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Länderreport | Beitrag vom 15.09.2020

Sachsen-Anhalts BildungsmisereLand des Lehrermangels und der Schulabbrecher

Von Niklas Ottersbach

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Nachhilfeunterricht bei Kahazu in Halle: Tina Witkowski mit dem elfjährigen Isa beim Lernen (Deutschlandradio / Niklas Ottersbach)
Nachhilfeunterricht bei Kahuza e.V. in Halle: "Die Kinder, die zu uns kommen, werden wir mit allen Mitteln zum Schulabschluss bringen." (Deutschlandradio / Niklas Ottersbach)

Mit einem Volksbegehren wollen Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen verlässlichen Personalschlüssel an Schulen durchsetzen. Doch woher sollen die Lehrkräfte kommen? Das Bildungsministerium hat eine Anwerbekampagne im Ausland gestartet.

Kathrin Scheibe steht mit Klemmbrett in der Magdeburger Innenstadt und sammelt Unterschriften. Es ist der Schlussspurt für das Volksbegehren für mehr Lehrer in Sachsen-Anhalt. Das Ziel der Initiative: Im Schulgesetz soll verbindlich festgeschrieben werden, wie viele Lehrer, Pädagogen und Schulsozialarbeiter pro Schüler eingesetzt werden müssen. Ein Personalschlüssel an Schulen, der vom Parlament kontrolliert werden kann: Das wäre eine bundesweit einmalige Regelung im Schulgesetz.

Elternvertreterin Kathrin Scheibe muss ein älteres Ehepaar nicht lange überzeugen.

"Zurzeit haben wir 65.000 gültige Stimmen und mit Ihnen hätten wir zwei mehr."

Kathrin Scheibe hat zwei Söhne, 12 und 14 Jahre alt. Zu oft säßen die beiden zuhause, weil mal wieder der Unterricht ausgefallen ist. Die Stundenzahl bei ihrem älteren Sohn: gekürzt. Und zwar in den Kernfächern Mathe, Deutsch und Englisch. Was Kathrin Scheibe über den Schulalltag erzählt, klingt eher nach einem fernen Entwicklungsland, finde aber so derzeit in Sachsen-Anhalt statt.

"Die Kinder wurden auch mal an der anderen Grundschule auf dem Gang unterrichtet, weil eben nicht mehr als 30 in einen Klassenraum passten. Es gab genug Schulen, die gesagt haben, ich kann den Brandschutz hier nicht mehr gewährleisten, weil da so viele Schüler drinsitzen. Der Lehrer hat kaum noch Platz da vorne. Und das sind so Sachen. Und da steht noch ein Lehrer vorne. Mittlerweile ist es ja so, dass es so viele Zeugnisse gibt, wo draufsteht: "nicht erteilt". Das kann man doch nicht akzeptieren als Bildungsstandort Deutschland!"

Jahrelange Sparpolitik

Nicht erteilt bedeutet: In diesem Fach wurde so wenig unterrichtet, dass es nicht bewertet wurde. Der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt, er ist das Erbe jahrelanger Sparpolitik am Anfang der 2010er Jahre. Damals wurden pro Jahr gerade mal 75 neue Lehrer eingestellt. Also fast nur Kandidaten mit einem Einser-Examen. Jetzt sind es tausend pro Jahr. Und trotzdem nicht genug. Rund 500 Lehrer fehlen derzeit in Sachsen-Anhalt. Vor allem an Sekundarschulen.

Der Bildungsminister in Magdeburg heißt seit 2016 Marco Tullner. Der CDU-Mann kann für sich verbuchen, den Mangel nicht verursacht zu haben. Zumindest nicht persönlich - seine Partei, die CDU, und auch die SPD dagegen schon. Marco Tullner argumentiert, das Volksbegehren könne auch nicht mehr Lehrer herbeizaubern.

"Der Grundansatz der Kritik ist erstmal, dass wir mit einem Volksbegehren den Lehrermangel nicht bekämpfen. Weil wir ja am Ende über konkrete Fachkräfte reden. Die ausgebildet werden müssen. Und das dauert halt länger, als wir uns das alle vorstellen konnten. Und wir sind alle unzufrieden, das verstehe ich ja auch. Aber sozusagen mit einer Unterschrift oder mit einem Stichtag zu arbeiten löst keine Probleme, sondern ist eine Scheinlösung."

