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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.08.2014

SachbuchStammzellgewinnung, Gentherapie, künstliche Organe

Joachim Müller-Jung: "Das Ende der Krankheit"

Von Susanne Billig

Zwei Hände fassen eine Petrischale mit Bakterienkulturen zur Genvermehrung. (dpa / picture alliance / Michael Rosenfeld)
Petrischalen mit Bakterienkulturen zur Genvermehrung (dpa / picture alliance / Michael Rosenfeld)

Klar und begreiflich erklärt Joachim Müller-Jung die atemberaubende molekularbiologische Weiterentwicklung von Mensch und Medizin. Dabei spart der Biologe auch die ethischen Fragen nicht aus, die mit ihr verbunden sind.

Klar und begreiflich erklärt Joachim Müller-Jung die atemberaubende molekularbiologische Weiterentwicklung von Mensch und Medizin. Dabei spart der Biologe auch die ethischen Fragen nicht aus, die mit ihr verbunden sind.

Die "unfassbare Vehemenz", mit der die Biomedizin auf die Menschheit zurolle, möchte er seinen Leserinnen und Lesern vor Augen führen - und sie gleichzeitig in die Lage versetzen, die Wissenschaft dahinter zu begreifen und die molekularbiologische Weiterentwicklung von Mensch und Medizin ethisch einzuordnen. Das erklärt der Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung im Vorwort seines neuen Buches "Das Ende der Krankheit". Tatsächlich gelingt ihm eine geistig wie sprachlich kraftvolle Tour de Force durch die Labore der Welt, in denen Science Fiction längst begonnen hat.

In zehn Kapiteln deckt Joachim Müller-Jung, selbst Biologe, ein weites Spektrum biomedizinischer Forschungsfelder ab - Stammzellgewinnung, Gentherapie, Epigenetik, Krebsforschung, künstliche Organe, Jungbrunnen aus dem Genlabor. Wer nicht täglich damit befasst ist, kann sich nur die Augen reiben, was heute schon alles möglich ist: Da verwandeln Nachwuchsforscher normale Körperzellen mithilfe von Chemiecocktails punktgenau in hochbegehrte Stammzellen. Da rückt eine atemberaubende Verquickung von DNA-Analyse und Digitalisierung die Vision transhumaner Intelligenz in greifbare Nähe.

Doch Schwarzmalerei ist nicht Anliegen des Autors. Immer wieder differenziert er sorgfältig zwischen Karrieristen, denen gesellschaftlich ausgehandelte Grenzen nichts gelten, und engagierten Wissenschaftlern, die dem Ende zumindest einiger Krankheiten mit ihrer Forschung nahekommen möchten.

Komplizierteste Sachverhalte verständlich erzählt

Joachim Müller-Jung besitzt das bemerkenswerte Talent, komplizierteste Sachverhalte - und davon gibt es etliche - in eine klare, erzählende, angenehm zu lesende Sprache zu übersetzen. Souverän bewegt er sich von DNA-Details zur politischen Einordnung biomedizinischer Pläne, von der Heilkunst vergangener Jahrhunderte zu den möglichen Welten von morgen. Eine praxisnahe Abwechslung zu der vielen Forschung und dem ethischen Gewichteheben bieten persönliche Begegnungen mit Biomedizinern im In- und Ausland, mit denen der Autor sein Buch anreichert.

Das ist nachdenklich, differenziert, gründlich in die medizinische, philosophische, juristische Materie eingearbeitet. Darum will man beim Lesen des Buches nicht recht begreifen, warum Joachim Müller-Jung - nicht oft, aber doch oft genug, um ungut aufzufallen - das Fußvolk so gern mit abschätzigen Kommentaren bedenkt. Lesben und Schwule, die sich neuer Techniken bedienen könnten, um mit ihren Partnerinnen oder Partnern Kinder zu zeugen, sind ihm "perfide". 70-jährige Männer mit Arthrose, die lieber ein biomedizinisches Hightech-Knie hätten, als eine schlecht funktionierende Prothese, stellt er in den Verdacht, "mit ihrer dreißig Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marathon laufen" zu wollen. Zwar trifft der kritische Blick des Autors ausführlich auch betrügende Forscher und die Renditelust von Krankenhaus-Shareholdern - zu einem Vokabular der Verächtlichmachung reißen sie ihn allerdings nicht hin. Ein kleiner Schatten auf einem ansonsten starken und überaus lesenswerten Buch.

Joachim Müller-Jung: Das Ende der Krankheit - Die neuen Versprechen der Medizin
Hanser Verlag, München 2014
296 Seiten, 19,90 Euro

Mehr zum Thema:

Erkenntnisse der Hirnforschung sind "nicht besonders revolutionär" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 03.01.2013)
Der Datenfluss im Labor der Zukunft (Deutschlandradio Kultur, Elektronische Welten, 15.11.2012)

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