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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2018

"Salome" in SalzburgEine Art Messe ohne Gott

Von Jörn Florian Fuchs

Asmik Grigorian als Salome in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss auf den Salzburger Festspielen (2018) - in der Inszenierung von Franz Welser-Möst und Romeo Castellucci. (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)
In atemberaubender Intensität und Perfektion: Asmik Grigorian als Salome in der gleichnamigen Oper. (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Die Salzburg Festspiele warten mit einer neuen Inszenierung der "Salome" von Richard Strauss auf. Diesmal in einer Produktion von Romeo Castellucci und Franz Welser-Möst: ein ebenso sinnliches wie kopflastiges Vexierspiel, zugleich bild- und klangmächtig mit sakraler Dimension.

Richard Strauss ist ein Hausgott der Salzburger Festspiele, naturgemäß wird seine Oper "Salome" alle paar Jahre dort neu in Szene gesetzt. Oder doch nicht? Der Blick ins Archiv erstaunt: Lediglich vier Jahre stand das blutig-rituelle Musiktheater auf dem Spielplan. 1977 mit dem Kultduo Herbert von Karajan (im Graben und am Regiepult) und Günther Schneider-Siemssen (Ausstattung), Wiederholung 1978. Und 1992 mit Christoph von Dohnányi und Luc Bondy, Wiederaufnahme 1993. Dazwischen gab es immerhin bei den Osterfestspielen eine – leider sehr matte – Produktion von Stefan Herheim und Simon Rattle.

Nun also Franz Welser-Möst und der italienische Gesamtkunstwerker Romeo Castellucci, der wie so oft für Regie, Bühne, Kostüme und Licht gleichermaßen verantwortlich zeichnet. Castellucci befragt besonders gern klassische Stoffe auf eine völlig neue, immer gänzlich unberechenbare Weise.

In der Felsenreitschule erlebt man eine Art Meta-Salome, ein ebenso sinnliches wie kopflastiges Vexierspiel. Alles bewegt sich zwischen inszenierter Installation und tiefenpsychologischer Studie.

Der Kopf, der Kuss und ein schwarzer Gaul

Kopflastig ist die Sache in mehrerlei Hinsicht, einmal weil es im Programmheft kluge, für den normalen Zuseher äußerst hilfreiche Erläuterungen zu den diversen Bildideen gibt, andererseits, da der Schädel des Propheten Jochanaan bei Castellucci wahrhaftig ganz neu gedeutet, be-lastet wird. Er fällt zwar am Schluss, jedoch kann ihn Salome nicht küssen: der sehnlichste Wunsch dieser von allen umschwärmten, nur vom – vermeintlich – heiligen Prediger verschmähten Prinzessin.

Lediglich ein Torso bleibt von ihm übrig. Salome muss mit einem Pferdeschädel vorlieb nehmen, vorher sah man den sehr eleganten schwarzen Gaul meditativ im Kreis  - beim Ausgang von Jochanaans Zisterne – schreiten.

Brillante Farb- und Schattenspiele

Castelluccis Personal besitzt einerseits hohe Dekadenz-Kompetenz, schmierig agiert etwa der gestisch und vokal phänomenale Herodes des John Daszak, andererseits schafft er ein Ritual mit vielen Als-ob-Momenten, mit Verweisen und Symbolen.

Dieses Salome-Labor verstört durch seinen Rätselcharakter, zugleich wirken die meisten Bilder unmittelbar und brennen sich ein. Die Arkaden der Felsenreitschule sind zugemauert, brillante Farb- und Schattenspiele korrespondieren mit konkreten Deutungen. So wird der Prophet, nachdem er sich aus (s)einer sehr düsteren Unterwelt mühsam heraus gequält hat, erstmal kunstvoll abgeduscht. Salome badet, nein, trampelt in einem Milchsee, der wiederum symbolisch auf den Mond verweist. Einen Tag nach der Blutmond-Finsternis über Europa, begegnet man dem Erdtrabanten nun in diversen Zuständen und Farben in der Felsenreitschule.

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian als Salome in der gleichnamigen Oper auf den Salzburger Festspielen 2018.  (RICHARD STRAUSS)Eine Inszenierung voll Symbol- und Rätselbilder. (RICHARD STRAUSS)

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian singt, performt, durchlebt Salome in atemberaubender Intensität und Perfektion. Ihre durchaus harte, sehr körperliche Stimme passt ideal zu Castelluccis hochartifiziellem, dabei messerscharf sinnlichem Theater. Gábor Bretz als Jochanaan ist ebenfalls brillant. Julian Prégardien überzeugt als Narraboth, er wird zu Salomes erstem Opfer, sie verschmäht ihn, er bringt sich um. Sämtliche weiteren Partien sind exzellent besetzt. Franz Welser-Möst entfacht am Pult der Wiener Philharmoniker ein wahres Nuancengewitter, intensiver, kontrastreicher, flackernder geht das nicht.

Eine bild- und klangmächtige Überwältigung

Beim Publikum kam diese Premiere gut an, es gab stehende Ovationen für das Produktionsteam. Woher diese, durch keinerlei Buhs gestörten Reaktionen? Es liegt einerseits sicher daran, dass wir es hier mit einem wirklichen Gesamtkunstwerk zu tun haben. Andererseits besitzt diese "Salome" – wie eigentlich alle Arbeiten Romeo Castelluccis – eine kunstreligiöse Dimension. Solch ein Abend ist letztlich auch eine Art Messe, freilich ohne einen (christlichen) Gott.

Es entsteht durch bild- und klangmächtige Überwältigung und einer mal behaupteten, mal verwirklichten Sakralität ein Angebot für das Publikum der Postmoderne, welches sich existenzielle Glühpunkte heutzutage eher in der Felsenreitschule abzuholen scheint, als im Salzburger Dom während des Hochamts.

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