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Tonart | Beitrag vom 16.04.2019

Sachsens rechtsextreme SzeneStudie weist neue Strategien im Rechtsrock nach

Maximilian Kreter im Gespräch mit Mathias Mauersberger

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Mehrere Männer gehen in Ostritz auf  das Hotel Neißeblick zu. (picture alliance / dpa / Daniel Schäfer)
Rechtsextremes Musikfestival "Skinheads Back to the Roots": Eine Gruppe Besucher geht auf das Festgelände des Hotels Neißeblick in Ostritz in Sachsen. (picture alliance / dpa / Daniel Schäfer)

Das Hannah-Arendt-Institut hat in seiner Studie gefragt: "Ist der Freistaat Sachsen eine 'Hochburg rechtsextremer Hassgewalt'?" Die Antworten der Dresdner Forscher machen klar: Die Rechtsrock-Szene hat sich verändert.

Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismus-Forschung an der TU Dresden hat soeben eine neue Studie herausgegeben. Das Thema: Ist der Freistaat Sachsen eine "Hochburg rechtsextremer Hassgewalt"? Die Arbeit erfasst die Periode vor und kurz nach der Fluchtmigration der Jahre 2011 bis 2016. Darin geht es auch um die Rolle des Rechtsrock in Sachsen.

Maximilian Kreter, Mitarbeiter des Instituts, kann die Größe der Rechtsrock-Szene in Sachsen benennen. "Wir haben 30 Bands, die zwischen 2011 und 2016 mit Schwankungen aktiv waren." Dazu kämen noch 15 Vertriebsorganisationen, die die Musik produzieren, verlegen und verkaufen. Diese Szene sei in der beobachteten Zeit nicht gewachsen. "Dazwischen ist sie sogar eingebrochen." Kreter betont, dass sich die beobachtete Szene in einem geschlossen rechtsextremen Weltbild bewege.

Funktion der Musik

Die Studie besagt: "Rechtsrock verbindet als zentrales Medium Rechtsrockszene und rechtsextreme Akteure". Kreter erläutert diese Aussage etwas näher, indem er die Funktionalität der Musik betont. "Musik wird sozial als Gruppenerlebnis verstanden." Zudem kann sie öffentliche Aufmerksamkeit generieren. Er erinnert an die Schulhof-CD, die die NPD mit anderen Akteuren unter den Jugendlichen kostenfrei verteilte - ein Sampler voller Rechtsrock. Hier diente Musik als Agitation.

Alte und neue Bands

Beobachtet wurde in der Studie auch, dass sich Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Bands zeigen. Früher war harter Punkrock mit unverkennbar rechten Texten angesagt. Dabei wurden die Aussagen konkret ausgesprochen: Ausländer und andere Gruppen wurden klar als Feinde definiert. Heute wird sich mehr am jugendlichen und subkulturellen Mainstream orientiert und angeglichen. Aussagen werden inzwischen über kodierte  Texte vermittelt, sagt Kreter, "die aber von den Anhängern der Szene einfach entschlüsselt werden können."

Typische Codes

Zum Beispiel spielt die Zahl 88 eine große Rolle. "Für den achten Buchstaben im Alphabet, sprich H und H, steht das für 'Heil Hitler'", erläutert Kreter. Ebenso wird die "literarische Camouflage" benutzt. "Da wird nicht mehr vom gefallenen Weltkriegssoldaten gesprochen, sondern vom Opa, der sein Leben aufgeopfert hat."

Kreter fasst zusammen: "Es wird deutlich indirekter kommuniziert." Das geschieht auch, um nicht sofort und direkt als Rechtsrock-Band erkannt zu werden. Sie versuchen damit ein weiteres Publikum anzuziehen, die theoretisch interessiert seien, "sich aber von offensichtlichen Texten zunächst abschrecken lassen."

Eingriff des Staates

Für den Staat und die Bundesländer ist es nicht so einfach, auf die Szene zu reagieren. Es sei sehr schwer, solche Konzerte und Produktionen zu unterbinden, so Kreter. "Es ist sehr schwer, was die Texte angeht. Es gibt nur ein Urteil vom Oberlandesgericht Bamberg von 2008, dass auch ohne die Nennung der expliziten Wörter eine strafrechtliche Relevanz erkennen lässt. Dieses ist aber bisher nicht weiter zitiert oder angewendet worden, meiner Erkenntnis nach."

(cdr)

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