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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.05.2014

RusslandChristlich-Orthodoxe Krieger

Über die gefährlichen Absichten einiger Kosaken

Von Thomas Franke

Kosaken am Bahnhof Belorussky in Moskau. (picture alliance / dpa / Alexander Vilf)
Kosaken am Bahnhof Belorussky in Moskau (picture alliance / dpa / Alexander Vilf)

Etwa 500.000 Russen sind in Kosakenverbänden organisiert. Die Bandbreite reicht von Trachtenvereinen bis zu paramilitärischen Räuberbanden. Einige halten Liberalismus für eine faschistische Ideologie und sehen in Pussy Riot die Reinkarnation des Teufels.

Sotschi während der Olympischen Spiele. Ein paar Frauen und ein Mann in bunten Strumpfhosen und Kleidchen ziehen sich Strumpfmasken über. Sie sind in Eile. Hinter ihnen eine große Werbewand für Sotschi 2014. Pussy Riot dreht ein neues Video. "Putin lehrt Dich, das Vaterland zu lieben", ist der Titel.

Kaum fangen sie an, ein wenig herum zu springen und den Refrain zu rufen, tauchen Männer in schwarzen Uniformen auf, an den Hosen Streifen, auf dem Kopf Fellkappen, Kubanki, traditionelle Kopfbedeckungen der Kosaken. Einer sprüht der Sängerin Nadeschda Tolokonikova Pfefferspray ins Gesicht, dann schlägt er zu. Mit einer Peitsche.

Die Reinkarnation des Teufels

Pussy Riot sind für viele radikal-orthodoxe Russen die Reinkarnation des Teufels. Ein Kosake in Moskau formuliert es so:

"Wir wünschen uns, dass diese Hündinnen für immer vergessen werden. Und dass sich überhaupt niemand mehr an sie erinnert. Für uns Kosaken bleiben sie wildgewordene Fotzen (beschenyje klitory), die das Thema immer und immer wieder in die Öffentlichkeit bringen. Und erst recht vor ausländischen Journalisten."

Am nächsten Tag ist das Pussy Riot-Video im Internet. Zum Text "Putin lehrt Dich, Dein Vaterland zu lieben", prügeln Kosaken auf die Frauen in den bunten Kleidchen ein, treten, als diese schon am Boden liegen. Pavel Sadoroschnyj ist ihr oberster Ataman mit direktem Draht zu Präsident Putin. Atamane werden die Anführer der Kosaken genannt.

"Sie wissen, was bei uns mit Pussy Riot passiert ist. Unsere Gesellschaft ist dadurch zerbrochen. In diejenigen, die mit Gott sind, und diejenigen, die gegen Gott sind. Wir haben zwar gesehen, dass es wenige sind, es sind aber die bösesten Leute, ohne das geringste Gewissen. Heimtückisch stecken sie sich überall rein. Wie Drogensüchtige, die durch nichts aufzuhalten sind. Es ist einfacher, sie fort zu jagen."

Drei Millionen Kosaken unterstünden seinem Befehl, sagt Sadoroschnyj. Nachprüfen lässt sich das nicht.
Kosake zu werden, ist recht einfach. Ein Eintrag ins staatliche Kosakenregister reicht. Man muss sich nur zu traditionellen Werten bekennen und christlich-orthodox sein. Kosaken als Vorfahren braucht man nicht. Registriert sind etwa eine Million Menschen.

Förderung der sittlichen Erziehung

Bei einer Volkszählung 2010 gaben etwa 67.000 an, Kosaken zu sein. Etwa 500.000 Menschen sind in Kosakenverbänden organisiert. Die Bandbreite reicht von Trachtenvereinen bis zu paramilitärischen Räuberbanden. Vor anderthalb Jahren trat eine "Entwicklungsstrategie" in Bezug auf russische Kosaken in Kraft. Darin heißt es:

Russische Kosaken sind integraler Bestandteil der Zivilgesellschaft. Die russischen Kosaken sollen weiterhin in den besten historischen Traditionen dem Staat und dem Wohle des Volkes dienen. Dazu gehört, dass sie Verpflichtungen übernehmen, die jüngere Generation würdig zu erziehen. Sie sollen dazu beitragen, die inter-ethnische Stabilität in der Russischen Föderation zu festigen und zum Erhalt und zur Entwicklung der Kultur der Völker der Russischen Föderation beitragen. Dazu gehört auch die Förderung der patriotischen, seelischen, sittlichen und körperlichen Erziehung der Jugend.

Diese Entwicklungsstrategie der russischen Regierung bildet die Basis für die Aktivitäten der Kosaken. Neuerdings gehören auch Patrouillen dazu.

Feierabendverkehr in einem Moskauer Randbezirk. Hochhäuser, niedrigere Mietskasernen. Deutlich sind die Fugen zwischen den Betonteilen zu sehen. Die Straße hat zehn Spuren. Leute hetzen aus dem Metroeingang, schauen nicht links oder rechts. Minibusse bringen sie nach Hause in die Außenbezirke. Die Kosaken patrouillieren zu dritt. Sie dürfen keine Waffen tragen. Vassilij Solowjow ist ihr Anführer. Er ist Oberst im Kosakenheer.

"Wir, die anständige Gesellschaft, wir müssen auf dem Gebiet der Russischen Föderation Ordnung schaffen. Wir sind hier zwar nicht Europa, doch diese Leute müssen lernen, Gesetze einzuhalten. Wenn wir das gut hinkriegen, werden wir einen blühenden und glücklichen Staat haben."

Kosaken erkennt man am roten Streifen

Seine Begleiter sind Valerij Karundsche, eigentlich Ingenieur und Aleksej Uljanow, Koch. Sie tragen breite Polizeimützen und Wetterjacken. Als Kosaken erkennbar sind sie am roten Streifen auf ihren Hosen. Am Eingang zur Metro sitzt ein alter Mann. Er trägt eine abgewetzte Jacke, eine speckigen Mütze und löchrige Schuhe. Vor ihm liegen ein paar halbverwelkte Blümchen.

"Was machen sie hier? Wir reden Tag mit Ihnen, erklären Ihnen, dass das nicht geht mit den Blumen.
Sie gehen einem illegalen Geschäft nach.Das geht mit Ihnen jedes Mal so, Sie fangen an jedes Mal an, Druck zu machen, dass Sie 90 sind, dass Sie Veteran des Großen Vaterländischen Krieges sind, wir reden mit Ihnen, wir verstehen Sie, aber... Gehen Sie bitte nach Hause, wir wollen nicht mit Dir streiten. Ich verstehe Dein Alter. Ich verstehe Deine Situation, aber wir haben auch unsere Vorgesetzten."

"Bei einem Veteran ist das eine unangenehme Situation. Jeden Tag kommt er. Wenn er die Blumen wenigstens selbst anbauen würde auf der Datscha. Aber nein, er kriegt die Ware geliefert. Er ist ein normaler Mensch, der nicht genug Rente hat. Wir verstehen das alles. Aber wenn ihn Personen kaukasischer Nationalität beliefern. Der verdient ja nicht für sich, der verdient für jemand anders. Derjenige will hier selbst nicht stehen und beschäftigt einen alten Mann, dem die Leute aus Mitleid etwas abkaufen."

Menschen aus dem Kaukasus sind in Russland Opfer ständiger rassistischer Übergriffe.
Der alte Mann erhebt sich umständlich und schlurft davon. Auf der anderen Straßenseite entdecken sie eine alte Frau mit selbstgestrickten Kindersocken. Später scheuchen sie eine alte Usbekin, die Kräuter verkauft auf:

"Was hält diese Babuschka, deren Bruder die Ware in der Landwirtschaft klaut, in der er arbeitet, und die sie hier illegal verkauft – was hält diese beiden davon ab, in Usbekistan zu leben? Sie sind hergekommen, um hier gegen Gesetze zu verstoßen."

Polizei begrüßt die Aktivitäten der Kosaken

Die drei Kosaken ziehen weiter und sehen einen Studenten, der Setzlinge anbietet.

In der Sowjetunion gab es dafür eine ordentliche Gefängnisstrafe. Jetzt aber haben sie den Leuten Bewusstsein gegeben. Niemand schlägt sie, niemand verhaftet sie und steckt sie für 25 Jahre ins Gefängnis.

"Weißt du wie viel Schnee es in Sibirien gibt? Nach Sibirien. Genau, wir schicken Dich nach Sibirien."

Der nächste: Ein Schwarzafrikaner, der Prospekte verteilt:

"Los, die Genehmigung. Noch einmal erkläre ich's dir nicht. Wenn ich dich hier noch mal sehe, nehme ich dir das Ganze weg."

