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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2008

Sachliche Abhandlung über den Reichstagsbrand

Sven Felix Kellerhoff: "Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls". be.bra, Berlin 2008. 160 Seiten

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Reichstagsbrand am 27.2.1933 (AP)
Reichstagsbrand am 27.2.1933 (AP)

Vor 75 Jahren, am Abend des 27. Februar 1933, wurde der Berliner Reichstag in Brand gesetzt. Der Plenarsaal brannte vollständig aus. Der Brand eröffnete der Hitlerregierung die Möglichkeit, am folgenden Tag mit Notverordnungen die Grundrechte außer Kraft zu setzen, Kommunisten und Sozialdemokraten gnadenlos zu verfolgen und eine Diktatur zu errichten.

Wer ist für die Brandstiftung verantwortlich? Die Rauchschwaden waren noch nicht abgezogen - da begann schon der Streit um diese Frage, der bis heute nicht beendet ist und wahrscheinlich nie beendet wird. Kein deutscher Kriminalfall hat derart hitzige Historikerdebatten provoziert wie dieser. Endlos viel ist darüber publiziert worden - in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Dokumentensammlungen. Nun legt ein Journalist, gelernter Historiker, ein Buch vor, das die ganze Geschichte knapp zusammenfasst und am Ende zu einem eindeutigen Urteil kommt.

Sven Felix Kellerhoff rekonstruiert zunächst den Verlauf des Abends: von der Entdeckung des noch kleinen Feuers gegen 21.10 Uhr bis Hitlers Ankündigung eine Stunde später, nun ohne Erbarmen gegen die Kommunisten vorzugehen.

Kellerhoff beschreibt den Werdegang Marinus van der Lubbes, der als Brandstifter verhaftet wurde: ein junger Mann, der durch eine schwere Augenverletzung seine Arbeit verloren hatte, als Kommunist mit etwas wirren Vorstellungen umherirrte und in Berlin landete, um die deutsche Arbeiterschaft angesichts der Bedrohung durch Hitler aufzurütteln. Drei Brandstiftungen misslangen. Als er schon (zu Fuß!) auf dem Rückweg in die Niederlande war, kehrte er noch einmal um, um einen letzten Versuch zu wagen - die Reichstagsbrandstiftung.

Die Propagandaschlacht um die Verantwortlichkeit begann unmittelbar nach dem Brand. Auf der einen Seite nutzten die Nationalsozialisten den Brand, um ihn als Fanal des erwarteten kommunistischen Aufstands darzustellen und ihre "Gegenmaßnahmen", die Notverordnungen und Verfolgungen, zu legitimieren. Auf der anderen Seite nutzte der ins Ausland geflüchtete "rote Pressezar" Willy Münzenberg den Brand für die kommunistische Propaganda gegen die Nazis: Sie seien die Brandstifter, ließ er mit Hilfe eines "Braunbuchs" und eines spektakulären Gegenprozesses in London verbreiten.

Nach 1945 schien die Frage der Verantwortlichkeit zunächst geklärt: Beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess machte ein Kronzeuge der Anklage detaillierte Angaben, wie der Reichstag von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden sei. Erst 1959 gab es ernsthaften Widerspruch: dem Hobby-Historiker Fritz Tobias waren Merkwürdigkeiten an der NS-Täter-These aufgefallen, und nach intensiven Recherchen wartete der "Spiegel" 1959 mit einer spektakulären Geschichte auf, nach der Marinus van der Lubbe wohl allein den Reichstag entflammt habe. Der renommierte Geschichtswissenschaftler Hans Mommsen überprüfte und bekräftigte Tobias' These.

Was danach folgte, können Außenstehende nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Ein verbissener Kampf um die Deutungshoheit über die Brandstiftung setzte ein, Mommsen wurde böse attackiert und schlug wütend zurück. Ein "Luxemburger Komitee" wurde gegründet, um die These von der Alleintäterschaft van der Lubbes zu widerlegen, Dokumente wurden ins Feld geführt, deren Echtheit sich als höchst fragwürdig erwies, Walther Hofer, ein angesehener Schweizer Historiker, warf sich gegen Mommsen so ins Getümmel, dass er seinen guten Ruf riskierte, wenn nicht gar ruinierte.

Sven Felix Kellerhoff verfolgt diesen merkwürdigen Historikerstreit, er beschreibt ihn zum Glück so knapp, dass man beim Lesen nicht die Spannung verliert. Immerhin ging es zunächst auch um die Frage, ob man mit der Verantwortung für die Reichstagsbrandstiftung die Mitverantwortung der Deutschen an der NS-Geschichte beurteilen könne. Inzwischen ist so viel NS-Geschichte erforscht worden, dass man den Reichstagsbrand nicht mehr braucht, um diese Frage zu erörtern. Aber Verschwörungstheorien werden wohl weiter in Umlauf bleiben.

Kellerhoff hält davon wenig. Er versucht am Ende plausibel zu erklären, warum es möglich war, dass Marinus van der Lubbe als Einzeltäter einen so großen Brand entfachen konnte. Er gleicht die Aussagen der Feuerwehrleute nach dem Brand mit einem Phänomen ab, das die wissenschaftliche Brandforschung nach dem Krieg entdeckt hat: "backdraft". Wenn sich durch einen Schwelbrand eine Konzentration gefährlicher Gase bildet, kommt es, wenn Luft zugeführt ist, nach wenigen Sekunden zu einer Brandexplosion. Das kann geschehen sein, als die Feuerwehrleute die Türen zum Plenarsaal öffneten, in dem die Schwelbrände glimmten. Alle protokollierten Aussagen der Feuerwehrleute deuten darauf hin.

Kellerhoffs Buch bietet einen guten Überblick über das komplexe Thema Reichstagsbrand, es ist eine Aufforderung zu nüchterner Sachlichkeit beim wissenschaftlichen Umgang mit diesem Thema. Schade ist nur, dass Hans Mommsen das Vorwort geschrieben hat. Schließlich ist er ein Kombattant in diesem Streit - da wäre es für das höchst lesenswerte Buch besser gewesen, wenn ein außen stehender Historiker das Vorwort geschrieben hätte.

Rezensiert von Winfried Sträter

Sven Felix Kellerhoff: Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls
be.bra, Berlin 2008
160 Seiten, 14,90 EUR

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