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Buchkritik | Beitrag vom 15.09.2020

Sally Rooney: "Normale Menschen"Ungleiches Liebespaar stolpert durchs Studentenleben

Von Sigrid Löffler

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Buchcover zu Sally Rooney: Normale Menschen (Random House/Deutschlandradio)
Sally Rooney wird für ihre ersten beiden Bücher von vielen Kritikern gefeiert. Sigrid Löffler hält die Autorin hingegen für überschätzt. (Random House/Deutschlandradio)

Der Sohn einer Putzfrau und die Tochter aus wohlhabendem Hause werden ein Paar. "Normale Menschen" spielt mit dem Machtgefälle und ist im angloamerikanischen Raum ein Millionenerfolg. Doch Erfolgsautorin Sally Rooney lässt darin wenig Raffinesse erkennen.

Sally Rooney ist eine irische Nachwuchsautorin und mit ihren 29 Jahren das neueste Literaturwunder der englischsprachigen Welt. Sie studierte am Trinity College in Dublin und hat bisher zwei Romane zu ein und demselben Thema veröffentlicht: erste Liebe im heutigen Studenten-Milieu von Trinity.

Ihr Debütroman "Gespräche mit Freunden" (2017) war eine literarische Sensation, wurde zum bejubelten Weltbestseller und machte Sally Rooney zum Hype-Phänomen. Sie wurde als literarische Stimme der Millennial-Generation ausgelobt, als "Jane Austen des Prekariats".

Vermarktet wurde sie als perfekte Repräsentantin einer mit Erasmus-Jahr, Stipendien und Interrail-Urlauben verwöhnten, aber orientierungslosen Generation, für die das Studium nicht mehr die Eintrittskarte in eine gut dotierte Berufswelt mit Pensionsanspruch bedeutet, sondern nur noch eine unsichere Zukunft, in der auf nichts Verlass ist, am allerwenigsten auf die Tragfähigkeit der eigenen Gefühle.

Zweit-Romane sind immer heikel

Nun ist Sally Rooneys zweiter Roman "Normale Menschen" auf deutsch erschienen. In der angloamerikanischen Welt ist das Buch abermals ein Millionenerfolg, wurde bereits erfolgreich verfilmt und wird als künftiger Klassiker gefeiert.

Zweit-Romane sind immer heikel, besonders wenn sie sich an sensationell erfolgreichen Debütromanen messen lassen müssen. Wie schneidet "Normale Menschen" da ab?

Der Roman thematisiert das Liebesleben von Connell und Marianne, zweier begabter Teenager aus der westirischen Provinz, und erzählt über vier Jahre hinweg ihre schlingernde Romanze, die in ihrem letzten Schuljahr im westirischen Galway beginnt und während ihrer gemeinsamen Studienjahre am Trinity College mit Unterbrechungen weitergeht. Sie durchleben eine intensive On-Off-Beziehung, die durch Heimlichtuerei, Missverständnisse und die Sorge um den eigenen Status in der sozialen Hierarchie kompliziert wird.

Paradoxer Grundeinfall

Connell ist der uneheliche Sohn einer Putzfrau, Marianne stammt aus wohlhabendem Haus, ihre verwitwete Mutter ist Rechtsanwältin. Connells Mutter putzt bei Mariannes Mutter.

Diese Konstellation legt nahe, dass Sally Rooney die Dynamik der asymmetrischen Liebesbeziehung zwischen Connell und Marianne zu ihrem Thema machen und damit einen alten Lieblingstopos der englischen Literatur ein weiteres Mal fortschreiben will – das soziale Machtgefälle in einer Klassengesellschaft, in der das Herkunftsmilieu die Lebenschancen und damit auch die Glückschancen von Liebenden prägt.

Tatsächlich beruht der Roman-Plot aber auf einem paradoxen Grundeinfall, nämlich einem doppelten Umkippen des Klassenstatus. In der Schule steht Connell, der gut aussehende, umgängliche und sportliche Fußballstar, seiner Herkunft zum Trotz ganz oben in der Beliebtheitshierarchie, während die unansehnliche und hochmütige Proust-Leserin Marianne als unpopuläre, sarkastische Einzelgängerin gemobbt wird.

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Connell, der um sein Ansehen in der Schule fürchtet, nötigt deshalb Marianne, ihre verstohlene Liebesbeziehung geheim zu halten. In Trinity drehen sich die Prestige-Verhältnisse dann radikal um: Unter den reichen Kids erblüht Marianne zur begehrten Campus-Schönheit, während Connell ohne seine gewohnte Peer Group seinen Status verliert, vereinsamt und in Depression versinkt, weil er mit den versnobten Campus-Schnöseln finanziell nicht mithalten kann und als schlecht angezogenes Landei gilt.

Dialogführung zielt aufs künftige Drehbuch

Doch auf halbem Wege verliert die Autorin offenbar das Interesse an ihrem Ordnungsschema sozialer Rangstufen, dessen Mechanik des Machtgefälles scheint ausgereizt. Sie lässt Connell kurzerhand ein hoch dotiertes Begabtenstipendium gewinnen, sodass seine Finanzprobleme verdunsten und er sich nun auch den Lebensstil der reichen Kids leisten kann.

Statt weiterhin die Finessen der Klassenunterschiede unter Millennial-Jugendlichen zu zergliedern, fokussiert sich Sally Rooney im Rest des Romans nur noch auf die unklaren Gefühle und das Auf und Ab im Binnenverhältnis ihres schwankenden Liebespaares, das nicht weiß, ob es überhaupt ein Paar sein möchte.

Beide haben zwischendurch andere Geliebte. Marianne entwickelt Essstörungen und masochistische Neigungen und verliert sich in freudlosen Affären mit sadistischen Kerlen – nicht aus Lust, sondern aus Selbstverachtung, was Rooney auf Mariannes häusliche Gewalterfahrungen in ihrer psychopathischen Familie zurückführt.

Sie dichtet ihrer Heldin den Missbrauch durch einen brutalen, prügelnden Bruder und eine völlig unglaubwürdig gehässige Mutter an. Nebenfiguren bleiben klischeehaft und gewinnen keine Kontur. Spannung kann nicht entstehen, denn Rooney setzt auf Redundanz und reiht die absurden Streitigkeiten, banalen Kränkungen und konstruierten Missverständnisse ihres Paares beim Stolpern durch ihr Studentenleben einfach additiv aneinander, bis endlich 300 Romanseiten gefüllt sind und sie Connell als künftigen Schriftsteller zu einem Kurs für Kreatives Schreiben nach New York schicken kann.

Im Grunde geht es nur darum, wie man gesehen werden möchte und wie die anderen einen sehen; es geht also um die Doppelnatur von Identität als Wesensmerkmal des Individuums und als soziales Konstrukt.

Sally Rooney lässt wenig technischen Ehrgeiz und sprachliche Raffinesse erkennen, sie hält sich strikt an die Außenansicht ihre Figuren, ihre Dialogführung zielt bereits aufs künftige Filmdrehbuch, ihre verunglückten Metaphern erheitern (oder verärgern). Im Gegensatz zur angloamerikanischen hat sich die deutschsprachige Kritik (mit Ausnahme der "Zeit") von Sally Rooneys Zweitwerk nicht länger blenden lassen und festgestellt, womit man es hier zu tun hat: mit dem ziemlich vergessbaren Roman einer überschätzten Autorin.

Sally Rooney: "Normale Menschen"
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Luchterhand Verlag, München 2020
320 Seiten, 20 Euro

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