Platz, aber man gewöhnt sich daran."

Als wir beide uns 1996 zum ersten Mal begegnen, ist das für mich mein erster Besuch in einem amerikanischen Gefängnis. Reno lebt da bereits seit über 16 Jahren im Todestrakt von San Quentin. Er hat sich eingerichtet. Kontakte nach draußen hat er nicht mehr. Langsam wird mir klar, auf was ich mich da einlasse.   

Proteste gegen die Todesstrafe

Fast zehn Jahre später, 2005, gibt es aufgrund mehrerer Hinrichtungen Proteste gegen die Todesstrafe vor den Toren von San Quentin. Der damalige Gouverneur, Arnold Schwarzenegger, ist dagegen. Die Stimmung in der kalifornischen Bevölkerung gespalten.

Mit Reno bin ich in regelmäßigem Kontakt. Aber die Insassen des Todestraktes, auch mein Freund Reno, nehmen die Entwicklung verschwommen wie durch ein Milchglas wahr. Seit Jahrzehnten warten sie auf ihre Hinrichtung, auf eine Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslängliche Haftstrafe – oder auf eine Begnadigung. Reno bekommt immer wieder Aufschub. Andere Gefangene nicht. 

Ich lerne bei meinen Besuchen im damals noch offenen Besucherraum drei Männer kennen, die kurze Zeit später nicht mehr da sind. Hingerichtet. Einer davon ist Tookie Williams, Gründer der Crips Straßengang in Los Angeles.
Seine Geschichte macht weltweit Schlagzeilen. Er beginnt im Gefängnis zu schreiben, Bücher für Kinder und Jugendliche. "Redemption – Wiedergutmachung", wie er selbst sagt. In einem Telefongespräch, das ich im Gegensatz zu den Gesprächen im Gefängnis aufzeichnen darf, spricht er mit mir über das Leben im Angesicht des Todes.

"The ambience is as usual full of death, in my opinion. This is a place, where individuals eventually, if they’re unfortunate, will end up being executed"

Am 13. Dezember 2005 wird Tookie Williams in San Quentin ein Giftcocktail verabreicht. Tookies Hinrichtung ist umstritten, hatte er sich doch in San Quentin vom einstigen Gangsterboss zu einem einflussreichen Autor, gerade bei jungen Leuten, gewandelt. Umsonst. Im Januar 2006 stirbt Todeskandidat Clarence Ray Allen in der Todeskammer und kurz darauf soll im Februar Michael Morales hingerichtet werden. Und ich bin unmittelbar beteiligt.

Ohne Arzt keine Hinrichtung

Über eine Sendung, die ich bei einem lokalen Radiosender in San Francisco moderiere, werde ich als US-Medienvertreter und Zeuge der Hinrichtung ausgewählt. Seit fast zehn Jahren komme ich regelmäßig. Jetzt soll ich einer der fünf Zeugen bei der Exekution sein. Zwei Stunden vor dem Hinrichtungstermin klärt der Gefängnisdirektor auf, was genau passieren wird. Und fragt, ob wir bereit sind? Eine grausame Frage, die sich glücklicherweise von selbst beantwortet. Es findet sich kein Arzt, der bereit wäre, dabei zu sein. Und: ohne Arzt – keine Hinrichtung.

Hinrichtungen in Kalifornien sind seither ausgesetzt, seit 2006 leuchtet die rote Lampe oberhalb der "Death Chamber" nicht mehr. Todesurteile werden aber dennoch gefällt. Und so füllt sich der Todestrakt in San Quentin und es wird enger und enger.

Reno ruft mich jede Woche an. Die Gespräche sind wichtig für ihn, aber eigentlich hat er nicht viel zu erzählen.

