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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.05.2014

SachbuchMehr als nur eine Prise Polemik

Hamed Abdel-Samad: Der islamische Faschismus

Von Anne Françoise Weber

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Der Politologe Hamed Abdel-Samad (dpa / picture-alliance / Inga Kjer)
Politologe und Provokateur: Hamed Abdel-Samad (dpa / picture-alliance / Inga Kjer)

Ausgehend von historischen Entwicklungen leitet Hamed Abdel-Samad in seinem neuen Buch ab, dass der Islam eine faschistische Ideologie sei. Das ist mutig, aber auch überzogen.

Eigentlich würde man von Hamed Abdel-Samad einen differenzierten Blick auf Islam und Muslime erwarten. Immerhin wurde er in Ägypten als Sohn eines Imams geboren und stand in seiner Studienzeit den Muslimbrüdern nahe. Als junger Mann kam er nach Deutschland. In seiner 2009 erschienenen Autobiographie "Mein Abschied vom Himmel" schildert er eindrücklich, was ihn als jungen Muslim an seiner Religion zunächst faszinierte und später abstieß.

In seinem neuen Buch "Der islamische Faschismus" allerdings neigt er häufig zu bedauerlichen Klischees. Dazu mag auch die persönliche Bedrohung beitragen: Wie er im Vorwort schildert, steht er unter Polizeischutz, da verschiedene muslimische Geistliche zu seiner Ermordung aufgerufen haben. Grund: seine Thesen zu faschistoiden Zügen des Islam.

"Die faschistische Ideologie vergiftet ihre Anhänger mit Ressentiments und Hass, teilt die Welt in Freund und Feind ein und droht Gegnern mit Vergeltung. Sie richtet sich gegen die Moderne, die Aufklärung, den Marxismus und die Juden und glorifiziert Militarismus und Opferbereitschaft bis in den Tod. All diese Eigenschaften treffen auch auf den modernen Islamismus zu, der zeitgleich mit dem Faschismus in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden ist."

Direkter Einfluss faschistischer Literatur

Hamed Abdel-Samad weist nicht nur Parallelen auf, sondern zeigt auch einen direkten Einfluss faschistischer Literatur und Organisationsformen auf Vordenker der ägyptischen Muslimbruderschaft wie Hassan Al-Banna und Sayyid Qutb. Solche historischen Details sind eine Stärke des Buches – problematisch wird es da, wo Abdel-Samad nachweisen will, dass die faschistoiden Elemente auf die Anfänge des Islam zurückgehen.

"Der islamische Faschismus" von Hamed Abdel-Samad (Droemer Knaur Verlag)"Der islamische Faschismus" von Hamed Abdel-Samad (Droemer Knaur Verlag)Gewaltverherrlichung und Verteufelung Andersdenkender sieht er so tief im Koran und in den Überlieferungen über den Propheten Mohammed verankert, dass im Grunde keine andere Ausrichtung möglich erscheint – Auslegungs- und Überlieferungsgeschichte werden hier ebenso vernachlässigt wie anders gelagerte Koranverse oder Prophetenaussprüche. Die Geschichte der islamischen Länder, eines enormen Gebietes mit zahlreichen Zentren und verschiedenen Herrschern, fasst Abdel-Samad ebenfalls sehr pauschal zusammen. Seit dem Einfall der Mongolen in Bagdad im 13. Jahrhundert sei "der Islam" auf Abschottung bedacht gewesen. 500 Jahre lang habe sich die islamische Welt Wissen und Erfahrung verschlossen. Diese Anklagen sind alt und unberechtigt. Aber Hamed Abdel-Samad macht sich nicht die Mühe, neuere Forschung in Geschichts- und Islamwissenschaften zu rezipieren.

