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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2014

SachbuchBöse, böse Moderne

Max Nordau: "Entartung"

Von Eike Gebhardt

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Er war Arzt und ein viel gelesener Autor. Max Nordau, geboren 1849, wetterte in seiner Schrift "Entartung" gegen den modernen Zeitgeist in jeder Form. Der mache krank, die ständigen Neuerungen seien psychisch kaum zu verarbeiten. Trotz des sprachlichen Anklangs im Titel hatte hier das Wort "Entartung" nichts mit dem späteren Gebrauch durch die Nazis zu tun.

Entartung war einmal eine schlichte medizinische Diagnose – so wie ein Tumor eben entartetes Gewebe ist. Erst Ende des 19. Jahrhunderts bürgerte sich der Begriff auch für Kultur-‚Symptome’ ein, wohl nicht ganz zufällig durch Konservative wie Max Nordau, der den gesunden Volkskörper durch moderne Entwicklungen geschwächt sah und damit – gleichsam in einem Teufelskreis – immer anfälliger für die Gifte, sprich: die Denkformen und Verhaltensvorlieben der von ihm geschmähten Moderne.

Der Unterton darwinistischer Argumente ist unüberhörbar, es geht dem Autor um Evolution und Fortschritt zu immer “höheren“ Formen menschlicher Entwicklung – die für ihn gleichbedeutend sind mit Kraft, Vitalität und Produktivität einer Gesellschaft. Bedroht werde diese Entwicklung durch die zu seiner Zeit allseits bemerkte, nicht selten gar gepriesene "Dekadenz“: seinerzeit fast eine Mode in den Künsten, wiewohl  – oder gerade weil - der Titel ja Verfall bedeutete, Degenerierung eben. Dass sich für viele Zeitgenossen der Verfall des Alten mit der Hoffnung auf Erneuerung verband, war Nordau unverständlich.

So wütet er – anders kann man es nicht nennen – gegen den modernen Zeitgeist in allen Lebensbereichen, in den Künsten ebenso wie in den Lebensstilen, gegen Autoren wie Tolstoi und Ibsen wie gegen die Modediagnose Neurasthenie, die Erschöpfung und Nervenzerrüttung sensibler Feingeister. Nordau weiß sehr wohl, dass solche Moden durchaus handfeste Ursachen haben, vor allem die Überforderung durch die – psychisch kaum noch zu verarbeitenden - unaufhörlichen Neuerungen seiner Zeit wie Elektrifizierung, Telegrafie, Telefon, Automobile, Straßenbahnen, nicht zuletzt die Auflösung überschaubarer Lebensräume durch die rasante Verstädterung - eine Orientierungskrise.

Uns klingt das sehr vertraut: Lähmung durch eine Optionsvielfalt, die den Menschen überfordere. Die Schlaffheit, Willenlosigkeit und hypochondrische Reizbarkeit der Zeitgeisthelden in Kunst und Alltagskultur aber entgeistert Nordau: nirgends Kraft, Konzentration und Formbewusstsein mehr, er scheint den Untergang des Abendlands zu fürchten. Sein kurioser Wertekanon, kombiniert aus Klassik, Sittengesetz, Wissenschaft und darwinistisch inspiriertem Fortschrittsglauben, wird von den kulturellen Strömungen der Zeit schlicht ignoriert. 

Seine Feindbilder klaut er aus allen Schichten und Kulturen

Seinen Feindbildern widmet er je eigene Kapitel, allen voran dem Mystizismus, unter den er angebliche Vernunftgegner jeglicher Art gruppiert, von der Romantik bis zur Esoterik, von Symbolisten bis zu Richard Wagner. Analog widert ihn die „Ich-Sucht“ seiner Zeit an - er meint nicht Selbstsucht, sondern das arrogante Verharren im Getto einer kranken Vorstellungswelt, die „die Dinge nicht sieht, wie sie sind“, sondern eine kranke subjektive Weltsicht für die wahre Welt ausgebe – z.B. die Impressionisten mit ihrem Pointillismus; zudem nehme „der Degenerierte ...an nichts Anteil als an sich selbst“. Solchen Asozialen attestiert Nordau eine Wahrnehmungsschwäche – und Schwäche jeder Art ist ihm, dem Kultur-Evolutionisten, ein verächtliches Verfallssymptom. 

Für Nordau war das alles keine Frage einer Rasse, wie später für die Nazis, seine Feindbilder klaubt er aus allen Schichten und Kulturen. Unabhängig aber von der Triftigkeit der Thesen wurde Nordau mit seinem Ansatz ein Ahnherr jener Historiographie, die ein Jahrhundert später unter dem Titel Psychohistorie Triumphe feiern sollte.

Für Nordau war das alles keine Frage einer Rasse, wie später für die Nazis, seine Feindbilder klaubt er aus allen Schichten und Kulturen. Unabhängig aber von der Triftigkeit der Thesen wurde Nordau mit seinem Ansatz ein Ahnherr jener Historiographie, die ein Jahrhundert später unter dem Titel Psychohistorie Triumphe feiern sollte.  

120 Jahre nach der Erstausgabe erscheint nun diese sorgfältig edierte und annotierte Neuausgabe mit einem Nachwort der Herausgeberin Karin Tebben, die Nordau in den kulturgeschichtlichen Kontext einbettet und seine Kernthesen, weithin sine ira et studio, vor diesem Hintergrund erläutert. Das ist so dringlich wie hervorragend gelungen – vor allem, wenn sie zeigen kann, dass Nordau durchaus kein skurriler Einzelgänger war: Er hatte bei den führenden Köpfen seiner Zeit gelernt und die scheinbar getrennten Strömungen in Ästhetik, Kulturkritik, Medizin und Psychologie zusammengeführt und gebündelt zu einer Zeitgeistdiagnose: Es war durchaus ein europäischer Geist, den er da auf den Begriff brachte, und der internationale Erfolg belegt, dass er den neuralgischen Punkt seiner Epoche – mit seinen manchmal frappierenden Parallelen zu unserer Zeit - präzise getroffen hatte.

Max Nordau: Entartung
Neu herausgegeben und kommentiert von Karin Tebben
De Gruyter, Berlin 2013
854 Seiten, 139,95 Euro

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