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Buchkritik | Beitrag vom 12.10.2018

Sabine Hossenfelder: "Das hässliche Universum"Gegen die schöne Wissenschaft

Von Gerrit Stratmann

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Das Cover des Buchs "Das hässliche Universum" und dahinter eine Aufnahme des Gas- und Staubnebels LHA 120-N 11 (S. Fischer Verlag/ NASA/ Pictore Alliance)
Sabine Hossenfelder forscht zu Graviation und Quantengravitation (S. Fischer Verlag/ NASA/ Pictore Alliance)

Die Physik macht kaum Fortschritte. Warum? Weil Wissenschaftler versuchten, möglichst elegante Theorien zu formulieren. Das müsse aufhören, fordert die theoretische Physikerin Sabine Hossenfelder in ihrem aufrüttelnden Buch.

Schönheit ist eine tückische Führerin, wenn es darum geht, Theorien über unsere Welt zu entwerfen. Das haben schon Johannes Kepler und Albert Einstein erfahren. Seit über 30 Jahren hat es in der Grundlagenphysik keinen Fortschritt mehr gegeben. Einen wesentlichen Grund dafür sieht die theoretische Physikerin Sabine Hossenfelder in ihrem forschen Buchdebüt im Festhalten an alten, fragwürdigen Denkmustern.

"Das hässliche Universum" erzählt die Geschichte einer Entfremdung. Über die Physik, wie sie heute von tausenden Wissenschaftlern weltweit betrieben wird, kann Sabine Hossenfelder nur noch den Kopf schütteln. Auf der Suche nach dem entscheidenden Durchbruch, der endlich die Vereinigung aller bekannten Kräfte in einer Theorie bringen soll, lassen sich viele immer noch von der Überzeugung leiten, es müsse eine "schöne" oder "elegante" Theorie dabei heraus kommen. Aber was ist eigentlich eine schöne Theorie? Und warum sollte es das Universum kümmern, was wir schön finden?

Forscher erfinden Extradimensionen

Um das herauszufinden, hat Sabine Hossenfelder zahlreiche Gespräche geführt mit vielen ihrer Kollegen, darunter Koryphäen wie Steven Weinberg und Frank Wilczek, mit Spezialisten, Eigenbrötlern und Außenseitern. Sie fragt: Wie nützlich sind Begriffe wie Schönheit, Einfachheit oder Natürlichkeit, wenn es um die Formulierung neuer Theorien geht? In den Antworten tritt nicht nur zutage, wie verbreitet dieses Denken immer noch ist, sondern auch wie unphysikalisch. Munter erfinden Forscher "passende" neue Teilchen, Felder, Symmetrien und Extradimensionen, um damit stimmige und elegante Theorien zu bauen. Nichts davon wurde bislang entdeckt.

Schönheit, so die These von "Das hässliche Universum", hat als Leitlinie in der Theoriebildung nichts zu suchen. Sie ist eine ästhetische Kategorie, die unsere Wahrnehmung verzerrt und Forscher daran hindert, die richtigen Fragen zu stellen.

Sabine Hossenfelder ist ein aufrüttelndes, nachhallendes und sehr zugängliches Buch gelungen. Selten wird der Stand der heutigen Physik aus der Innenperspektive in so klaren, selbstkritischen Worten geschildert. "Das hässliche Universum" vermengt gekonnt die Darstellung der wichtigsten Grundlagentheorien mit einer soziologischen Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebs. Der Herdentrieb, dem alle folgen, macht viele Forscher blind für Alternativen. Karriere lässt sich oft nur machen, wenn man dasselbe sagt wie alle anderen. Die Folge: Stillstand. Seit über 30 Jahren.

Sabine Hossenfelder: "Das hässliche Universum"
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018
362 Seiten, 22 Euro

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