"Es tut sich hier nicht viel. Frühstück bekommen wir zwischen vier, halb fünf und sechs Uhr morgens. Wenn es Hofgang gibt, den es eigentlich täglich geben sollte, machen sie aber nicht immer, dann dürfen wir zwischen 7 und 8 nach draußen. Wenn man das nicht will, bleibt man in seiner Zelle, schaut fern, schreibt Briefe, malt, oder was man in seiner Zelle machen kann."

Reno sitzt seit 1980 in San Quentin und wartet und wartet. Die Nachricht, dass Hinrichtungen ausgesetzt sind, lässt ihn kalt. Er lebt in einer lähmenden Routine.

"Wir dürfen uns nicht außerhalb der Zelle frei bewegen. Lunch bekommen wir in einer braunen Papiertüte, ein Sandwich und ein Stück Obst. Das Abendessen wird zwischen 4 und 5 nachmittags gebracht. Wir essen in unseren Zellen. Danach schaut man fern, malt, schreibt Briefe, was auch immer, bis man schlafen geht. Am Morgen steht man auf und es beginnt von vorne."

Sicht von oben auf einen großen leeeren Speisesaal im Gefängnis San Quentin. Die Wände sind mit einem eindrucksvollen Wandgemälde verziert. (Press Office San Quentin)Am gemeinsamen Essen dürfen die Gefangenen in den Todeszellen nicht teilnehmen. (Press Office San Quentin)

In San Quentin gibt es mehr Abwechslung als in jedem anderen kalifornischen Gefängnis. Nur dürfen Todeskandidaten wie Reno beim Yoga, beim Malen, in der Theatergruppe, in der Abendschule oder an anderen Programmen außerhalb ihrer 4 Quadratmeter großen Zelle im Todestrakt nicht teilnehmen.
In Handschellen, die oftmals auch noch an einer Bauchkette befestigt sind, wird Reno von seiner Zelle abgeholt, wenn er auf den Hof, zum Gottesdienst, in die Dusche gebracht wird und auch zum Besucherraum, wo ich regelmäßig auf ihn warte und für ihn Popcorn, einen Burger und Cola aus dem Automaten ziehe. Sein kleines Stück Freiheit. 

Leben auf vier Quadratmetern

Sam Robinson ist der Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm stehe ich in einer kleinen Zelle, einen Meter zwanzig mal 2 Meter siebzig groß, in der im normalen Strafvollzug zwei Gefangene untergebracht sind.

"So lebt jeder Häftling, der in San Quentin untergebracht ist. Die Zelle ist vier mal neun Fuß groß, es gibt ein Stockbett, ein paar Regale, hinten ein Waschbecken und daneben eine Toilette, die quasi direkt gegenüber dem Eingang ist."

Ich stelle mir das vor, mit jemandem auf diesen 4 Quadratmetern zu leben. Nicht rauskönnen, essen, schlafen, auf die Toilette gehen, immer in Anwesenheit eines anderen, manchmal für Tage und Wochen im "Lock Down", wenn das Gefängnis aus Gesundheits- oder Sicherheitsgründen abgeriegelt wird. Und dabei nicht durchzudrehen.

Nur auf Death Row, im Todestrakt, in dem mein Freund Reno lebt, sind die Häftlinge alleine in der Zelle. 

Renos Zelle kenne ich nicht. Wenn ich ihn besuche, dann sehen wir uns im Besuchertrakt. Außerdem ruft er mich an, auf meine Kosten, ein "collect call". Das macht er häufig, mindestens einmal die Woche. Er will dann meistens wissen, wie mein Leben draußen aussieht, mit einem Lachen fragt er immer, bei was er mich gerade stört. Nun zeigt mir der Pressesprecher seine Lebenswelt hier drinnen. 

San Quentin ist das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien, erbaut 1852. Einige der Gebäude stammen noch aus diesen ersten Jahren. Viel Stahl, kahle Betonwände, an einigen Stellen bröckelt der Putz, von den Wänden hallt der Lärm und das Geschrei der Gefangenen zurück. 

"Meine Füße berühren die Wand gegenüber"

Raymond Estrada, ein ehemaliger Häftling in San Quentin, berichtet mir nach seiner Entlassung von seinem ersten Tag dort:

"Die Wärter im Erdgeschoss zeigten nach oben und sagten, 'im vierten Stock ist deine Zelle'. Ich schaute hoch, und da waren nichts als Gitter und Stacheldraht. Dann der Wachturm, auf dem ein Wärter mit Gewehr in der Hand stand. Gefangene warfen brennende Zeitungen vom dritten und vierten Stock. An Schnüren seilten sie Zigaretten ab. Und überall Geschrei, einige haben gesungen, andere gepfiffen. Ein paar Typen redeten. Es war irre. Ich kam in diese sehr kleine Zelle. Wenn ich da saß mit dem Rücken an der Wand und meine Beine ausstreckte, konnten meine Füße die Wand gegenüber berühren. Das alles war surreal für mich. Ich war wie taub."

Lange Zeit galt San Quentin als das gefährlichste Gefängnis westlich des Mississippis. Johnny Cash sang "San Quentin you’ve been living hell to me" – du bist die Hölle auf Erden für mich. Das Konzert, das er 1969 im Gefängnis gibt, geht in die Musik-Geschichte ein. Johnny Cash spricht den Gefangenen aus der Seele:

Johnny Cash war nicht der einzige, der hinter den dicken Mauern San Quentins sang. Es gab Sessions bekannter Jazzmusiker und der Komponist Henry Cowell, der selbst einsaß, ließ sich von San Quentin sogar musikalisch inspirieren.
Todeskandidaten dürfen bis heute an Konzerten nicht teilnehmen. 

Johnny Cash singt, Reno malt 

Im Speisesaal von San Quentin gibt es ein gigantisches Wandbild, gemalt 1953 von einem Häftling. Ein Monumentalwerk auf sechs Wänden, niemand hat es jemals im Original gesehen, außer den Gefangenen und den Wärtern. Jazzmusiker, die hier zueinander finden, Gefangene, die mit aufgelöstem Tabak ihre Wände bemalen, um sie regelmäßig von den Wärtern übertüncht zu bekommen. An dieser Endstation und diesem Ort des Todes, hinter den dicken Mauern von San Quentin ist Kreativität möglich. Die einen singen, die anderen schreiben und mein Freund Reno, seit 1980 im Todestrakt, malt.
   
"Mein Malen hilft mir, nicht durchzudrehen in all diesem Irrsinn und dieser Idiotie hier um mich herum. Wenn nicht für meine Kunst, hätte ich wahrscheinlich schon längst aufgegeben. Es hilft klar zu bleiben, aber es ist auch ein Art Fluchtraum, denke ich. Wenn ich male, dann bin ich gedanklich woanders, es hilft Dinge zu erhellen, meine eigene kleine Ecke in der Welt zu erschaffen." 

Bild, das Vögel zeigt, die über eine Seenlandschaft fliegen. (Arndt Peltner)Eines der Bilder, die Reno im Gefängnis gemalt hat. (Arndt Peltner)
Wir sprechen bei Besuchen oder am Telefon oft über sein Malen. Eines Tages beschließe ich Ausstellungen mit Renos Bildern zu organisieren. Ich will zeigen, dass der Mensch, auch wenn er in San Quentin im Todestrakt sitzt, etwas zu sagen und zu geben hat, wie sich Reno mit seinen farbenfrohen Bildern Fenster nach draußen erschafft. 

Renos erste Ausstellung

2002 ist es soweit – in Nürnberg findet die erste Ausstellung statt. Renos Bilder sind Anlass, über die Todesstrafe zu sprechen, aber nicht nur über die düstere Seite, sondern ich kann eben auch über die Menschen dort, über Reno reden. Amnesty International, Die Grünen, die SPD interessieren sich für das Thema, weitere Ausstellungen folgen. Einige seiner Bilder kann ich verkaufen, der gesamte Erlös geht an ihn. Reno ist elektrisiert – die Welt draußen nimmt ihn wahr. Deshalb will er immer mehr davon. Drinnen bleibt die Welt, wie sie ist.