An zwei Stehtischen in Magdeburg werden in der Innenstadt Unterschriften gesammelt, um gegen den Lehrermangel in Sachsen-Anhalt vorzugehen.  (Deutschlandradio / Niklas Ottersbach)Schlussspurt für das Volksbegehren für mehr Lehrer in Sachsen-Anhalt: "Zurzeit haben wir 65.000 gültige Stimmen." (Deutschlandradio / Niklas Ottersbach)
Der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt ist so groß, dass auch das Bildungsministerium mittlerweile überall sucht. Zwar darf Marco Tullner anderen Bundesländern nicht die Lehrer abwerben. Im Ausland gilt das nicht. Für 750.000 Euro hat das Bildungsministerium eine Headhunter-Agentur gebucht. Deren Auftrag: deutsch-affine Lehrer aus dem Ausland nach Sachsen-Anhalt locken.

"Ich will damit zumindest auch mal zu dokumentieren, dass wir auch bereit sind, Wege zu gehen, die bisher noch keiner gegangen ist. Damit wir auch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal bekommen können."

Ein Alleinstellungsmerkmal der negativen Art hat Sachsen-Anhalt schon jetzt: Es ist im aktuellen Bildungsmonitor auf den letzten Platz abgerutscht. Fairerweise muss man dazu sagen: Auch die Kitas und die Universitäten spielen bei der Wertung eine Rolle. So wird kritisiert, dass Sachsen-Anhalts Uni-Professoren zu wenig Drittmittel einwerben. Das liegt aber auch an der Strukturschwäche Sachsen-Anhalts, im Vergleich zum Nachbarn Sachsen beispielsweise. 

Alarmierende Schulabbrecherquote

Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft hat die Studie erstellt. Er weist noch auf einen anderen Schwachpunkt im Bildungssystem von Sachsen-Anhalt hin. Nicht nur der Lehrermangel, sondern auch die enorme Schulabbrecherquote sei alarmierend. Insbesondere bei ausländischen Jugendlichen.

"Und in Sachsen-Anhalt haben wir einen sehr hohen Anteil unter den ausländischen Kindern, die jetzt nicht aus den oberen Bildungsschichten stammen. Und daher ist natürlich hier das Thema Integration eine größere Herausforderung als in den Bundesländern, wo wir auch stark Zuwanderung von Hochqualifizierten haben, die dann auch entsprechend im Durchschnitt zu besseren Ergebnissen bei den ausländischen Schülern führen."

Sachsen-Anhalt hat die zweithöchste Schulabbrecher-Quote in Deutschland. Nur in Berlin verlassen noch mehr Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Aus dem Bildungsministerium in Magdeburg heißt es: Da habe man noch viele Fragen, eine Studie soll Antworten liefern. Antworten, die Tina Witkowski in Halle schon jetzt parat hätte.

Ein Klassenraum bei Kahuza eV. in Halle an der Saale. Das ist keine Schule, sondern eine Nachmittagsbetreuung für Kinder, die in der Schule nicht mitkommen. Der Verein lebt von Beiträgen und Spenden. Tina Witkowski ist die Chefin hier. Ihr momentanes Problemkind, Isa, 11 Jahre alt. In Halle geboren, seine Eltern kommen aus der Türkei.

"So machen wir eben Hausaufgaben mit ihm, Nachhilfe, weil da eben extrem viele Defizite sind und das zu Hause nicht funktioniert. Und eigenständig schon gleich gar nicht."

Warum das Lernen zu Hause nicht klappt? Keiner da, sagt Isa.

"Also, meine Mutter kann kein Deutsch und mein Vater ist viel unterwegs."

Gute Note trotz mangelnden Textverständnisses

Isa geht seit diesem Schuljahr aufs Gymnasium, fünfte Klasse. Eigentlich wäre er von seinen Fähigkeiten her auf der Realschule besser aufgehoben, glaubt Tina Witkowski. Sein Deutschtest, Note Zwei, sehe zwar auf dem Papier gut aus. Aber in einem Test mit vorgefertigten Antwortmöglichkeiten könne kein Textverständnis entstehen. Tina Witkowski hat versucht, mit den Eltern von Isa zu diskutieren.

