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Konzert / Archiv | Beitrag vom 07.07.2020

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt Henze, Prokofjew und BeethovenGeniale Sinfonie-Erstlinge

Moderation: Stefan Lang

Ein nicht all zu groß besetztes Orchester spielt auf der Bühne mit Dirigenten. (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Robert Niemeyer)
Das RSB spielte das Abschlusskonzert einer ganz eigenen Saison live in unserem Programm (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Robert Niemeyer)

Drei Werke aus drei Epochen stehen auf dem Programm. Sie zeigten alle: hier traten junge Komponisten voller Energie und Optimismus mit ihren ersten Sinfonien an, die den Grundstein für ihre Karriere von Weltgeltung legten.

Es ist der Saisonabschluss des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, das der Chefdirigent Valdimir Jurowski als Solidaritätskonzert für die englische Musikszene gesetzt hat. 

Britische Musikwelt als Gesprächsthema 

Der britische Botschafter Sir Sebastian Wood ist zu Gast im Sendesaal, ebenso der Geiger Daniel Hope und Jeremy Bines, Leiter des Chores der Deutschen Oper Berlin.

Vier Männer in einem Gespräch vor Mikrofonen vertieft. (Deutschlandradio / Cornelia de Reese)Moderator Stefan Lang spricht mit Geiger Daniel Hope, RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski und dem Botschafter Sir Sebastian Wood. (Deutschlandradio / Cornelia de Reese)

Sie sprachen zwischen den Sinfonien über strukturelle Unterschiede zwischen deutschen und englischen Orchestern und der Musikszene allgemein. Schließlich gilt dort: Corona plus Brexit. Beides beeinflusst die Musikwelt nachhaltig.

Hans Werner Henze hat seine erste Sinfonie als Zwanzigjähriger vorgelegt, weil er meinte, auf diesem Gebiet einen Beitrag leisten zu müssen. 1946  war er Student in Heidelberg - Kriegserfahrungen und kurze Gefangenschaft lagen kurz hinter ihm. 1948 kam die Uraufführung einer viersätzigen Fassung unter der Leitung seines Lehrers Wolfgang Fortner zu Stande.

Der Unzufriedene

Danach zeigte sich Henze unzufrieden. Ihm wurden Unzulänglichkeiten und eigene Schwächen offenbar. Obwohl die Kritik ihn als besten Schüler des Dirigenten lobte, arbeitete Henze das Werk um. 1964 legte er eine neue Fassung vor, die er auch selbst dirigierte.

Ein Mann hebt die Arme bei einem Orchesterdirigat. (imago images / Michel Neumeister)Hans Werner Henze, der hier 1960 in Wien dirigiert. (imago images / Michel Neumeister)

Sein Kommentar damals: er habe das Material neu geordnet und dabei die musikalischen Themen deutlicher und kontrastreicher exponiert. Die Fassung ist dreisätzig - alles gestrafft und komprimiert. Nur der mittlere Satz blieb unangetastet. Er wurde schon in der Urfassung als ein Hauch von Hölderlins 'heiliger Nüchternheit' empfunden - wegweisend für die Rezeption seines weiteren Werkes.

Der neue Haydn-Fan

Prokofjew hatte fast eine Abneigung gegen die Musik von Mozart und Haydn. Er empfand sie als langweilig. Doch sein Lehrer vermochte im Unterricht und in Orchesterproben zu vermitteln, welche Raffinesse in dieser Musik liegt. Und so entschloss sich der junge Mann, selbst eine Sinfonie zu komponieren, die dem Haydn-Feeling nahekomme, ohne dabei die eigene Handschrift zu verleugnen.

Er baute, ganz nach dem Vorbild, "kleine Fußangeln" in die Musik ein: plötzliche harmonische Wendungen, falsche Schlüsse, irreguläre Rhythmen. Immer wenn der Hörer sich auf sicherem Terrain fühlt, wird er auf liebenswürdige Weise aufs Glatteis geführt. Dass er seine Sinfonie "klassisch" nannte, verband er mit dem Wunsch, auch seine Sinfonie würde ein Klassiker werden. Recht gehabt.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt auf einer Bühne mit leerem Saal. (Deutschlandradio / Cornelia de Reese)Spielen vor einem leerem Saal, aber unsere Mikrofone sind dabei. (Deutschlandradio / Cornelia de Reese)

Das war in den Jahren 1916 und 1917. Die politischen Turbulenzen jener Tage finden keine Spiegelung in der Musik. Doch die Aufführung fand in nur kleinem, ja unbeachtetem Kreis statt - die Menschen hatten Sorgen, das Interesse an der Musik war gering. 

Der Zögerer

Ludwig van Beethoven zögerte lange, bevor er sich mit einer Sinfonie beim Wiener Publikum vorstellte. Er war als Klaviervirtuose bekannt, für seine Gabe für ausgiebiges Fantasieren. Mit Kammermusikwerken hatte er sich etabliert. Aufträge dieser Art kamen reichlich aus den Adelshäusern, gleich mit der Buchung als teilnehmender Pianist.

Und so war es ein großer Schritt, den Beethoven unternahm, in einem von ihm organisierten Konzert nun - endlich auch - eine Sinfonie vorzulegen. Das Publikum lockte er mit dem Versprechen, sich wieder improvisierend ans Klavier zu setzen. Die Akademie war ein voller Erfolg. Die Leipziger "Allgemeine Musikalische Zeitung" vermeldete kurz danach: "Dies war wahrlich die interessanteste Akademie seit langer Zeit." Beethoven hatte also ein Zeichen in Punkto Sinfonie setzen können: Hier habe er noch Großes vor.

Live aus dem Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks Berlin

Hans Werner Henze
Sinfonie Nr. 1

Sergej Prokofjew
Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 "Symphonie classique"

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

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