In Bezug auf den aktuellen ägyptischen Kontext wirkt das Buch besonders einseitig. Hamed Abdel-Samad befürwortet die Absetzung des gewählten Präsidenten Mohamed Mursi rückhaltlos, weil er dessen Handeln ganz von der faschistoiden Ideologie der Muslimbrüder bestimmt sah. Über die Ereignisse nach Mursis Absetzung schreibt er:

"Als sich Anti-Mursi-Demonstranten mit der Armee verbündeten und klar war, dass sie den abgesetzten Mursi nicht wieder ins Amt bringen konnten, setzten die Muslimbrüder auf Gewalt. Sie riefen zur Eliminierung ihrer Gegner auf. Auch das ist ein altbekanntes Muster, das einmal mehr zeigt, um was für eine totalitäre Bewegung es sich handelt."

"Man kann nicht alle Muslime über einen Kamm scheren."

Mit keinem Wort erwähnt Abdel-Samad, dass seither die neue Regierung die Eliminierung der Muslimbrüder gewaltsam vorantreibt. Den Auftakt bildete die Auflösung der Protestcamps im Sommer, bei der mehrere Hundert Menschen ums Leben kamen. Es folgten die blutige Niederschlagung von Demonstrationen, Haftstrafen, Todesurteile und Organisationsverbote. Doch faschistische Tendenzen scheint das für Hamed Abdel-Samad keinesfalls zu haben.

"Man kann nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. Tut man es doch, ist dies eher Ausdruck von Paranoia. Wer 1,5 Milliarden Muslimen vorwirft, die identischen Absichten und Ziele zu verfolgen, folgt dem gleichen Denkmuster wie ein Islamist, der glaubt, der gesamte Westen denke in identischen Schablonen und verfolge ein einziges Ziel – nämlich das, den Islam zu vernichten."

Ein solches Plädoyer für Differenzierung ist gerade von einem Sohn gläubiger Muslime zu erwarten – leider hält sich Abdel-Samad allzu oft nicht an seine eigene Ermahnung. So behauptet er, die Attentäter des 11. September stünden stellvertretend für eine Generation, die an der Schizophrenie zwischen westlichem Lebensstil und hermetischer Abschottung zerbrochen sei:

"Eine Generation, die inzwischen die Mehrheit der Lehrer, Imame, Meinungsmacher und Professoren in der islamischen Welt stellt. Die allerwenigsten von ihnen werden Terroristen.
Sie arbeiten und lachen, schauen westliche Filme an und feuern die Spieler von Barcelona oder Arsenal an, tragen Jeans und hören Musik. Und dennoch tragen sie einen mutierenden Virus in sich, der jederzeit ausbrechen kann. Dieser Virus heißt Dschihad."

Schweigende Mehrheit soll sich zu Wort melden

Über einen Kamm also sollen die Muslime nicht geschert werden, der Virus des Dschihad allerdings steckt in allen - das ist ein glatter Widerspruch. Und das Bild des Virus ist eine Biologisierung, die keinerlei Platz für Individualität und eigenes Denken lässt. Dabei zitiert Hamed Abdel-Samad auch verschiedene Muslime, die ganz eigene Gedanken nicht nur zum Dschihad, sondern auch zum Gottesstaat oder zum Umgang mit Andersgläubigen haben. Vor allem der libanesische schiitische Geistliche Hani Fahs ist hier ein beeindruckendes Beispiel.

Abdel-Samad fordert, dass sich die schweigende Mehrheit der Muslime in Deutschland stärker zu Wort meldet. Sie solle gegen den wachsenden Einfluss von konservativen Islamverbänden und Salafisten vorgehen. Ob er allerdings mit seinem Faschismusvergleich solche Menschen erreicht, bleibt fraglich. Einer der letzten Sätze des Buches lautet:

"Es fällt vielen Muslimen schwer zu erkennen, dass Freiheit und Demokratie sich nicht vertragen mit dem Gedanken, dass der Mensch durch ein himmlisches Wesen ferngesteuert wird."

Schablonenhafter kann man den Islam kaum fassen. Hamed Abdel-Samad gesteht Muslimen nicht zu, dass ihr Glaube eine Richtschnur für individuell verantwortetes, ethisches Handeln sein könnte. Das hat viel mit platter Islamfeindlichkeit und wenig mit gründlicher Analyse zu tun.

 

Der islamische Faschismus. Eine Analyse
Droemer Knaur Verlag München, April 2014
224 Seiten, 18,00 Euro, auch als ebook
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