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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.08.2014

SachbuchDer Glaube ans Geld

Peter Sloterdijk, Thomas Macho: "Gespräche über Gott, Geist und Geld"

Von Philip Kovce

Der Motivwagen "Wohnen wie Gott in Limburg" zeigt am 25.02.2014 in der Wagenhalle des Mainzer Carneval-Verein (MCV) in Mainz (Rheinland-Pfalz) den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in einer Badewanne voll Goldmünzen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Fastnachtswagen: Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in einer Badewanne voll Goldmünzen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Mit der Aufwertung des Geldes geht eine Umwertung der Werte einher, stellt Kulturhistoriker Thomas Macho fest. Und Philosoph Peter Sloterdijk sieht in dem Wandel zugleich die Futurisierung aller Verhältnisse. Ihre Unterhaltung bietet allerlei Gesprächsstoff und ein wenig Besserwisserei.

Ja, wir müssen reden. Über Gott und die Welt, den Geist und das Geld. So befand es die Sparkassen-Finanzgruppe, die den Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk und den Berliner Kulturhistoriker Thomas Macho einlud, den Fragen des Moderators Manfred Osten Rede und Antwort zu stehen.

Gott und Geist und Geld – und nur Vertreter des Geistes auf der Bühne? Das versteht, wer bedenkt, dass zu den Fragen des mystisch-mental-monetären Dreiecks in den letzten Jahren wenn überhaupt vor allem Geisteswissenschaftler Interessantes vorzubringen hatten. Die Finanz- und Frömmigkeitskrisen verschlugen Ökonomen und Theologen zwar nicht die Sprache, doch sprachen sie weiter, als sei nichts geschehen.

Dabei ist ganz offensichtlich allerhand passiert, und dem, was da vor sich ging, versuchen Sloterdijk und Macho auf die Spur zu kommen. Macho sieht ähnlich dem Glauben an die Gotteshäuser einen Glauben an die Geldhäuser und bedauert,

"…dass wir zu lange politische und zu wenig ökonomische Theologie getrieben haben. Selbst die ökonomisch elementare Frage, worin eigentlich das Grundgeschäft der Banken bestehe, führte sogar bei Intellektuellen zu komischen und seltsamen Antworten. Kurzum, wir haben ein Verhältnis zu unserer Bank wie zu unserer Konfession. Kontoführungsspesen sind dann so etwas Ähnliches wie Kirchensteuern, eine Spende, kein Entgelt für eine Dienstleistung."

Anbeginn der Zukunft

Die Aufwertung des Geldes, die der von Macho formulierte financial turn zeigt, ist verbunden mit einer Umwertung der Werte: vom Gottvertrauen zum Geldvertrauen, von der Schuld zum Schuldner, vom Glauben zum Gläubiger, vom Credo zum Kredit. Sloterdijk sieht in diesem Wandel zugleich den Anbeginn der Zukunft:

"Schuld war in der bisherigen Welt deshalb so unausweichlich, weil es für die Menschen der Vergangenheit so etwas wie echte Zukunft kaum gegeben hat. Wirklichkeit und Vergangenheit waren so gut wie identisch. Seit dem 19. Jahrhundert sind wir aber in ein Verhältnis eingetreten, in dem wir tatsächlich Berge versetzen durch eine totale Futurisierung aller Verhältnisse. Wenn man nun weiß, dass Schuld die Bindung eines jetzigen Lebens an ein Ereignis in der Vergangenheit ist, dann begreift man auch, was für eine Revolution es bedeutet, wenn durch das Schuldenmachen der ganze Lebensprozess futurisiert wird."

Cover: Peter Sloterdijk, Thomas Macho "Gespräche über Gott, Geist und Geld" (Verlag Herder)Cover: Peter Sloterdijk, Thomas Macho "Gespräche über Gott, Geist und Geld" (Verlag Herder)Der totalen Futurisierung aller Verhältnisse liegen Umwälzungen zugrunde, die Sloterdijk schließlich nicht nur historisch als Neuzeit, sondern auch anthropologisch als neue Zeit des Menschen deutet:

"Sobald die Fortuna plötzlich als Partnerin, als Chancenbringerin, als interessante Mitspielerin im neuen Lebensspiel wahrgenommen wird, bewegen wir uns auf dem Boden der erweiterten Neuzeit. Ich glaube, das ist das Kriterium für Neuzeitlichkeit, das am meisten standhält."

