Seit 22:03 Uhr Literatur

Sonntag, 31.05.2020
 
Seit 22:03 Uhr Literatur

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

SachbuchBlick ins Herz Eurasiens

Stephan Wackwitz: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan"

Von Marko Martin

Podcast abonnieren
Die Altstadt der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku mit Minaretten liegt vor dichtbebauten neuen Hochhäusern. (Deutschlandradio / Sven Töniges)
Das Zentrum von Baku: Im Vordergrund die Altstadt der Kaukasusmetropole. (Deutschlandradio / Sven Töniges)

Wer bei Baku nur an den Eurovision Songcontest denkt, sollte Stephan Wackwitz' Buch lesen. Der vielgereiste Autor beschreibt in gelungenen Essays das kulturelle und politische Leben in den drei Ländern Aserbaidschan, Georgien und Armenien - erhellende und unterhaltsame Einblicke.

Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, ist ein Schriftsteller, wie er als Typus ansonsten eher in der französisch- und spanischsprachigen Welt bekannt ist: Der feinnervige Intellektuelle, der neugierig diverse Kulturen bereist, sich in großen Städten zu Hause fühlt, jedoch bei all dem institutionell abgesichert ist. Der Dichter Octavio Paz war Mexikos Botschafter in Indien, der kubanische Romancier Alejo Carpentier, und der Chilene Pablo Neruda vertraten in der gleichen Position ihre Länder in Paris, der französische Lyriker Saint-John Perse arbeitete als Diplomat in den USA. Sie alle hatten über ihre Welterfahrungen Bücher geschrieben, und wer die Fallhöhe zum eher provinziellen Deutschland ermessen will, denke am besten an den Nazivergangenheitsverdränger und Vielschreiber Erwin Wickert: "Unser Mann in Tokyo und Peking."

Der ungleich reflektiertere Stephan Wackwitz dagegen hat eine linksintellektuelle Sozialisation hinter  sich, vor allem aber Stationen als Leiter zahlreicher Goethe-Institute von Neu Delhi bis New York. Sein schönstes Buch ist Tokyo gewidmet, sein neuestes ist gerade erschienen: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan." Dieser analytische, dabei gewitzt subjektive Reise-Essay versammelt wiederum alle Tugenden dieses Autors: Stadt-Beschreibungen von pointillistischer und ironischer Prägnanz; landeskundliche Exkurse ohne Baedeker-Betulichkeit.

Dazu die überraschenden, jedoch nie eitlen Assoziationen eines vielgereisten Kulturbürgers: So erinnert ihn das heutige, semi-archaische Tiflis nicht nur an die Filme Federico Fellinis, sondern auch an die Gestimmtheit italienischer Western. Dagegen heißt es über Armenien: "Und so bin ich mir wirklich vorgekommen wie im Inneren einer kommunistischen Zeit- und Traummaschine, als ich zum ersten Mal auf dem weiten Zentralplatz von Eriwan stand. (…) Ein Kommunismus, den Giorgio de Chirico gemalt hat.“

Deutschlands bester Reiseautor

Ein Autor, der sein eigenes Referenzsystem immer wieder in Frage stellt (eine köstlich souveräne Polemik gegen den serbien-verklärenden Irrwisch Peter Handke inklusive) und sich am Schluss fragt, ob nicht auch er selbst einer Kaukasus-Romantik zum Opfer gefallen war: Gerade nämlich hatte er vom Goethe-Institutsfenster aus gesehen, wie in Tiflis orthodoxe Provinz-Zeloten Jagd machten auf demonstrierende Homosexuelle. Dass am Schluss die Polizei sich im Regierungsauftrag doch noch auf die Seite der Zivilgesellschaft stellt und Stephan Wackwitz eben dieser Georgien-Episode ungleich mehr Platz einräumt als einer Reflexion über die postsowjetischen Herrschaftstechniken im benachbarten Aserbaidschan, ist wiederum eine hübsche Pointe: Heißt es doch inzwischen von der globalisierten intellektuellen Linken, dass in deren Wahrnehmung die Schwulen längst die Rolle des einst idealisierten Proletariats eingenommen haben.

Doch wie auch immer: Es gibt im gegenwärtigen Deutschland wohl keinen zweiten Autor, der wie Stephan Wackwitz Kopf- und reale Reisen so elegant in Einklang zu bringen vermag. Man wünscht deshalb auch seinem jüngsten Buch zahlreiche Leser.        

 

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014
248 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema:
04.08.2010 | KRITIK | ARCHIV
Eine fast biedermeierliche Metropole
Buchempfehlung August: Stephan Wackwitz: "Fifth Avenue. Spaziergänge durch das letzte Jahrhundert", Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2010, 272 Seiten
21.10.2013 | FAZIT
Hungrig nach Geschichten
Das Dokumentarfilmfestival in Tiflis
28.02.2011 | FAZIT | ARCHIV
Abseits der kommerziellen Kunstszene
Neues Konzept für das "Ludlow 38" des New Yorker Goethe-Instituts

Buchkritik

Rob van Essen: "Der gute Sohn"Ein Alt-Herren-Roman
Das Cover des Buches zeigt einen Diamanten vor farbigen Hintergrund. (Deutschlandradio/ Homunculus Verlag)

Dieser Roman will möglichst viele Genres mischen, aber keins davon wird überzeugend umgesetzt. "Der gute Sohn" geriert sich als Dystopie, wird aber zunehmend zu einer Erzählung übers Altern. Die Szenen im Altersheim sind dann auch die gelungenen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur