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Kompressor | Beitrag vom 08.06.2018

"Sacred Groves" von DJ RaphWenn ein DJ das Archiv aufmischt

Von Hartwig Vens

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DJ Raph
DJ Raph: "Wir sind sehr entfremdet von unserer Vergangenheit.."

"Mashup The Archiv" - das war der Auftrag des legendären Iwalewa-Archivs in Bayreuth an DJ Raph aus Nairobi. Er kam nach Deutschland und remixte für "Sacred Groves" die Aufnahmen alter Musikbräuche mit elektronischen Beats. Er erklärt, warum sein Album auch ein Statement ist.

Neulich im Golden Pudel Club, Hamburg: Clubtracks mit Samples afrikanischer Musik aus vorkolonialen Zeiten. Aber etwas ist anders als sonst. Was das ist, erklärt mir DJ Raph, der die Musik gemacht hat:

"Die Leute hören nicht einfach einen House-Track mit afrikanischem Gesang, sie hören die Gesamtheit der Quelle des Gesangs. Der elektronische Beat unterstützt das Sample und schlachtet es nicht aus. Das ist für viele Leute überraschend."

Zum Beispiel das Stück "Chant of the Umuhara". Eine Gruppe Männer singt von den Umuhara, den Geistern. Der Gesang ist Teil des Ryangomba-Kults aus dem heutigen Ruanda um einen legendären Helden. Ein Initiationsritus, der niemals außerhalb des religiösen Zusammenhangs praktiziert werden darf, um nicht den Zorn der Geister auf sich zu ziehen. Aus solchen und ähnlichen Aufnahmen hat DJ Raph sein Album "Sacred Groves" – also "heilige Haine" - gemacht.

Die Geschichte beginnt 2013. Der Kurator Sam Hopkkins ist auf einer von Raphs Hausparties in Nairobi zu Gast.   

"Er hörte, was ich spielte, und fragte, ob ich Interesse hätte, mir mehr von solchem Material zu arbeiten", erzählt Raph. "Ich hatte mir meine Samples bisher immer aus dem Internet geholt. Natürlich sagte ich Ja und 2013 kam ich nach Deutschland und es war genau das, was ich online gesucht hatte. Regale über Regale voller Aufnahmen."

Legendäre Afrikasammlung in Bayreuth

Im Iwalewahaus, das zur Bayreuther Universität gehört, befindet sich eine Sammlung afrikanischer Kultur. Das Haus ist ungewöhnlicherweise bei afrikanischen Künstlern und Wissenschaftler hoch angesehen. Ungewöhnlich, weil sie die hiesigen Ethnologischen Sammlungen normalerweise  mit Kolonialismus, Raubkunst und Ausplünderung der afrikanischen Kulturen verbinden.

Sam Hopkins, der DJ Raph eingeladen hat, leitet das Projekt "Mashup The Archive". Künstler aus verschiedenen Ländern und Disziplinen sollten das Archivmaterial des Iwalewahauses für eine künstlerische Arbeit benutzen. Mit dem Ziel, die toten Artefakte zu verlebendigen; deren Relevanz außer für Wissenschaftler auch für Kunst und Publikum klarzumachen. Einer der Fellows ist DJ Raph.

"Entwurzelt von unserer Vergangenheit"

Ich frage, ob ihn die Begegnung mit diesem afrikanischen Erbe bewegt hat. Er lächelt in sich hinein.

"Absolut, weil ich mehr von diesem Abschnitt afrikanischer Geschichte wissen wollte, die sich anfühlt, als ob ein dunkler Vorhang darüber gezogen ist.  Viele von uns Afrikanern suchen deshalb Inspiration in afrikanischer Philisophie und Spiritualtität. Wir sind sehr entfremdet, entwurzelt von unserer Vergangenheit. Und das hat riesige Auswirkungen auf unser heutiges Denken und Handeln. Je mehr die Leute sich für die Vergangenheit interessieren, nicht nur akademisch, sondern persönlich – ich glaube, das wird Wirkung zeigen."

Die Spiritualität muss nicht archaisch sein – oder bleiben. Raphs Stück "Yayada Koda" ist der Popsong auf "Sacred Groves". Er basiert auf dem Gesang einer Mutter von Zwillingen, deren Geburt bei den zentralafrikanischen Mbaka große spirituelle Bedeutung hatte. Das Wechselspiel von Call und Response trägt den gesamten Song. DJ Raphs elektronische Beats und Flächen sind über die gesamte Strecke des Albums absolut treffsicher und korrespondieren kongenial mit dem Archivmaterial. Die außergewöhnliche Qualität dieser Mixe ist Ergebnis einer hochintensiven langjährigen Beschäftigung mit dem Material und seiner Herkunft.

"Ich habe tagelang nur gehört: Schallplatten, CDs und Aufnahmen über Aufnahmen. Und nach einiger Zeit begann ich, Sachen, die ich gut fand, auszuwählen, damit zu arbeiten und zu remixen."

Gegen die Abgeschmacktheit der Afrika-Schablonen

Ulli Beier, der Gründer von Iwalewa, war Schriftsteller und Phontiker und hatte lange Jahre in Nigeria gelehrt. "Wir wollen hier nicht die Exotik fremder Kulturen präsentieren", sagt Beier. "Wir wollen versuchen, ihre wahre Identität, ihr Iwa zu begreifen." Beier wurde in Nigeria verehrt und wurde zum "Ehrendoktor" und "Königlichen Geschichtsschreiber" ernannt. Seine Frau Susanne Wenger, mit der er die Sammlung aufbaute, ließ sich zur Yoruba-Priesterin weihen. Ihr zentrales Projekt war die Wiedererrichtung des heiligen Oshogbo-Hains der Yoruba.

"Der ganze Oshogbo-Hain ist geschützt, es ist ein heiliger Hain. Und das geht auf den Spirit von Iwalewa zurück. Es ging nicht darum, Schätze aus Afrika zu erbeuten. Es ging darum, Dinge zu bewahren, die wegen der Umwälzungen dieser Zeit zu verschwinden drohten."

Zum Beispiel den hypnotischen Groove eines Trauermarsches der Poro-Geheimgesellschaft des westafrikanischen Senufo-Volkes. Traumwandlerisch sicher verbindet Raph die Feldaufnahmen vergangener Musikbräuche mit den elektronischen von heute. Oft scheint es, als habe das Archiv den DJ gefunden - mindestens so sehr wie der DJ das Archiv. "Sacred Groves" ist auch ein Statement gegen die Abgeschmacktheit der Afrika-Schablonen.

"Ich mag die Bezeichnung traditionell nicht, weil sie wie eine touristische Kategorie klingt", sagt er. Insofern hat DJ Raph nicht nur ein künstlerisches Meisterstück, sondern auch einen hochinteressanten Beitrag zur politischen Debatte um den kolonialen Charakter der Sammlungen abgeliefert.

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