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Kompressor | Beitrag vom 04.04.2017

Russische Revolution als soziales NetzwerkTrotzki liken und reposten

Uli Hufen im Gespräch mit Max Oppel

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Beginn der Russischen Revolution im Oktober 1917: Wladimir Iljitsch Lenin wendet sich auf dem Roten Platz in Moskau zu den Menschen. (imago / United Archives International)
Wie würde Lenin sich via Facebook äußer? Das "Project 1917" greift diese Idee auf. (imago / United Archives International)

Wie bringt man der heutigen Generation Facebook die politische Situation während der russischen Revolution von 1917 nahe? "Project 1917" lässt Zeitgenossen wie Trotzki, Gorki oder Schostakowitsch in Posts zu Wort kommen. Eine Geschichtsstunde besonderer Art.

Soziale Netzwerke einmal anders: "Project 1917" heißt eine Kunstaktion, die der regimekritische russische Journalist Michail Sygar initiiert hat. Im Stil von Facebook kommen hier Nutzer mit Posts zu Wort, die schon lange tot sind: die Protagonisten der Russischen Revolution von 1917 sowie viele andere wichtige Zeitgenossen wie Maxim Gorki, Dmitri Schostakowitsch  oder Winston Churchill. Registrierte User können die Beiträge kommentieren und liken – und so in einen Dialog mit Trotzki, Lenin  und Co. treten.

(Project 19017, https://project1917.com)Ein Blick auf das Portal "Project 1917". (Project 19017, https://project1917.com)

So würde sich wohl mancher Schüler den Geschichtsunterricht wünschen. Denn ganz nebenbei lernen die Leser von "Project 1917" auch alles mögliche über Kunst und Kultur de Zeit, wie das Wetter damals war und wie hoch die Brotpreise.

Unzählige Tagebuchseiten wurden ausgewertet

Der Journalist Uli Hufen hat sich im Revolutionsportal umgesehen – und ist sehr angetan von der akribischen Arbeit, die Sygar und seine Mitstreiter in "Project 1917" invesitiert haben. Unzählige Seiten aus Briefen und Tagebüchern wurden dafür ausgewertet.

So entstehe ein Kaleidoskop verschiedener politischer Strömungen und Meinungen, die der heutigen Situation durchaus ähnlich sei. Gleichwohl gebe es auch Kritiker des Projektes, die bemängeln, die Stimme des "einfachen" Volkes fehle: Arbeiter, Bauern, Soldaten und anmerkten:

"Die machen den selben Fehler heute mit diesem Netzwerk, den 1917 die Eliten in Russland gemacht haben: sich nämlich nicht besonders dafür zu interessieren, was die Arbeiter, Soldaten und Bauern wollen."

Die Resonanz in Russland sei gut. Man merke deutlich, dass die Leute es zu schätzen wüssten, dass man ihnen die Quellen zur Hand gebe, um Ihnen die Einordnung und Einschätzung selbst zu überlassen – und ihnen nicht nur die offizielle Lesart der russischen Regierung von Geschichte vorsetze. Bislang blieb "Project 1917" unbehelligt von staatlicher Zensur.

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 08.03.2017)

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