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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.11.2014

SachbuchFotografien des Grauens

Luca Crippa/Maurizio Onnis, Wilhelm Brasse: Der Fotograf von Auschwitz

Von Pieke Biermann

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Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)
Eingang zur Gedenkstätte des KZ Auschwitz: Wilhelm Brasse half aufzudecken und zu dokumentieren, was in Auschwitz geschah (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)

Fünf Jahre war Wilhelm Brasse politischer Häftling im Konzentrationslager Auschwitz. Der Fotograf wird dazu genötigt, Häftlinge für die Verwaltung zu fotografieren. 50.000 Bilder von Häftlingen und den Lagerverhältnissen entstehen. Brasse überlebt das KZ und rettet die Fotos.

Wilhelm Brasse hat unser Bild von Auschwitz geprägt wie kein anderer. Selbst wenn wir den Namen nicht parat haben, seine Fotos sind auf unserer kollektiven Netzhaut eingebrannt. Ikonen der Grausamkeit. Todgeweihte als erkennungsdienstliches Triptychon: Profil von rechts / frontal / Halbprofil von links. Namenlos, nur markiert mit dem Kürzel ihres "Verbrechens": J wie Jude, Pol wie Politisch, P wie polnisch ... Aber auch Brasse selbst ist kein Unbekannter. Im polnischen Fernsehen läuft 2005 und danach auf vielen Festivals Irek Dobrowolskis Film "Der Porträtist", es gibt Reportagen über ihn auch in deutschen Medien und zu seinem Tod 2012 lange Nachrufe in aller Welt. Einen davon, schreibt das Autorenduo Crippa & Onnis 2013 in seinem Blog, "hat Maurizio fast zufällig gelesen." So entstand die Idee zum romanzo-verità über den Fotografen von Auschwitz, nach Dokumenten und (Selbst-)Zeugnissen.

Wilhelm Brasse, Sohn österreichisch-polnischer Eltern, wird im August 1940 Häftling Nr. 3444 in Auschwitz, damals noch ein Lager für polnische Politische. Er hatte sich nach dem Nazi-Überfall auf Polen geweigert, Deutscher zu werden, und zu flüchten versucht. Er ist 22, gelernter Porträtfotograf und spricht Deutsch. Er bleibt bis zum Ende in Auschwitz, aber er überlebt: Die SS braucht einen guten Fotografen, nicht nur für korrekte Aktenführung. Also knipst er auch SS-Leute für Ausweisfotos und entwickelt die "Genrebilder vom Lageralltag" etlicher SS-Fotoamateure. Und retuschiert befehlsgemäß alles. Auch die etwa 40 bis 50.000 Häftlingsporträts. Akkordarbeit. Pro Mensch ein paar Minuten. Irgendwann sind seine jüdischen Nachbarn aus Żywiec dabei.

Erinnerung als "etwas zum Wohl der Menschheit"

Am liebsten ist er in der Dunkelkammer. Bei Außenaufnahmen bekommt er noch Grausameres vor die Linse als Menschen in Todesangst: die Sterilisationsmassaker der furchtbaren Gynäkologen Wirth und Clauberg, die Opfer der "medizinischen" Experimente des Dr. Mengele. Helfen kann er niemandem, nicht Pater Kolbe, nicht Rudi Friemel, der tatsächlich seine Margarita Ferrer heiraten darf. In Auschwitz. Genehmigt von Himmler, warum auch immer. Brasse macht die Hochzeitsfotos. Kurz darauf wird sein Freund Rudi ermordet.

Als die Rote Armee im Januar 1945 näher rückt, soll Brasse alle Fotos verbrennen. Er wirft sie ins Feuer und holt sie wieder raus, sobald die SS-Leute weg sind. Negative brennen schlecht. Er verschließt sie in seinem Schrank, bevor er selbst nach Mauthausen verfrachtet wird. Fast 39.000 Fotos werden so gerettet und Teil des Archivs der Gedenkstätte Auschwitz.

Crippa und Onnis ging es, schreiben sie, "um einen Menschen, der bei aller Angst ums eigene Überleben beschließt, etwas zum Wohl der Menschheit zu tun": die Bilder zu retten. Doku-Fiction bedeutet Erzählen von innen – aus Brasses Kopf und damit quasi "live aus Auschwitz". Die Autoren tun das fast naiv-unbefangen, so als hätten sie nie von Primo Levi etwa gehört. Aber sie schreiben spannend und anrührend und vielleicht genau richtig für Leser, denen schmerzhafte, skrupulöse Literatur von Überlebenden zu anstrengend ist.

Luca Crippa/Maurizio Onnis, Wilhelm Brasse: Der Fotograf von Auschwitz
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Blessing Verlag, München 2014, 336 Seiten, mit etlichen Schwarzweiß-Fotos, gebunden, 20,60 Euro

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