"Ich habe nicht viel mit anderen Gefangenen zu tun. Wir können uns von Zelle zu Zelle unterhalten, auch noch mit einigen, die ein paar Zellen weiter untergebracht sind. Und man geht auf den Hof und redet dort."

Reno ruft mich jede Woche an. Die Zeit, die er sprechen darf, ist begrenzt, 15 Minuten. Meistens gibt es nicht viel Neues zu erzählen. Jeder Tag gleicht dem anderen. Frühstück um halb 5, Hofgang um 7, Lunchpaket um 11, Abendessen um halb 5, dazwischen fernsehen, malen, schlafen. Und das seit 40 Jahren. 

Über den Grund seiner Inhaftierung sprechen wir fast nie. Reno sagt, er sei unschuldig. Vor vielen Jahren habe ich in den alten Akten recherchiert. Es gibt keine klaren Beweise, keine Spuren. Reno hat aber den Mord an drei Jugendlichen irgendwann gestanden. Er sagt, er hatte keine Wahl, er wurde zu der Aussage gezwungen. Wer die Methoden der Polizei in den siebziger Jahren in Los Angeles kennt, weiß, dass das nicht völlig abwegig ist.

Antidepressiva im Vorhof des Todes

Im Laufe der Jahre wird die Frage nach Schuld oder Unschuld für mich immer unwichtiger.   
Ungefähr einmal im Monat fahre ich nach San Quentin und besuche Reno. Früher konnte man im Besucherraum umhergehen. Seit einigen Jahren aber wird man mit dem Gefangenen in einen etwa zwei Quadratmeter engen Käfig eingesperrt. Das Prozedere: gelinde gesagt "gewöhnungsbedürftig" und für all jene, die zum ersten Mal jemanden auf Death Row besuchen, schockierend.

Für mich sind meine Besuche in San Quentin, die anfangs noch so aufregend und neu waren, mittlerweile Routine. Ich kenne den Ablauf: Und dennoch atme ich jedes Mal tief durch, wenn die Stahltür vor mir aufgeht und ich wieder mit Blick auf die San Francisco Bay ins Freie treten kann.

Reno ist fast 75 Jahre alt, er sitzt mittlerweile im Rollstuhl. Die Knie wollen nicht mehr so. Er hat Diabetes, die Gelenke tun weh, er hatte einen Herzinfarkt. Reno bekommt Unmengen an Tabletten, darunter auch Antidepressiva. Als er mir das erzählt, kann ich nicht anders und muss lachen. Depressiv im Vorhof des Todes. Er lacht mit. 
 
Ich bin für Reno sein Kontakt, sein Draht zur Welt nach draußen. Er hört mir aufmerksam zu, wenn ich von meiner Arbeit, von meinen Reisen in teils gefährliche Gegenden, wie Somalia, erzähle. Wir reden über Politik, er verfolgt alles im Fernsehen, fragt nach, wenn er etwas nicht richtig versteht. Er will wissen, was ich von Leuten wie Arnold Schwarzenegger und Donald Trump halte, an was ich journalistisch gerade arbeite.    

Reno rasiert sich, wenn ich komme

Für Reno sind unsere Verabredungen noch immer etwas Besonders. Wenn er weiß, dass ich komme, rasiert er sich. Und freut sich auf das Essen, das ich ihm aus dem Automaten ziehe. Burger und Cola, morgens um 8. 

"Automatenessen ist umso vieles besser, als das, was wir hier drinnen bekommen. Auch das abgepackte Zeug ist um einiges besser als das, was sie uns geben. Es ist richtig schlecht geworden und dann kommt noch hinzu, dass das Idioten in der Küche sind, die meinen, alles müsse total scharf gewürzt werden. Aber hier gibt es Leute, die das nicht mögen." 