Aus den Spielern der Neuzeit sind längst die Spekulanten der Gegenwart geworden, die nicht in erster Linie vertrauen, sondern gewinnen wollen. Sie verwandeln die Vertrauensökonomie in eine Glückswirtschaft – mit dramatischen Folgen für den Pechvogel.

Dazu passt, dass die Sehnsucht nach Sichtbarkeit einhergeht mit der Furcht vor Verbindlichkeit, die Macho den neuzeitlichen Lebenskünstlern attestiert:

"Wir sind neuerdings alle in der Situation von Genies und Aposteln, dahingehend jedenfalls, dass über uns sehr viel bekannt bleibt. Daher denke ich, dass die Grundangst darin bestehen könnte, immer schon so umfassend entdeckt, entlarvt, aufgezeichnet, codiert und erfasst worden zu sein, dass es möglich wäre, in einem einzigen Leben fünfzehn Mal den Namen zu ändern, ohne jemals ein anderer zu werden."

Die Rache des Realen

Doch was sollen sie tun, diese anderen, die sich selbst nicht entkommen – also wir? Werden wir nicht zwangsläufig von unserer Vergangenheit eingeholt? Dieses Bedenken des Moderators kontert Sloterdijk elegant:

"Das ist ein Rest von alteuropäischer Ontologie: Es gibt irgendwie die Rache des Realen. Die Schuld von gestern wird als Strafe von morgen eingeklagt. Auf dieser Grundlage kann man sogar neue Parteien gründen. Ich habe aber das Gefühl, so ganz verstanden ist das noch nicht, weil systematisch asymmetrische Prozesse in der Natur noch nicht genug verstanden sind. Eigentlich tragen wir noch immer Gleichgewichtsmodelle in uns; Gegenwärtig befinden wir uns aber ganz offenkundig in einer Welt, in der man das Gleiten denken muss."

Ein Masterplan zur Weltverbesserung lässt sich daraus nicht ableiten, wohl aber ein Aufruf zur Selbsterziehung. Der übende Mensch ist es, der sich mit den Verhältnissen nicht bloß arrangiert, sondern sie gestalten will. Anstatt sich zurückzuziehen, stellt er sich der Welt. Sloterdijk zufolge ist das unsere letzte Hoffnung:

"Die modernen Gesellschaften haben – die Schweiz immer ausgenommen – weitgehend vergessen, dass sie von ihren Grundformen her in der Gestalt einer Eidgenossenschaft verfasst sind. Ich behaupte, dass eigentlich nur mit solchen Menschen ein Staat zu machen ist, die noch in irgendeiner Weise Ehrfurcht vor dem Eid empfinden und die gerade deswegen gesellschaftsfähig sind, weil sie an Eidgenossenschaften teilhaben können."

Sloterdijk und Macho achten stets die Antworten des anderen und ergänzen sie gern. Oft mit anschaulichen Bildern, dann und wann mit gelehriger Besserwisserei.

Zieht man die Gelehrtenprosa ab, bleibt jedoch nicht nichts, sondern jede Menge Gesprächsstoff – und ein munterer Gesprächsverlauf. Nicht wie eine logische Abhandlung, sondern wie eine poetische Verdichtung, in der das Bild des einen zum Vorbild des anderen wird.

Kurzum: Hier liegt ein Bilderbuch für Erwachsene vor, das sich durchzublättern lohnt – und das jeder Leser weiter ausmalen möge in den Farben der Zukunft, die von uns gezeichnet sein wird.

 

Peter Sloterdijk, Thomas Macho: Gespräche über Gott, Geist und Geld
Verlag Herder, Juni 2014
111 Seiten, 12,00 Euro

Mehr zum Thema:

Philosophie - Fortwährend der Zukunft entgegenstürzend (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 15.06.2014)

Philosophie - Was das Schöne sei (Deutschlandradio Kultur, Zeitreisen, 19.03.2014)

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