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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 04.03.2019

Sachsen-Anhalt-Korrespondent"Ostdeutsches Selbstbewusstsein ist die alleinige Medizin"

Kommentar von Christoph Richter

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Der französische Street-Art-Künstler JR hat zum Tag der Deutschen Einheit 2018 eine Installation an das Brandenburger Tor heften lassen eine 25 Meter hohe, dreidimensionale Fotocollage. Die Aufnahmen stammen vom 10. November 1989, vom Tag nach dem Mauerfall. (imago stock&people % Volker Hohlfeld )
Was Ostdeutschland brauche seien Menschen, die weltoffen und weltgewandt die vielfältigen Geschichten Ostdeutschlands erzählen, meint Christoph Richter. (imago stock&people % Volker Hohlfeld )

Es ist das immer gleiche Klagelied: Der Osten werde fremdbestimmt, als ob Ostdeutschland ein durch und durch kolonialisiertes Land sei. Eine Mär, findet unser Korrespondent in Sachsen-Anhalt. Dagegen helfe nur ein kritisches, ostdeutsches Selbstbewusstsein.

Kein Dax-Konzern in Ostdeutschland, die Richter an den Gerichten kommen fast alle aus dem Westen, Hochschuldirektoren auch. Der Osten wird fremdbestimmt. Es ist das immer gleiche Klagelied. Im Osten nichts Neues. Und es wird immer wieder als eine Demütigung beschrieben, das in den Neuen Bundesländern nach 1990 ein Elitenaustausch stattgefunden hat.

Schweigen statt Aufarbeitung

Das Problem sind nicht die westdeutschen Eliten, die ja hier auch nicht an allen Schaltstellen sitzen. Eine Mär. Als ob Ostdeutschland ein durch und durch kolonialisiertes Land sei. Das Problem ist die provinzielle, auf Abschottung angelegte Gesellschaft zwischen Kap Arkona und dem Fichtelberg. Ein Überbleibsel der autoritären DDR.

Eines der Probleme sind die verfestigten Bilder und Verstrickungen, die bis heute nicht entknotet wurden. Bis heute – auch 30 Jahre nach dem Mauerfall – hat eine kritische Aufarbeitung innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft, eine eigene Aufarbeitung der eigenen Geschichte nur in seltenen Fällen stattgefunden. Es herrscht Schweigen.

Kinder fragen nur selten ihre Eltern: Warum habt ihr da mitgemacht? Wo ist der Lehrer, der bereut, dass er wegen einer Lappalie einem Schüler das Abitur verweigert hat?

Der Osten muss sich öffnen

Es braucht die kritische ostdeutsche Stimme. Nur, wo ist sie zu hören? Stattdessen wird gejammert: Man sei Deutscher Zweiter Klasse. Deutlich wird: Das Problem sind die ostdeutschen Eliten, die sich nach 1990 nie oder nur in seltenen Fällen ihrer Geschichte gestellt haben.

Was Ostdeutschland braucht sind Menschen, die breitbeinig und selbstbewusst auftreten, die weltoffen und weltgewandt die vielfältigen Geschichten Ostdeutschlands erzählen. Egal, ob sie aus Damaskus, Chicago oder Eisleben kommen.

Wer Verständnis für Ostdeutschland will, muss sich anderen Lebensentwürfen öffnen, aber auch den Kritikern, das ist die Grundierung für eine demokratische Gesellschaft. Nur wenn man Widerspruch aushält, nur dann wird aus dem Osten eine selbstbewusste Gesellschaft. Sie allein ist der Garant für eine offene Gesellschaft. Nur so entstehen blühende Landschaften.

Ein ausgeprägtes ostdeutsches Selbstbewusstsein: Das ist die alleinige Medizin, das sind die Pillen für eine starke ostdeutsche Gesellschaft.

Selbstbewusstsein statt Jammern

Doch wer stattdessen nur nach Quoten, also nach Ostdeutschen in Spitzenpositionen ruft oder larmoyante Ostpapiere lautstark einfordert, der fördert kein Verständnis für den Landstrich östlich der Elbe.

Ganz im Gegenteil: Das ist grotesk, denn da wird mit zynischer Kälte weiter gespalten. So wird der Ostdeutsche seinen Stempel als "Jammerossi" nie los. Ehrlich gesagt: Das kann keiner wollen.

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