In all den Jahren, die ich Reno besuche, werde ich immer wieder gefragt, über was man mit jemandem spricht, der zum Tode verurteilt ist. Die Antwort: über alles. Aber nur ganz, ganz selten über den Tod. 

"Nein, daran denke ich kaum. Erst seit ich meinen ersten Herzinfarkt hatte. Wir sind hier im Todestrakt, aber über den Tod reden wir hier kaum. Wenn es wirklich so weit kommen sollte, werde ich dem Staat dieses Schauspiel nicht gönnen." 

"Willst du bei meiner Hinrichtung dabei sein?"  

Ich weiß, was er damit meint – Suizid. Es klingt verrückt: seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1977 starben im Todestrakt von San Quentin mehr Männer durch Selbstmord oder eines natürlichen Todes als in der Hinrichtungskammer.

Manchmal, wenn seine Schmerzen zu stark sind, reden wir auch über den Tod. Und dann, eines Tages, fragt er mich: "Willst du bei meiner Hinrichtung dabei sein?" Ich bin erstmal sprachlos. Dann reiße ich mich zusammen und sage: "Yes, if you want me to, I'll be there." 

Ein Wächter steht mit Gewehr im Anschlag im Todestrakt des US-Gefängnisses in San Quentin (picture alliance/AP Images/Eric Risberg)Ein Wächter im Todestrakt des US-Gefängnisses in San Quentin (picture alliance/AP Images/Eric Risberg)
Es ist eine seltsame Beziehung zwischen Reno und mir. Wir wären uns draußen wahrscheinlich niemals begegnet, hätten uns nie kennengelernt. Und hier drinnen ging er mir anfangs oft auf die Nerven. Er wollte ständig, dass ich dies oder das für ihn tue, und zwar sofort. Ich sollte öfter zu Besuch kommen, mehr Ausstellungen organisieren. Aber irgendwann hat sich das gelegt. Ich kam ja immer wieder. 

Er hat niemanden mehr. Reno war nie verheiratet, hat keine Kinder und zu seinen Geschwistern und früheren Freunden hat er keinen Kontakt mehr. Seinen Pflichtverteidiger sieht er nur äußerst selten. Fälle wie Renos sind unbeliebt: schlecht bezahlt und meistens hoffnungslos. Fünf Jahre hatte Reno gar keinen Anwalt, seine Einsprüche lagen auf Eis. So wie ihm geht es vielen. Die meisten zum Tode Verurteilten sterben eines ganz natürlichen Todes hinter den dicken Mauern in San Quentin. Reno wahrscheinlich auch. Aber dann – nach 40 Jahren Todeszelle - blitzt wieder Hoffnung auf.

"Mein Anwalt glaubt, dass er gewinnen wird, wir sind jetzt vor dem 9. Bundesgerichtshof. Er meint, es komme zu einem neuen Prozess oder vielleicht sogar zu einer Aufhebung des Urteils."

Todesstrafe ausgesetzt - kein Jubel in San Quentin

Am Morgen des 14. März 2019 verkündet der neue Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, ein Moratorium für die Todesstrafe.

"Es ist seit rund 40 Jahren mehr als bekannt, dass ich gegen die Todesstrafe bin. Ich glaube nicht, dass das eine große Überraschung für jemanden ist." 

Die Todesstrafe sei "moralisch und ethisch" nicht verantwortbar, das hatte Newsom mehrmals in der Vergangenheit erklärt. Mit dieser Entscheidung ist die Todesstrafe zwar noch nicht abgeschafft, aber der Weg dahin ist frei.
Eine großartige Nachricht für Reno und alle anderen Insassen des Todestraktes von San Quentin! So denke ich, aber als ich mit Reno, der seit 40 Jahren einsitzt, telefoniere, reagiert er verhalten.