Die Polizei begrüßt die Aktivitäten der Kosaken. Seit Jahren propagieren die Staatsmedien die Verteidigung der Heimat gegen äußere Feinde. Seit dem Umbruch in der Ukraine hat die Propaganda Ausmaße erreicht, die selbst Menschen, die in der Stalinzeit aufgewachsen sind, nicht für möglich gehalten haben. Auch das sorgt für Zulauf bei den Kosaken. Ihr oberster Ataman – also Anführer - Pavel Sadoroschnyj erklärt das so:

"In Europa fordern alle immer bürgerschaftliches Engagement, dass die Öffentlichkeit dem Staat helfen soll. Ihr bringt uns bei, das sei demokratisch, wenn sich die Menschen um das Gemeinwesen kümmern. Kosaken sind dieses Gemeinwesen. Und wir kümmern uns um die Probleme der Gesellschaft. Kosaken sind die am festesten zusammengeschweißte Gruppe der Gesellschaft, getrieben von patriotischen Gefühlen. Wir können nicht anders, als dem Staat zu dienen. Wir verteidigen Russland gegen innere und äußere Feinde."

Scharfe Waffen tragen sie nur bei Militäraktionen. Messer, Säbel und Peitschen gehören jedoch zur traditionellen Kleidung.
Kosaken sind beliebt. Lediglich liberale Regimekritiker sehen die radikalen Saubermänner kritisch.

Ein stillgelegtes Fabrikgelände in Moskau. Vier junge Männer in Tarnkleidung greifen sich gegenseitig mit Holzmessern an, wehren mit Judowürfen ab. An der Wand hängen zwei Ikonen. Es ist früher Abend. Nahkampftraining für Kosaken bei den Spezialeinheiten des Geheimdienstes. Organisator und Lehrer ist der Priester Dmitri Njenarokov:

"Kosakentum ist bewaffnete Öffentlichkeit. Das ist eine legale militarisierte Organisation. Das ist eine Volksmiliz. Es ist klar, dass man angesichts dessen, was derzeit auf der ganzen Welt passiert, nicht ohne Nationalgarde auskommt. Kosaken haben immer nicht nur ihre eigenen Interessen verteidigt, nicht nur den Glauben, sondern sie haben auch die die Sicherheit der Mitbürger vor Terroristen, Überfällen, Rechtsverstößen hergestellt."

Liberalismus als faschistische Ideologie

Für Demokratie und Liberalismus haben Kosaken nur Spott übrig. Liberalismus, sagt Anführer Sadoroschnyj, sei eine faschistische Ideologie:

"Wir haben den Eindruck, dass Europa krank ist. Europa interessiert sich für nichts Göttliches mehr und für nichts Menschliches, sondern nur noch für die schändliche Niedertracht. Es tut uns leid, dass Europa vielleicht verschwindet. Ich glaube, es wird erneut eine Mission des russischen Volkes und der Kosaken geben – wie im Zweiten Weltkrieg. Wir werden Europa noch einmal vom Faschismus befreien müssen."

Derzeit "befreit" Russland die Landsleute in der Ukraine von den Faschisten, die dort nun an der Macht seien - so zumindest die Lesart der russischen Öffentlichkeit und der Staatspropaganda.

Im Laufe des Abends kommen immer mehr Kämpfer zum Judo Training, unter ihnen auch eine Frau. Fotos sind nicht erlaubt, die Anwesenheit von Journalisten ist ihnen suspekt. Ausländer gelten, streng in der Linie sowjetischer Ideologie, als Spione. Ausbilder Njenarokov zeigt noch einmal, wie man einen Angreifer mit dem Judowurf Kata Gatame abwehrt. Njenarokov ist 46, klein, drahtig. Er geht auf einen der jungen Elitekämpfer zu, greift den Arm und legt ihn aufs Kreuz, verdreht ihm den Arm, bis der auf den Boden klopft, weil es weh tut. Ausbilder Njenarokov glaubt fest daran, dass es einen Krieg gibt.

"Ich weiß nicht, in welcher Form. Aber er kommt. Auf jeden Fall gibt es einen Krieg der Informationen. Es gibt Terrorismus und dann einen Glaubenskrieg."

Und er sei auf diesen Krieg vorbereitet, sagt der Judo-Lehrer.

"Der Geist eines Kämpfers ist immer bereit zum Kampf, deshalb sind wir Kämpfer. Und der Geist eines Christen ist bereit zum geistlichen Kampf. Noch ein Grund, weshalb ich Kämpfer geworden bin, ist, weil jeder getaufte Christ dem Gesetz nach Krieger Christi ist. Selbst ein kleines Kind, das in der Kirche getauft wird, wird damit bereits Krieger. Deshalb meine ich, ja, wir sind bereit. Das Kosakentum in Russland ist bereit."

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