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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.03.2014

SachbuchSprache unterm Mikroskop

Steven Pinker: "Der Stoff, aus dem das Denken ist"

Von Volkart Wildermuth

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In seinem dicken Buch geht Steven Pinker einer Fülle sprachlicher Besonderheiten auf den Grund und beschreibt gleichsam den "Werkzeugkasten“ unseres Denkens. Allerdings verliert er sich in Teilen in linguistischen Details.

Schimpfwörter, der 11. September, soziale Machtspiele und ihre Spuren in der Sprache: Steven Pinker hat mal wieder alle Zutaten für einen Bestseller beieinander, verwendet sie aber eher sparsam zur Garnierung seines Textes. Den zähen Teig seines Buches rührt der Psychologe und Linguist allerdings aus einer grammatikalischen Feinanalyse. Er legt die Sprache unters Mikroskop. Für Pinker der Königsweg zur Natur unseres Denkens.

"Tom schüttet das Glas mit Milch."

Klingt komisch. Warum eigentlich, wenn doch "Tom füllt das Glas mit Milch“ ein korrekter Satz ist? Hinter solch scheinbar willkürlichen Unregelmäßigkeiten, steht eine verborgene Logik, so Pinker. Denn beim Füllen ist Tom direkt aktiv, beim Schütten überlässt er die Hauptarbeit der Schwerkraft. Die Frage der Verursachung ist aber für den menschlichen Geist von großer Bedeutung und das zeigt sich erst in den unterschiedlichen grammatikalischen Konstruktionen.

In seinem dicken Buch geht Steven Pinker einer Fülle sprachlicher Besonderheiten auf den Grund und beschreibt gleichsam den "Werkzeugkasten“ unseres Denkens: Der ist zunächst darauf eingerichtet, mit den Menschen und Dingen in der direkten Umgebung umzugehen. Es geht um Objekte und Personen, um Handlungen, die ein Ziel haben oder eine Veränderung bewirken sollen, um flüchtige und stabile Eigenschaften.

Abstraktere Konzepte lassen sich nur verstehen, wenn sie auf diese ganz konkrete Ebene zurückgezogen werden. "Anna ist an ihr Versprechen gebunden“, so wie der "Gefangene an den Marterpfahl gebunden ist“. Das ist für Steven Pinker keine bloße Metapher, sondern eine Denkfigur.

Leidenschaft für Linguistik

Die gesprochene Sprache ist nicht die Sprache des Denkens, sie ist viel feinkörniger und spiegelt sich in den Worten und grammatischen Regeln nur wieder. Verschiedene Sprachen reflektieren unterschiedliche Aspekte des Denkens, dessen Kern, davon ist Steven Pinker überzeugt, uns allen angeboren ist. Erst diese gemeinsame Basis ermöglicht überhaupt Kommunikation. Aber natürlich haben sich die Menschen inzwischen vor allem auch Dank der Sprache weit von dieser angeborenen Basis des Denkens entfernt.

Ein faszinierender Ansatz, aber leider macht es der Autor seinen Lesen unnötig schwer. Ungebremst von einem Lektor durfte Pinker seiner Leidenschaft für Linguistik frönen. Er scheut sich nicht, 20 Bespiele anzuführen, wo schon drei zu viel sind; breitet sein umfassendes Wissen, seine vielfältigen Interessen aus und verliert dabei selbst den roten Faden.

Immer wieder finden sich kluge Einsichten und überraschende Verbindungen, aber eben weit verstreut zwischen Wörterlisten und linguistischen Details. Gerade am Anfang kann man deshalb nur empfehlen: beherzt querlesen! Was man dabei übersieht, taucht später sicher noch einmal auf. Und so muss man schon ein großes Interesse am Thema mitbringen, damit die Erkenntnisse über das Denken die Mühe des Mitdenkens aufwiegen. 

 

Steven Pinker: Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät
Übersetzt von Martina Wiese
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014
608 Seiten, 24,99 Euro 

Mehr zum Thema:
01.05.2013 | KRITIK
Kontroverse Sprachthese
Daniel Everett: "Die größte Erfindung der Menschheit", Deutsche Verlags Anstalt, München 2013, 464 Seiten

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