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Konzert / Archiv | Beitrag vom 01.12.2019

Sakari Oramo und Anu Komsi beim DSO BerlinAngeklagt und freigesprochen

Moderation: Volker Michael

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Die Sopranistin Anu Komsi (Ville Paul Paasimaa/DSO Berlin)
Die Sopranistin Anu Komsi verleiht politischen Gefangenen ihre Stimme in Lindbergs "Accused" (Ville Paul Paasimaa/DSO Berlin)

Jede Menge Bekenntnisse vermitteln die Musikstücke dieses Abends - zur Freiheit des Individuums stehen alle Komponisten. Anu Komsi singt Verhörprotokolle in Magnus Lindbergs "Accused", Sakari Oramo dirigiert Schtschedrin und Tschaikowskys Vierte.

Was haben eine französische Revolutionärin von 1789, eine Spiegel-Leserin aus der DDR der 1970er Jahre und die US-Soldatin Chelsea Manning gemeinsam? Sie gelten als politische Gefangene, denn sie wurden für ihre Haltungen und Handlungen verhört und angeklagt, misshandelt und verurteilt. Der finnische Gegenwarts-Komponist Magnus Lindberg hat aus den dokumentarischen Quellen ein ausgreifendes Werk für Sopran und großes Orchester gemacht.

Verhörprotokolle gesungen

Ursprünglich entstanden für die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan, hat es die finnische Sopranistin Anu Komsi inzwischen schon fünfzehn Mal europaweit aufgeführt. Bei diesem Konzert leitet ihr Ehepartner Sakari Oramo das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Das hochvirtuose Stück erlebte vor einigen Monaten die Deutschlandpremiere in der Elbphilharmonie in derselben Solo-Dirigat-Besetzung.

Der Dirigent Sakari Oramo (Dan Hansson/DSO Berlin)Der Dirigent Sakari Oramo (Dan Hansson/DSO Berlin)

Am Anfang steht ein Beitrag zum bald beginnenden Beethoven-Jubiläum: Wenige Wochen vor dessen 249. Tauftag erklingt in der Philharmonie Berlin ein Werk des russischen Komponisten Rodion Schtschedrin. Der hat sich mit dem "Heiligenstädter Testament" Beethovens beschäftigt und von dem tragischen, ja verzweifelten Ton darin zu einem Sinfonischen Fragment anregen lassen.

Berührendes Dokument

Im Alter von Anfang Dreißig fühlte sich Beethoven ausgebrannt und isoliert, außerdem bemerkte er, wie rapide seine Gehörleistung abnahm. Diese tiefgehende Krise überwand der Komponist durch kreatives Schaffen. Diesen mühsamen Weg aus tiefem Tal in einsame Höhen zeichnet Schtschedrin in seinem Werk nach, das für Mariss Jansons und das BR-Sinfonieorchester vor Jahren entstanden ist.

Nicht weniger bekenntnishaft und schwerblütig ist die vierte Sinfonie Peter Tschaikowskys. Seine Musik ist immer wieder ergreifend, doch Sakari Oramo sieht sich in seiner Interpretation der Sinfonie, die Tschaikowsky selbst als sein Lieblingswerk betrachtete, in der Tradition der Leningrader Schule, also der musikalischen Praxis aus Tschaikowskys Heimatstadt. Dabei will er weniger die Gefühle dieser Musik offen legen, sondern mehr ihre bisweilen komplizierten Strukturen, ihren Anspruch an musikalische Kunst und Komplexität.

Freispruch durch Musik

Dass dennoch viel Autobiografisches in dieser Sinfonie mit dem Schicksalsthema im ersten Satz verborgen liegt, muss kein Widerspruch sein. Tschaikowsky litt sein Leben lang darunter, dass er seine Homosexualität nicht leben konnte. Es sollen sogar ehemalige Jura-Kommilitonen gewesen sein, die ihn am Ende dazu verurteilten, sich zu vergiften. Diese inzwischen von der Wissenschaft in Zweifel gezogene Erklärung für seinen plötzlichen Tod verbindet Tschaikowskys Werk mit den drei Frauen aus Lindbergs "Accused" - allen gemeinsam auch ist die Tatsache, dass sie von der Musik freigesprochen werden.

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 28. November 2019

Rodion Schtschedrin
"Beethovens Heiligenstädter Testament", Sinfonisches Fragment für Orchester

Magnus Lindberg
"Accused" für Sopran und Orchester

Peter Tschaikowsky
Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36

Anu Komsi, Sopran
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Sakari Oramo

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