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Tonart | Beitrag vom 02.09.2020

Saisoneröffnung in der ElbphilharmonieMit Abstand, Brahms und Sektkelch

Von Dirk Schneider

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Die Elbphilharmonie mit einem dramatisch rot beleuchtetem Eingang (imago images / Manngold)
Noch im Juni hatte die Elbphilharmonie einen dramatischen Hilferuf an die Politik gesendet - jetzt erklingt endlich wieder Musik. (imago images / Manngold)

Die sonst immer ausverkaufte Elbphilharmonie durfte für das erste Konzert der Saison nur zu einem Drittel gefüllt werden – ein ungewöhnliches Erlebnis. Doch das NDR Elbphilharmonie Orchester spielte nach fünf Monaten Pause mit Bravour.

Das kulturelle Leben ist wieder angelaufen. Unter Corona-Bedingungen hat gestern die Elbphilharmonie wieder ihre Türen für das Publikum geöffnet. Im großen Saal hat das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert Prokofjew und – in Hamburg geht es wohl nicht anders – Brahms gespielt. Nur etwas über 60 Minuten, nicht einmal ein Drittel der Sitzplätze wurde besetzt, um einen großzügigen Abstand zwischen den Gästen zu garantieren.

Nun hat die Wiedereröffnung dieses längst weltberühmten Hauses natürlich einen gewissen Symbolcharakter. Der große Saal der Elbphilharmonie ist eigentlich seit der Eröffnung des Hauses vor fast vier Jahren so gut wie immer ausverkauft. Ihn jetzt so spärlich besetzt zu haben, ist ein merkwürdiges Gefühl, das Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter so beschreibt:

"Das war so ungewohnt, der Klang. Wenn du gewohnt bist, hier jahrelang immer den vollen Saal zu haben, dann ist der Applaus natürlich ein ganz anderer Klang. Das war sehr herzlich, aber trotzdem kam es mir so dünn vor."

Ein bisschen allein

Aber auch als Zuschauer hatte der leere Saal einen Effekt. Ich habe gestern für einen Moment gedacht, dass ich noch nie so deutlich gespürt habe, was diese Pandemie bedeutet. Sie bedeutet natürlich viel mehr und viel Schlimmeres, als einen leeren Konzertsaal. Aber man ist es eben gewohnt, dass dieser Saal voll ist.

Man sieht ja auch so viel von dem Publikum, da die Menschen um den Saal herum sitzen, und je schöner die Musik an diesem Abend wurde, desto mehr dachte ich: Was für eine Verschwendung, dass hier nur so wenige Menschen sitzen dürfen – auch wenn das Konzert gestreamt wurde.

Und es geht natürlich auch um die Stimmung im Publikum, so ein Saal vibriert ja auch vor Aufregung vor so einem Konzert, und ich möchte auch spüren, dass mein Sitznachbar von der Musik ebenso ergriffen ist wie ich. Die Sitzreihen vor und hinter mir waren komplett leer, ich saß am Gang, auf der anderen Seite waren drei Sitze freigehalten, da kann man sich schon ein bisschen alleine fühlen.

Und letztendlich hat so ein Konzert dann doch auch eine Verwandtschaft mit einem Fußballspiel. Man möchte die Musikerinnen und Musiker ja dann auch feiern für ihren Auftritt. Der Jubel soll bitte laut sein. Das ist durchaus auch ein Gemeinschaftserlebnis, so ein Konzert, und da fehlt dann schon etwas.

Dornfelder nach dem Cocktail

Am Ende war es aber doch ein hochemotionaler Abend. Eröffnet wurde er mit dem "Violinkonzert in D-Dur" von Sergej Prokofjew, mit Lisa Batiashvili an der Geige. Das war großartig und hat mich absolut umgehauen. Danach Brahms "Sinfonie Nr. 2", ebenfalls in D-Dur. Das ist natürlich ein Stück, das die Hamburger kennen und lieben, entsprechend wurde das dann auch gefeiert.

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Ich fand das ein bisschen unglücklich. Mir kam vor, als hätte man mir nach einem wirklich interessanten, guten Cocktail ein Glas Dornfelder vorgesetzt. Aber natürlich musste da etwas Großes auf die Bühne, etwas Feierliches. Eigentlich war die "Alpensinfonie" von Richard Strauss geplant, aber dafür hätte man ein Orchester von hundert Leuten gebraucht. Brahms mit den Bläsern war auch schon schwierig, wegen der Abstände auf der Bühne, dafür hat man die Streicher etwas ausgedünnt, das Ergebnis konnte sich hören lassen und wurde von den Hamburgern gefeiert.

Dazu kam das fantastische Orchester. Es war sein erstes Konzert vor Publikum seit etwa fünf Monaten und ich finde, man hat die Freude gemerkt, die den Musikerinnen und Musikern das gemacht hat. Und Dirigent Alan Gilbert hat es am Ende so gesagt:

"Das Orchester ist vielleicht distanziert, aber musikalisch sind wir sehr dich zusammen. Ehrlich gesagt hat sich das Konzert im allerschönsten Sinne normal angefühlt."

Für jeden einen Piccolo

Am Ende hat jeder Mensch im Saal einen Piccolo und einen Sektkelch aus Plastik bekommen und es gab noch eine Zugabe – den "ungarischen Tanz" von Brahms. Danach war die Stimmung natürlich bestens und am Ende hat sich der ganze Saal zugeprostet. Das war dann ganz großes Gemeinschaftsgefühl. Das war schon ein wirklich ungewöhnlicher Abend und eine sehr schöne, optimistisch stimmende Saisoneröffnung.

Nach dem Konzert hat Christoph Lieben-Seutter noch mit Dirigent Alan Gilbert und dem Hamburger Kultursenator Carsten Brosda gesprochen. Brosda hat in den Raum gestellt, ob nicht eine größere Publikumsauslastung möglich wäre, in Salzburg bei den Festspielen hatte man eine Auslastung von etwa 50 Prozent. In anderen deutschen Bundesländern ist man da auch etwas großzügiger.

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