"Ich habe mich da gar nicht groß mit beschäftigt, denn solche Ankündigungen hat es hier schon oft gegeben. Seitdem ich hier bin, wurde schon mehrmals versucht die Todesstrafe abzuschaffen und geklappt hat es nie. Und wenn es nur für die Amtszeit eines Gouverneurs ist, hilft es uns auch nicht wirklich." 
   
Im Todestrakt von San Quentin gibt es keinen Jubel, keine Freudentänze - im Gegenteil. Einige der Todeskandidaten kündigen sogar an, den Staat Kalifornien verklagen zu wollen - auf ihr Recht hingerichtet zu werden.

San Quentin ist überbelegt, gerade der East Block, die Death Row. 650 der 728 Todeskandidaten in Kalifornien sind dort untergebracht. Seit 2006 gibt es keine Hinrichtungen mehr, weil sich keine Ärzte dafür finden lassen, die der Bundesrichter aber vorschreibt. Was genau das neue Moratorium für die zum Tode Verurteilten bedeutet, ist unklar. Gerne würde der Staat einige von ihnen in andere Gefängnisse verlegen, dafür werden nun Freiwillige gesucht. Für Reno steht fest, dass er nicht aus San Quentin weg will:

"Die meisten hier haben daran kein Interesse. Viele unserer Anwälte sind hier in der Bay Area. Wenn sie uns in andere Gefängnisse verlegen würden, dann würden sich auch unsere Lebensumstände verschlechtern, denn dann kämen wir in Doppelzellen. Wir hätten keine Programme, wie das Kunstprogramm mehr, wahrscheinlich auch keinen Hofgang. Wir würden dann wohl in den normalen Strafvollzug kommen, was deutlich gefährlicher sein würde." 

"Ich würde durch das Haupttor rausmarschieren!"

Reno wird bald 75 Jahre alt. 40 Jahre davon hat er auf vier Quadratmetern im Todestrakt von San Quentin verbracht. Aber die Hoffnung, doch noch einmal San Quentin verlassen zu können, die beflügelt ihn. Sein Anwalt hat ihm mitgeteilt, dass die Chancen für einen neuen Prozess gut seien und dass er diesen gewinne könne.

"Wenn es dazu käme, dann würde ich hier durch das Haupttor rausmarschieren. Ich bin fast 75 Jahre alt, ich würde keinen Job oder sonst was kriegen. Wahrscheinlich würde ich einen Platz unter einer Brücke finden. Aber auch das wäre besser als hier, dann könnte ich zumindest dahin gehen, wohin ich will. Tun was ich will."

Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Reno sitzt inzwischen im Rollstuhl, vielleicht wird er eines Tages tatsächlich entlassen. Ich würde dann sicherlich draußen vor dem Tor stehen. Was dann kommt? Ich weiß es nicht. Wie erkläre ich ihm eine Welt, die er 1978 mit seiner Verhaftung verlassen hat? Als Jimmy Carter US Präsident war und der Liter Benzin in den USA noch 18 Cent kostete. Ich weiß nur: Ich werde ihm helfen. Wir kennen uns einfach zu lange. 
 
Reno hat mich mit allem, was ihm noch wichtig ist, beauftragt: seine Patientenverfügung, seine Bilder, die er in seiner Zelle gemalt hat. Sie lagern in meinem Haus. Ich soll sie verbrennen, wenn er stirbt. Er will nichts hinterlassen. Am Ende eines Telefongespräches frage ich ihn, was andere über ihn wissen sollten. Das überfordert ihn.

"I don’t know how to answer that, in fact I don’t have an answer to that."

Der Todeskandidat Reno mit der Häftlingsnummer D-63100 hat etwas zu sagen, finde ich. Als ich ihm von der Idee dieser Radioreihe erzähle, reagiert er erst zurückhaltend, ja ablehnend. Ein paar Tage später ruft er mich an und sagt, wir machen das: "I trust you".

Reno und ich, das ist mehr als Popcorn und Cola.

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