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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.12.2013

SachbuchDüstere Aussichten für den Planeten

Stephen Emmott: "Zehn Milliarden"

Von Vera Linß

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Der Klimaforscher Stephen Emmott zeichnet in seinem Buch "Zehn Milliarden" ein düsteres Bild der Zukunft der Erde. Ein Text, der den Leser ohne Hoffnung zurücklässt.

"We’re fucked." Diese Worte wählt Stephen Emmott in der englischen Originalfassung für den Zustand unseres Planeten. Und weil die deutsche Übersetzung in dieser Hinsicht viel zu zahm daher kommt – "Wir sind nicht mehr zu retten" heißt es da – möchte man gleich in Englisch trotzig entgegen halten: "So what?"

Denn dieses Büchlein macht sprachlos, hilflos und fassungslos zugleich und man weiß nicht, worüber man zuerst wütend sein soll. Über all die Fakten, mit denen der Brite die Leser malträtiert, oder über den Autor selbst, weil er uns ohne jede Hoffnung zurücklässt.

Auf zweihundert Seiten zeichnet der Oxford-Professor, der in Cambridge auch ein Microsoft-Forschungslabor leitet, ein grauenvolles Bild vom Versagen unserer Zivilisation. Eine Weltbevölkerung von "Zehn Milliarden" – deshalb auch der Buchtitel – das ist die kritische Größe, auf die die Menschheit zum Ende dieses Jahrhunderts hinsteuert. Zu diesem Zeitpunkt, ist sich der Klimaforscher sicher, wandelt sich das Leben auf der Erde zur Hölle, denn die wichtigsten Ressourcen des Planeten sind dann erschöpft.

Konsumorientierung zerstört das Ökosystem

Mit knappen, lakonischen Worten beschreibt Stephen Emmott, wie "verschiedene Revolutionen" – Agrarrevolution, Revolution des Gesundheitswesens, industrielle Revolution – dazu geführt haben, wo wir heute stehen. Dass mehr Nahrungsmittel produziert wurden, die Bevölkerungszahlen explodiert sind und unser konsumorientierter Lebenswandel schon jetzt unser Ökosystem zerstört.

Die Zahlen, die er anführt, machen Angst. Sechs Billionen Flugkilometer werden pro Jahr geflogen, 2,6 Milliarden Autos wurden seit ihrer Erfindung produziert. Der Wasserverbrauch ist in den letzten hundert Jahren um das siebenfache gestiegen. Fast ein Drittel des tropischen Regenwaldes ist abgeholzt, 87 Prozent des Meeres sind überfischt, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wächst. Wetterextreme sind häufiger als je zuvor.

Eindrucksvoll zeigt Emmott, wie eins ins andere greift, eine Entwicklung offenbar unvermeidlich die nächste nach sich zieht. Manchmal stehen nur einzelne Sätze auf einer ansonsten leeren Seite, Fotos in schwarz-weiß und Grafiken helfen dem Vorstellungsvermögen nach.

Erschlagen von der Masse an Schrecklichkeiten

Der Forscher sieht es als Teufelskreislauf: Mehr Menschen brauchen mehr Nahrungsmittel, was zwangsläufig zur weiteren Ausbeutung von Wasser, Bodenschätzen, Flora und Fauna führt, bis der Planet umkippt. Für Europa bedeutet das: Der Kontinent wird sich in Zukunft gegen Millionen Klimaflüchtlinge abschotten (müssen).

Das Schlimmste an diesem Szenario: Für Stephen Emmott ist es unvermeidbar. Er glaubt weder an alternative Energiegewinnung noch daran, dass die Menschen im Westen – was nötig wäre – ihr Konsumverhalten ändern. Damit ist für ihn die Sache erledigt.

Ärgerlich ist, dass er sich an der Idee einer drohenden Überbevölkerung festbeißt und auf eine notwendige Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise verzichtet. So schockiert sein Buch zwar und ruft jede Menge Schuldgefühle hervor. Gleichzeitig aber ist man erschlagen von der Masse an Schrecklichkeiten, die er der Menschheit prophezeit. Das paralysiert und lässt auch den kleinsten Schritt sinnlos erscheinen.

Stephen Emmott: "Zehn Milliarden"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
204 Seiten, 14,95 Euro

 

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