"Die sagen dann zu dem Deutschtest: Wieso, er hat doch eine Zwei! Wenn ich denen aber klarmache: Er hat es nicht verstanden. Er kann es nicht wiedergeben, er kann das nicht, das nicht, das nicht. Dann sehen die nur die Zwei. Sie verstehen nicht, wie es zu der Zwei kam."

Tina Witkowski appelliert auch an die Verantwortung der Eltern. Immerhin das hätten die Corona-Krise und das Homeschooling gezeigt: Der Lehrer ist nicht immer schuld. Damit aus Isa kein Sitzenbleiber und Schulabbrecher wird, kommt er jeden Tag zu Kahuza. Aber Tina Witkowski sagt auch: Sie könne nicht alle Scherben des Bildungssystems wieder kitten.

"Die Kinder, die zu uns kommen, werden wir mit allen Mitteln zum Schulabschluss bringen. Aber, ich sage jetzt mal, von den vielen da draußen, die eben nicht zu uns kommen, die kommen dann irgendwann in einen Kreislauf: Das kann ich nicht, das kann ich nicht, das will ich nicht! Und dann kommt dann irgendwann der Frust dazu, wo die Kinder sagen: Da gehe ich eben nicht mehr hin."

Eine hohe Schulabbrecherquote, speziell unter ausländischen Jugendlichen: Die hatte auch Hessen in den 90er-Jahren. Bedingt durch den Zuzug von Geflüchteten vom Balkan. Mittlerweile hat Hessen die niedrigste Schulabbrecherquote Deutschlands. Geholfen hat ein Sprachförderkonzept, kleinere Klassen und das erklärte Ziel, die Quote um ein Drittel zu reduzieren. In Sachsen-Anhalt will Bildungsminister Marco Tullner noch nicht mal Ziele in Sachen Schulabbrecherquote vorgeben.

"Solche Überlegungen haben wir natürlich auch, die aber regelmäßig da enden, wo wir beim Lehrermangel anfangen."

Da ist er wieder: der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt, der regelmäßig Beginn und Ende vieler Problemdiagnosen im Bildungssystem markiert.

Noch 100.000 Unterschriften fehlen

Zurück in der Magdeburger Innenstadt. Kathrin Scheibe hat in der letzten Stunde zehn Unterschriften eingesammelt. Zu wenig. Ein Dreivierteljahr läuft das Volksbegehren schon. Doch der Initiative für mehr Lehrer fehlen noch knapp 100.000 Unterschriften. Zum Vergleich: In Bayern hatten die Initiatoren eines Volksbegehrens für mehr Artenvielfalt innerhalb von zwei Wochen genügend Unterschriften.

Kathrin Scheibe nennt drei Gründe, warum es in Sachsen-Anhalt anders läuft mit der Initiative gegen Lehrermangel: Corona, zu wenig Spenden und zu wenig Bereitschaft mitzumachen.

"Das Problem ist, das uns diese Gelder fehlen. Wir haben zwar zu Spenden immer aufgerufen. Aber wir wissen auch, dass da in Sachsen-Anhalt nicht so viel los ist. Und wir merken eben auch, dass da nicht so viel Bereitschaft ist, überhaupt an das Thema zu denken. Wir hören ganz oft: Ich habe keine Kinder, ich bin Rentner oder ich bin raus. Und keiner denkt daran, dass das unsere Mitbürger sind, die da aus der Schule kommen."

Morgen endet die Frist für das Volksbegehren für mehr Lehrer in Sachsen-Anhalt. Auch wenn es vermutlich nicht reicht, bleibt das Thema erhalten. Und zwar für Jahre. Trotz aufgestockter Lehramtsstudiengänge. Denn bis die Absolventen in den Lehrerzimmern landen, vergehen nochmal vier bis fünf Jahre. Für Kathrin Scheibe ist das zu spät. Der Lehrermangel ist möglicherweise dann vorbei, wenn ihre Kinder die Schule gerade verlassen.

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